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Wissenschaftler: "Neue Wohnformen werden notwendig"

Weil die deutsche Gesellschaft altert, raten Wissenschaftler zu einer Neudefinition des Zusammenleben unterschiedlicher Generationen. Dies betrifft nicht nur die Arbeitswelt, sondern auch das Wohnen.

Senioren-Wohngemeinschaften, Mehrgenerationen-Häuser und eine "Pflegezeit" analog zur Elternzeit für berufstätige Frauen und Männer - so sehen Fachleute die Zukunft in Deutschland. "Man kann einer alternden Gesellschaft nicht entgehen", sagte Juliane Roloff vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung beim Statistischen Bundesamt am Mittwoch in Frankfurt. "Beziehungen zwischen nicht verwandten alten und jungen Menschen werden an Bedeutung gewinnen." Die Sozialwissenschaftlerin Diana Auth von der Universität Gießen sagte, neue Wohnformen wie Wohngemeinschaften für Pflegebedürftige würden notwendig.

Zwischen jungen und alten Menschen gebe es bislang außerhalb des Berufslebens kaum Kontaktmöglichkeiten, sagte Roloff bei der Fachtagung zum Thema "Vielfalt leben: Jung und Alt - Wie geht das zusammen?" Dabei dächten die Jungen längst nicht so schlecht über die Alten wie allgemein angenommen. "Die große Mehrheit, 85 Prozent, der 20- bis unter 30-Jährigen ist der Auffassung, dass die jüngere Generation von der Anwesenheit, dem Wissen und den Erfahrungen älterer Menschen profitieren könnte", berichtet die Forscherin aus einer Studie ihres Instituts. Nur knapp ein Viertel der Befragten hielten die ältere Generation nicht mehr für produktiv, und nur 13 Prozent betrachteten die Alten gar als Last für die Gesellschaft.

Der Alterungsprozess ist nicht zu stoppen

Nach den Hochrechnungen der Statistiker steigt der Anteil der über 60-Jährigen in Deutschland bis 2050 von derzeit 20 auf 37 Prozent. «Zuwanderer können den Alterungsprozess nur verlangsamen, doch nicht stoppen", betonte Roloff. Die Geburtenzahl werde bis 2050 von derzeit 706 000 auf voraussichtlich 562.000 sinken. "Diesen Prozess können selbst intensivere familienpolitische Leistungen nicht aufhalten."

Auch künftig sind nach Einschätzung der Fachleute deutlich mehr Frauen als Männer pflegebedürftig - schon wegen der unterschiedlichen Lebenserwartung. Die Statistiker schätzen die Gesamtzahl der Pflegebedürftigen auf fünf Millionen im Jahr 2050, drei Millionen mehr als heute. Auth sagte, gleichzeitig werde die Bereitschaft abnehmen, Angehörige zu Hause zu pflegen. Unterschätzt werde in der Debatte über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bisher die Notwendigkeit einer Pflegezeit ähnlich der Elternzeit.

Die Pflegebereitschaft sinkt

Allerdings werde auch die Bereitschaft sinken, Familienmitglieder zu pflegen. Als einen Grund nannte die Wissenschaftlerin die demographische Entwicklung: Im Verhältnis zu den Pflegebedürftigen sinke der Anteil der Frauen im mittleren Alter. In Folge von Scheidung und Tode des Partners werde es mehr Single-Haushalte geben.

Die kulturelle Norm einer Pflicht zur Pflege Angehöriger nehme ebenfalls ab, sagte Auth. Mehreren Studien zufolge sei die Pflege- Bereitschaft in der Unterschicht noch am stärksten. Das liberal- bürgerliche Milieu neige dagegen eher zur Heimpflege. Entscheidender Faktor seien die Kosten. Die Menschen, die alte Familienmitglieder pflegen seien zu etwa drei Viertel Ehefrauen, Töchter und Schwiegertöchter. Diese würden künftig als Arbeitskräfte gebraucht.

Arbeiten bis zum tatsächlichen Rentenalter

Roloff betonte, von 2020 an müsse in Deutschland mit der Verknappung von Arbeitskräften gerechnet werden. Bis 2050 sinke die Zahl der Personen im Erwerbsalter um 19 Prozent auf 41 Millionen. Innerhalb dieser Gruppe steige der Anteil der 55- bis 64-Jährigen auf etwa ein Viertel. Dies könnten selbst 300.000 Zuwanderer pro Jahr nicht ausgleichen. Die einzige Chance sei, das Arbeitskräftepotenzial voll auszuschöpfen. Die Frauen-Erwerbsquote von derzeit 43 Prozent müsse erhöht werden, Ältere müssten bis zum tatsächlichen Rentenalter beschäftigt und Ausbildungszeiten verkürzt werden.

Gleichzeitig wachse aber die Nachfrage nach hoch qualifizierten Arbeitskräften, betonte Christian Ebner vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit. "Personen ohne Berufsabschluss haben schon jetzt ein enormes Risiko, arbeitslos zu sein."

Ira Schaible/DPA / DPA

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