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Umwelt: Müll - die Last der Menschheit

Die Städte ersticken im Abfall, auf Deponien wird der Platz knapp. Der Fotograf Kadir van Lohuizen dokumentierte die Katastrophe und suchte in sechs Metropolen der Welt nach Lösungen.

Die Welt hat ein Müllproblem – Wie lässt es sich lösen?

Ein Mann schleppt auf der Olusosun-Deponie einen Sack mit Plastikflaschen, die er verkaufen will. Das Plastik wird dann recycelt

Auf der größten Müllhalde Nigerias, Olusosun, zog der Fotograf Kadir van Lohuizen die Luft durch die Nase – und wunderte sich. Rings um ihn dehnte sich eine düstere Moränenlandschaft, geformt aus den Abfällen der Megacity Lagos. Schätzungsweise 25 Millionen Tonnen verrotten hier in tropischer Hitze. "Und dennoch stinkt der Müll von Lagos weniger als der von New York oder Amsterdam", sagt van Lohuizen. "In einem armen Land wird offenbar wenig Essen weggeworfen." Seit Anfang 2016 folgte der niederländische Fotograf der Spur des Mülls in sechs Metropolen der Welt: Er porträtierte Abfallsammler auf den Deponien von Lagos, Jakarta und São Paulo, bestaunte, wie akribisch schon Kinder in Tokio den Abfall der Familie trennen und wie ineffizient die Müllabfuhr selbst in reichen Städten wie New York oder seiner Heimat Amsterdam arbeitet.

"Auf meiner Reise habe ich gelernt, dass beim Thema Müll der Augenschein oft trügt", sagt van Lohuizen. "Städte wie Lagos wirken wahnsinnig dreckig, pro Kopf wird dort aber vergleichsweise wenig produziert – und viel davon wieder eingesammelt und verwertet." Was nicht heißt, dass die Kippen Afrikas nicht gewaltige Probleme bergen: Die schwermetallhaltigen Abwässer der Deponie Olusosun beispielsweise verseuchen das Grundwasser und die Lagune von Lagos. In der Nähe der Halde leiden die Menschen häufiger an Ruhr und anderen Durchfallkrankheiten.

Unter "Hausmüll" versteht auch jede Nation etwas anderes

Der Müllberg wächst auf der ganzen Welt, und schuld daran sind eher die Reichen als die Armen. Während in den Innenstädten von London oder New York Bürger steige und Plätze oft wie geleckt wirken und Arbeiter im Morgengrauen diskret die Müllsäcke davonkarren, sorgen die Bürger täglich für Nachschub: Sie konsumieren, was sie sich leisten können, und schmeißen viele Dinge bald wieder weg. So werden die Großstädte der Welt im Jahr 2025 unfassbare 2,2 Milliarden Tonnen Müll produzieren. Allein in Deutschland landen pro Jahr schätzungsweise 2,8 Milliarden Kaffeebecher in der Tonne.

Müllweltmeister: In New York wird der meiste Abfall pro Kopf produziert, so das Ergebnis einer Studie von 2015

Müllweltmeister: In New York wird der meiste Abfall pro Kopf produziert, so das Ergebnis einer Studie von 2015

Die Bundesrepublik steht in Müllfragen ohnehin alles andere als glänzend da: Ein Berliner produziert im Jahr rund 380 Kilogramm Haushaltsabfall – Bauschutt und Gewerbemüll nicht eingerechnet. Das ist etwa dreimal so viel wie ein Einwohner von . Müllvergleiche wie dieser illustrieren die Größenordnung der Probleme. Exakt sind sie nicht, weil gerade aus Entwicklungsländern nicht einmal für jedes Kalenderjahr Zahlen verfügbar sind. Und unter "Hausmüll" versteht auch jede Nation etwas anderes. Klar ist aber, dass Deutschland im EU-pro-Kopf-Vergleich beim kommunalen Müll unrühmlich abschneidet: Mehr produzieren nur noch Dänemark, Zypern und Luxemburg.

80 Prozent des verbrauchten Papiers besteht bereits aus Recyclingfasern

Dennoch lohnt es sich auch künftig, den Müll so ordentlich zu trennen, wie die Deutschen es gern tun. Bei Wertstoffen wie Karton oder Glas funktioniert die Wiederverwertung erstaunlich gut: 80 Prozent des verbrauchten Papiers besteht bereits aus Recyclingfasern. Fast 90 Prozent aller Glasflaschen und Marmeladengläser werden tatsächlich wieder eingeschmolzen. Bei privatem Plastikabfall liegt die Quote allerdings gerade mal bei knapp 42 Prozent. Der Rest wird verbrannt. Schuld sind umweltfeindliche Verpackungen: Sie bestehen aus so vielen fest verschweißten Materialien, dass jede Sortieranlage versagt.

"Natürlich ist Recyceln eine gute Sache, die weltweiten Müllprobleme kann es aber niemals lösen", sagt Kadir van Lohuizen. "Denn selbst wenn wir Unmengen von Plastik recyceln, bleiben es immer noch Unmengen Plastik." Letztlich hilft der Erde nur das, was für den Menschen offenbar so schwer ist: Müll zu vermeiden und intelligentere Verpackungen zu erfinden.

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