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Wettbewerb: Kleine Baumeister

In Leipzig gestalten Kinder Plätze und Parks mit. Aber anderswo fragt meist niemand, wie Jugendliche wohnen und leben möchten. Um das zu ändern, starten der stern, das Deutsche Kinderhilfswerk und Schwäbisch Hall den Wettbewerb "Baut auf uns".

Das Leipziger Stadtbauamt plante, was Behörden meistens planen, wenn kommunale Grünanlagen entstehen sollen: Blumeninseln, gewundene Wege und ein lauschiges Eckchen mit Sitzbank. Doch dann kamen die echten Experten. Eine Schülergruppe stellte die behördliche Reißbrettvorlage auf den Kopf und zauberte, was von Amts wegen gar nicht vorgesehen war: den Henriettenplatz, vorher eine Industriebrache im Hinterhof, jetzt Leipzigs beliebtester Stadtteiltreff.

"Es sind nicht immer grandiose neue Ideen, die ein von Kindern gestaltetes Projekt so erfolgreich machen", sagt Landschaftsarchitektin Gabriele Seelemann, die von der Stadt Leipzig beauftragt ist, in Zusammenarbeit mit Schülern alternative Vorschläge für die Stadterneuerung zu entwickeln. "Kinder produzieren erfrischend einfache und preiswerte Lösungen, während Profis oft viel zu teuer denken. Nicht nur, um mehr zu verdienen, sondern weil sie sich irgendwie verpflichtet fühlen, das noch nie Dagewesene zu schaffen."

Solchen Ehrgeiz hatten die Kinder vom Henriettenplatz nicht. Ihr kostensparender Trick bestand schlicht darin, die pflegeaufwendigen Blumeninseln durch wetterfeste Tischtennisplatten zu ersetzen und Sitzbänke nicht im stillen Winkel zu verstecken, sondern dort zu installieren, wo was los ist: nahe der Straße mit freiem Blick auf den Fußgängerverkehr. Schnell war hier, wo vorher eine Gummifabrik stand, wirklich was los: Die Kinder des Viertels Lindenau kamen zu Spiel und Spaß zusammen, bald wurde auch ein Grillplatz eingerichtet, und nun trifft sich hier an schönen Tagen Jung und Alt, sogar aus den benachbarten Stadtteilen.

"Wir sollten allmählich Eintritt verlangen", sagt Denise Schuster. Mit ihren Schulkameraden Jacqueline, Timo und Roberto hatte die 15-Jährige rund um den späteren Henriettenplatz eine Anwohnerbefragung gestartet. "Wir wollten herausfinden, ob die Leute wirklich nur ein paar Blumeninseln haben wollten." Das Ergebnis überraschte die Stadtplaner. Eine Grüngestaltung, perfekt wie eine Gartenbauaustellung? "Nein danke, wir wollen mehr Natur." Auch den üblichen Kinderspielplatz lehnten die Anwohner auf ihrem Hinterhofgelände ab: Statt Skulpturen mit Sandkasten wollten sie eine Begegnungsstätte. Konsequent forderte Denise mit ihrer Planungsgruppe daher "Rentnerbänke" an den Tischtennisplatten: "Dann haben wir Zuschauer beim Spiel, und die Erwachsenen haben was zum Gucken." Die Vorschläge kamen beim Leipziger Amt für Stadterneuerung gut an.

Der Henriettenplatz ist nur eines von vielen Projekten, das von Gruppen des Leipziger Kinderbüros entwickelt wurde: Die Mittelschülerinnen Doreen, 15, Sarah,14, und Maria, 13, verwandelten eine alte Berufsschule in einen Fitnessclub für Jugendliche, die Pennäler Steffen, 12, Dennis, 12, und Mike, 11, haben einen ganzen Park gestaltet. An die 300 jugendliche Stadtspaziergänger durchstreifen regelmäßig Leipzig und notieren, was ihnen nicht gefällt. Eine "Camcorder-Gang" hält die Kritik der Kinder in Videoclips fest. Die landen dann bei der Stadtverwaltung und werden dort, so KinderbüroBetreuer Gerhard Lehwald stolz, "wirklich ernst genommen".

Der Psychologieprofessor ist Mitbegründer des Kinderbüros, das in Leipzig mittlerweile drei Stadtteilfilialen hat und sich - einmalig in Deutschland - durch Aufträge der Stadt zu 20 Prozent selbst finanziert. Anlass für die Gründung waren Untersuchungen der Familienministerien von Bund und Ländern sowie des Deutschen Kinderhilfswerks, die zu dem Schluss kamen, dass die Wohnsituation in Deutschland kinderfeindlich ist.

Obwohl viele Gesetze die Beteiligung von Kindern an Wohnplanungen vorschreiben, bauen laut Lehwald "die Erwachsenen weiterhin ihre Welt ohne Rücksicht auf die jungen Menschen - eine bedenkliche Fehlplanung". Waldemar Stange von der Forschungsstelle Kinderpolitik an der Fachhochschule Lüneburg sieht die Wohnumwelt gar als entscheidenden Bildungsfaktor: "Vielleicht müssen wir unsere Pisa-Blamage nicht zuletzt darauf zurückführen, dass wir die kreativen und sozialen Fähigkeiten der Kinder bei der Gestaltung unseres Lebensraums vernachlässigen."

Nur: Wie Stellen sich Kinder eine lebendige, anregende Umgebung vor? Hier setzt der Wettbewerb "Baut auf uns! Von Kindern Wohnen lernen" an, den der stern und die Bausparkasse Schwäbisch Hall mit Unterstützung des Deutschen Kinderhilfswerks nun starten: Schüler sollen in drei Klassenstufen ihre Wohnvorstellungen an die Auslobergemeinschaft schicken (siehe Abschnitt "Teilnahmebedingungen" am Ende des Textes). Für die besten Zeichnungen, Modelle oder Skizzen gibt es große Geld- und zusätzlich Sachpreise.

