Studie Verschenkte Chancen und soziale Vorauswahl


Der Grundschulvergleich von sieben Bundesländern, der die Lese-Untersuchung IGLU erweiterte, zeigte klar: Die Schulempfehlung am Ende der Grundschulzeit ist ein ziemliches Lotteriespiel.

Fast die Hälfte aller deutschen Grundschüler erhält nach der vierten Klasse eine falsche Schulempfehlung. Viel zu oft wird nach sozialer Herkunft statt nach Leistung entschieden. Dies geht aus dem Grundschulvergleich der Bundesländer hervor, der am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. Der Ländervergleich ist eine Erweiterung der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung IGLU. An ihm hatten sich sieben Bundesländer beteiligt, die Ergebnisse Thüringens sind jedoch auf Grund der Auswahl der Schulen nicht repräsentativ.

Danach erhalten nur etwa zwei Drittel der guten Leser ihren Leistungen entsprechend eine Gymnasialempfehlung. Während ein Drittel für die Realschule und rund vier Prozent für die Hauptschule empfohlen werden. Umgekehrt erhalten zehn Prozent aller schlechten Leser eine Gymnasialempfehlung. Auch von den Grundschülern mit mittlerer Kompetenz wird der Studie zufolge nur die Hälfte ihren Leistungen entsprechend für die weiterführende Realschule empfohlen. "Praktisch jede Note" sei in diesem Bereich möglich, kritisierte der Leiter der Studie, Wilfried Bos.

Verschenkte Bildungsreserven

Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) bezeichnete dies als "alarmierendsten Befund" der Studie. "Wir verbauen Kindern damit Chancen auf ihre Zukunft und verschenken Bildungsreserven", betonte sie. Auch die Lehrergewerkschaft GEW nannte die Übergangsempfehlungen am Ende der Grundschulzeit eine "Farce". Sie spiegelten mehr die soziale Herkunft als die individuellen Fähigkeiten der Schüler wider, erklärte GEW-Chefin Eva-Maria Stange.

Der Ländervergleich hatte ergeben, dass beim Lese-Spitzenreiter Baden-Württemberg Kinder aus höheren sozialen Schichten gegenüber Kindern aus Arbeiterfamilien sechsfach höhere Chancen haben, eine Gymnasialempfehlung zu erhalten. Auch in anderen Bundesländern beeinflusst die soziale Herkunft die Schullaufbahn. Die Empfehlung werde keinesfalls ausschließlich nach Leistung vergeben, betonte auch Bos.

Baden-Württemberg, Bayern und Hessen schneiden gut ab

Im Ländervergleich zeigte sich zudem, dass die Grundschüler in Baden-Württemberg, Bayern und Hessen auch im internationalen Vergleich beim Lesen mithalten können. Nur in Schweden, den Niederlanden und England sind die Leseleistungen besser. Die Lesekompetenz der Grundschüler in Nordrhein-Westfalen entspricht dem deutschen Durchschnittswert, während diese in Brandenburg und Bremen drastisch niedriger ist.

Jeder zehnte Grundschüler ein schlechter Leser

In Bremen kann jeder fünfte Grundschüler Texte kaum erfassen, während im deutschen Durchschnitt jeder zehnte Grundschüler sehr schlecht liest. Bildungsforscher Bos bezeichnete diese Schüler als "echte Risikogruppe", die eine intensive Förderung benötigten.

Die internationale IGLU-Studie, auf der der deutsche Ländervergleich aufbaut, war im April vergangenen Jahres vorgestellt worden. Hier belegten die deutschen Grundschüler den elften von 35 Plätzen.

DPA DPA

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