HOME

Kohleabbau in den Karpaten: Für Kohle und Geld

In den Wäldern der polnischen Karpaten lebt eine archaische Männergemeinschaft in Ruß und Feuer. Wie seit Jahrtausenden verwandeln hier Köhler Holz zu Kohle – vor allem für die deutschen Grillfreuden.

Von Joachim Rienhardt

Die dunklen Männer wurden oft als Außenseiter beargwöhnt. Seit er Anfang zwanzig ist, arbeitet der 56-jährige Zbyszek als Köhler – einst im Dienste von Polens Stahlindustrie

Die dunklen Männer wurden oft als Außenseiter beargwöhnt. Seit er Anfang zwanzig ist, arbeitet der 56-jährige Zbyszek als Köhler – einst im Dienste von Polens Stahlindustrie

Der hagere Mann verflucht den Holzstamm in seinen Händen und seine Kollegen, von denen weit und breit nichts zu sehen ist. "Sie sind wie . Entweder sie schlafen, oder sie trinken. Nur arbeiten tun sie nicht", zischt Edek Draus und wuchtet das 50 Kilogramm schwere Baumstück mit Schwung auf den Holzstapel, den er in einem rostigen Ofen drei Meter hoch aufgeschichtet hat. Das sind etwa sechs Tonnen Holz. Den Monsterkessel nennt Draus: "Der Abgerissene". Er ist fast bis zur Decke gefüllt.

Am Himmel funkeln bereits Sterne neben dem Sichelmond über diesem Waldteil in den im südöstlichen Zipfel Polens, nur circa 20 Kilometer entfernt von der ukrainischen Grenze. Dunkelheit breitet sich aus. Die Konturen des 61-Jährigen verschwimmen mit der verrußten Ofentür, verschwinden in der Nacht, die so schwarz ist wie alles an ihm. Die klobigen Stiefel, die ehemals grüne Feincordhose, der einst beigefarbene Pullover voller Löcher, die Wollmütze, der Schnauzbart. Jetzt ist nur noch seine Stimme zu vernehmen: "Der Ofen muss heute noch brennen. Sonst habe ich morgen keine Arbeit."

"" nennen die Einheimischen diesen Verbrennungsort am Rande des Nationalparks Bieszczady. Denn nicht jeder, der sich früher in diese Wildnis getraut hat, ist lebend zurückgekommen. In dem Wald, so dicht wie ein Dschungel, leben Luchse, Bären, Schlangen. Und Köhler wie Edek Draus.

Das Handwerk der Köhler ist seit 2014 "immaterielles Kulturerbe"

Seit Tausenden von Jahren vertreiben Menschen wie er Wasser und ätherische Öle aus dem Holz mithilfe des Feuers, bis fast nur noch Kohlenstoff übrig bleibt. Das schwarze Gold.

Diese wird größtenteils in deutschen Grills verfeuert. Mehr als 220 000 Tonnen importieren die Deutschen jährlich, Hauptlieferant ist – noch – Polen. Konkurrenten sind Paraguay, Nigeria und vor allem die Ukraine.

"Wir liefern beste Qualität", sagt Draus. Er klingt stolz. Die deutsche bestimmt elf Abstufungen des Kohle-Heizwertes, vom feuchten Torf bis zum Edelprodukt "Anthrazit", das mehr als 91,5 Prozent aus Kohlenstoff besteht. Draus' Produktion kann, wenn alles gut geht, mit den besten Köhlereien in Deutschland mithalten. Dort wird das Buchenholz noch per Hand sorgfältig in althergebrachten Kohlemeilern gestapelt, doch es arbeitet nur noch etwa ein Dutzend betriebliche Köhlereien, die vor allem teure Spezial-Holzkohle herstellen. Der Rest widmet sich der Brauchtumspflege. Das Handwerk der Köhler ist seit 2014 "immaterielles Kulturerbe", gepflegt im Europäischen Köhlerverein mit Sitz im sächsischen Sosa.

Für Draus ist das Kulturerbe vor allem – Schufterei. Jetzt tränkt er Säcke mit Dieselöl und stopft sie mit einem langen Stecken in das Loch, das er in der Mitte des Stapels im Ofen gelassen hat. Ein Streichholz, schon ist das Feuer entfacht.

Nun muss er warten. Das Holz darf nicht brennen, es soll verkohlen. Dazu muss der Sauerstoffanteil im Ofen gesenkt werden, aber nicht so tief, dass die Glut ausgeht. Köhlerei ist, bei aller Muskelkraft und Härte, vor allem ein Handwerk des Fingerspitzengefühls. Wie weit öffnet man die Luke, um die Glut anzufachen? Was erzählt der Rauch? Zieht er weiß aus dem Ofen, läuft es gut, dann verdampft das Wasser. Färbt er sich blau, verbrennt das Holz im Innern bereits zu Asche.