Glaubt man den Leipziger Kindern, dürfen vor allem Architekten gespannt sein, was bei dem Kinder-Bauwettbewerb herauskommt. Architekten "bauen nicht gut", finden die jugendlichen Planer vom Leipziger Kinderbüro. Denise und ihre Freunde in Leipzig ärgern sich immer wieder über teure Fehlplanungen der Profis. Etwa "Designerspielplätze mit Geräten, die aussehen wie moderne Kunst": "Da spielt doch niemand, und zum Schluss ist das ein Hundeklo."

Dass wir beim Bauen und Wohnen so wenig auf die Kinder hören, ist für Richard Schröder eine "unbegreifliche Dummheit". Schröder hat das Prokids-Büro der Stadt Herten gegründet und sich mit Untersuchungen zum kinderfreundlichen Wohnen einen Namen gemacht. In Herten entstand eine Siedlung, die weitgehend Rücksicht auf Kinderinteressen nimmt. Weil die Autos auf Stellplätzen außerhalb der Siedlung untergebracht sind - die wichtigste Forderung der Kinder -, gibt es nur Privatwege und Spielstraßen ohne motorisierten Verkehr. Für Schröder sind Kinder "geborene Architekten": "Würden sie aktiv an der Gestaltung von Bauen und Wohnen beteiligt, bekämen wir wertvolle Anregungen für kreativere Bauweisen und sozialere Wohnverhältnisse." Waldemar Stange sieht die Schulen in der Pflicht: "Sie müssten Kinder stärker für ihre Umwelt sensibilisieren und sie ermuntern, sich konstruktiv an deren Gestaltung zu beteiligen."

Ginge es nach den Kindern, hätten wir mit dem Wohnen erheblich weniger Probleme. Das zeigt die Kinder-Freiluftgalerie von Leipzig-Kleinzschocher. Hier haben vier Kinder- und Jugendgruppen graue Wände mal nicht mit den üblichen Graffiti besprüht, sondern mit Öko-Farben 17 große bunte Bildtafeln gepinselt. Die sind so gut gelungen, dass sie nicht nur den Stadtteil verschönern - sie sind sogar als kostenlose Postkarten zu haben (www.kleinzschocher.de).

Teilnahmebedingungen: Baut auf uns!

Eine Stadt, die wie eine Raumstation aussieht, ein Haus mit einem Wald in der obersten Etage, ein Zimmer ohne Ecken und Kanten - wie wollt ihr leben? Malt, baut, entwerft ein Modell von eurem Traumzimmer, Traumhaus oder eurer Wunschstadt. Als Bleistiftzeichnung, Tuschebild oder Ölgemälde, aus Lego, Holz oder Pappe. Alle Materialien und Techniken sind erlaubt.

Wir möchten mehr über eure Träume und Wünsche erfahren und davon lernen. Wir bauen auf euch. Eure Ideen sollen helfen, deutsche Städte jünger, kreativer und menschenfreundlicher zu machen. Dazu schauen sich Profis die Werke an und überprüfen, was sich davon in die Praxis umsetzen lässt.

Teilnehmen können

alle Schüler von der ersten bis zur 13. Klasse.

Zulässig sind Einzel- und Teamarbeiten (mit maximal fünf Mitgliedern). Ihr könnt die Arbeiten privat zu Hause oder auch im Unterricht anfertigen.

Die Jüngeren müssen sich keine Sorgen machen, von den Älteren überflügelt zu werden. Wir werten in

drei Altersgruppen

aus:
1) erste bis vierte Klasse: (6- bis 10-Jährige)
2) fünfte bis neunte Klasse (11- bis 15-Jährige)
3) zehnte bis 13. Klasse (16- bis 19-Jährige)

"Geht nicht" gibt's nicht bei diesem Wettbewerb. Seid mutig, lasst eure Fantasie fliegen und zeigt, dass ihr die wahren Architekten seid. Die außergewöhnlichsten und kreativsten Ideen werden prämiert mit 1.500 Euro (1. Platz), 1.000 Euro (2. Platz), 500 Euro (3. Platz) und vielen Sachpreisen.

Zusätzlich gibt es einen

Sonderpreis für Schulklassen

zu gewinnen: Gesucht wird die beste Idee, um eure Schule oder das Schulumfeld kinder- und jugendfreundlicher zu gestalten. Verwandelt etwa den Schulhof in einen Spielhof, gestaltet graue Betonflächen in grüne Öko-Oasen um oder plant euer eigenes Jugendcafé. Die ersten drei Projekte werden vom Deutschen Kinderhilfswerk mit

10.000 Euro (1. Platz), 5.000 Euro (2. Platz), 3.000 Euro (3. Platz)

und aktiver Unterstützung bei der Umsetzung gefördert.

Bitte schickt eure Werke (stabil verpackt, damit sie heil bei uns ankommen) an:

stern
Kennwort: Baut auf uns!
20657 Hamburg

Einsendeschluss ist der 15. Februar 2004


Eine Rücksendung der Arbeiten ist leider nicht möglich. Nicht ausreichend frankierte Einsendungen sind von der Wertung ausgeschlossen. Der Rechtsweg ist auch ausgeschlossen.

Wichtig: Bitte auf der Rückseite eurer Arbeiten unbedingt Name, Alter, Adresse und die Klassenstufe notieren.

Weitere Infos (auch für eure Lehrer) gibt es unter: www.sternstadt-forum.de.

Norbert Thomas / print
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