Die Arbeit mit Feuer und Ruß, das Leben im Wald, der Gestank, die Dunkelheit –Köhler wurden oft als Außenseiter und Kauze beargwöhnt. Wilhelm Hauff schrieb mit "Das kalte Herz" gar ein Kunstmärchen über den verachteten Kohlenmunk-Peter. Und ja, tatsächlich, auch die Truppe im polnischen Wald besteht aus eigenwilligen Menschen – Eigenbrötlern, die gern den Staub aus der Kehle spülen. Die "schwarzen Männer" nennen sie die Leute im Tal.

"Komm herein. Trink mit uns"

Edek Draus ist hier draußen Chef von sechs Männern, 14 Öfen, vier Baracken, und er ist der einzige der Männer, der eine Familie hat. "Aber ich war im vergangenen Jahr nur einmal an Ostern zu Hause", sagt er auf dem Weg zu den drei Kollegen, die in einem Bauwagen feiern. Czeslaw, 36, der Jüngste, dem Freunde den Beinamen "Bestatter" verpasst haben, weil er mal in der Pathologie Leichen gewaschen hat. Wrobel, 51, Spitzname "Spatz", weil er ab und zu mal ausfliegt und dann erst nach Wochen wieder auftaucht. Andrzej, 60, den alle "Goral" nennen, den Mann aus den Bergen, weil er aus dem Tatra-Gebirge kommt. Genau wie das Bier in seiner Hand, mit dem er seinem Chef zur Begrüßung zuprostet: "Kommen Sie herein, Präses. Trinken Sie mit uns."

Eine einzige Kerze erleuchtet die schwarzen Gesichter. An der Nylonschnur über dem Bollerofen baumelt neben einer Zigeunerwurst eine Stirnlampe, in ihrem Schein flimmern Rußpartikel. An der Wand hängt ein Pin-up-Kalenderblatt vom August 2016, darunter sitzt Goral auf einer Pritsche. Sie stammt aus den 1960er Jahren, als die sozialistische Planwirtschaft die Holzkohle bei der Stahlproduktion verfeuerte und hier unendliche Holz-Ressourcen vorfand.

"Wir lebten im Paradies", schwärmt Spatz, der schon zu kommunistischen Zeiten geköhlert hat. Damals hat es keinen gestört, wenn einer sich mal absentierte oder ein Säckchen Holzkohle gegen Wodka tauschte. Heute setzt ihnen die ukrainische Billigkonkurrenz zu, die Holzkohle noch günstiger herstellt als sie.

Der Präses führt Buch über die Produktion, in einem Schulheft, auf dessen Umschlag es sich ein Tintenfisch mit einem Cocktail gemütlich gemacht hat. Die Seiten sind schwarz wie alles hier, doch seine Handschrift ist sauber, die Zahlen rein – alle Hochs und Tiefs seit 2014 sind verlässlich nachzulesen. Heute früh hat ein Lastwagen 1250 Säcke mit frischer Ware abgeholt, knapp 20 Tonnen.

Für jeden gibt es etwa 20 Euro Tagesverdienst

Momentan liegen sie gut im Rennen, seit langer Zeit endet endlich wieder ein Monat im Plus. Wenn sie gut arbeiten, schaffen sie einen Ofen pro Tag und Köhler, das heißt für jeden etwa 20 Euro Tagesverdienst und damit ausreichend Geld, um am Monatsende die Rechnung bei Boniek zu begleichen, dem Chef des Tante-Emma-Ladens im Tal. Alle zwei Tage kommt er die acht Kilometer mit seinem weißen Lieferwagen die Forststraße herauf, um sie mit Weißbrot, Dosenfisch, Bier und Wodka zu beliefern. Auch heute Abend war er da.

Der Präses trinkt, aber nach Feiern ist ihm nicht zumute. "Die Saison ist noch lang", sagt er und seufzt. Er muss noch mal raus, um die Leiter hinauf zum Dach des Ofens zu klettern. Der bollert seit mehr als einer Stunde. Darin wird es knapp 1000 Grad heiß sein. Edek Draus muss jetzt ganz langsam die Flammen zähmen, indem er die große Dachluke verschließt.

Mit der Stirnlampe auf dem Kopf zieht er allein los, obwohl Spatz ihm seine Hilfe anbietet. Es ist nicht ungefährlich, in der Nacht auf dem Ofen zu balancieren, Holzgase treten nun aus. Schon so mancher ist vom Ofen gestürzt.

Hustend und frisch eingeräuchert kehrt Draus zurück. Jetzt trinkt er erst einmal einen kräftigen Tee mit Wodka. Die Stirnlampe nimmt er gar nicht erst ab. In zwei Stunden muss er wieder raus, um die vier kleinen Dachluken zu schließen. Sein "Abgerissener" stößt über vier Kamine weißen Rauch in den Sternenhimmel. Der alte Köhler ist zufrieden. Die sogenannte Trockendestillation hat eingesetzt, dem Holz schwindet das Wasser.

Einst fuhr er Mercedes

Ein guter Köhler spürt in seinem Innern, was im Ofen passiert. Wann was zu tun ist. Die Öfen haben Eigenheiten, die nur er kennt.

Knapp zehntausend Ofenladungen hat Draus schon verheizt, seit er vor 22 Jahren in die Köhlerei einstieg, weil die Autos, die er davor als Karosseriebauer für Polski Fiat baute, nach der Wende keiner mehr wollte. "Ich betreute drei Standorte und fuhr einen Mercedes", sagt er. Er setzt sich in der Baracke neben den kleinen Tisch am Stockbett, in dem er unten schläft – in Bettwäsche und Schlafanzug, nicht in Arbeitsklamotten wie die Kollegen.

Edek Draus ist kein Mann, der hadert. Im Gegenteil. Er mag seinen Beruf, und er mag die Firma, für die er köhlert. Beim Betriebsjubiläum zum 20-jährigen Bestehen hatte er zwar eigentlich damit gerechnet, für besondere Verdienste ausgezeichnet zu werden, schließlich ist ihm noch nie die Holzkohle zu Asche verbrannt – doch was wissen die in der Zentrale schon von seiner Arbeit? Nichts. Es war trotzdem ein schöner Abend. "Ein Fest wie eine Hochzeit", sagt Draus. Und er weiß ja, dass seine Firma gerade andere Sorgen hat. Die schlagen sich mit der EU herum, die die Herstellung von Holzkohle schon vor elf Jahren als chemische Produktion eingestuft hat. Laut "Durchführungsverordnung 2015/864" werden ab dem nächsten Jahr hohe Gebühren für die vorgeschriebene Registrierung fällig. Dann können Produktionsstätten wie die von Draus mit der Ukraine nicht mehr konkurrieren, und vielleicht, so könnte es tatsächlich kommen, erlischt das Feuer in den Öfen auch hier.

Gestern erst sind sechs Lkws aus dem Nachbarland in der Zentrale angekommen. Qualität? Der Präses schüttelt den Kopf. Drüben wird mit so viel Wasser gelöscht, dass es noch auf der Fahrt in Strömen vom Lkw fließt.

"Jetzt streiken wir. Das hat Lech Walesa auch gemacht."

Wasser erhöht das Gewicht der Kohle. Gute Kohle ist leicht, klingt hell und brennt rauchfrei. Aber in den deutschen Discountern zählt nichts als der Preis, nur Grill-Gurus sind bereit, für Holzkohle mehr Geld zu bezahlen. Doch die bevorzugen die Produkte der kleinen Köhlereien etwa im Erzgebirge oder im Schwarzwald. Draus' Holzkohle ist weder Liebhaber-Produkt noch Billigware. Er liefert gutes Handwerk unter schwersten Bedingungen.

Das Holz, das sie ihm am nächsten Morgen anliefern, ist schon wieder schwerer. Die Stämme werden nicht mehr lange genug gelagert und getrocknet, der Markt verschlingt die Stämme zu rasant. Forstarbeiter packen die Stämme mit Mini-Kränen auf die langen Stapel neben die Öfen. Es ist neun Uhr morgens. Von Draus' Kollegen ist nichts zu sehen. "Ich könnte sie alle rausschmeißen. Aber es findet sich niemand mehr, der diese Arbeit machen will", sagt er und hetzt weiter von Ofen zu Ofen.

Es ist bereits früher Nachmittag, als sich Goral zeigt. Er nimmt einen Löffel von der Wasserbrühe mit Hähnchenfleisch aus dem Topf auf dem Ofen und legt sich wieder hin. "Wir arbeiten sieben Tage die Woche", sagt er, "jetzt streiken wir. Das hat Lech Walesa auch gemacht." Draus schaut hilflos zu. "Sie dürfen keinen Wodka trinken, sonst passiert so etwas", sagt er schlecht gelaunt. Er verdient etwa acht Euro mehr pro Ofen als die anderen. Aber er ist verantwortlich für alles.

"Der Abgerissene" qualmt und brodelt derweil. Weißer Dampf und flüssiger Teer drücken aus Ritzen und Fugen. Der Köhler versucht, den löchrigen Kamin mit einem Sack abzudichten. In einem Entwässerungsgraben sammelt sich Kondenswasser. Die Schlieren schillern, wie Benzin in einer Pfütze, die rauchige Luft beißt, Draus ist es zu warm. In seiner Baracke zieht er sein verschwitztes Hemd aus. Nur da, wo der Schweiß in kleinen Rinnsalen über Bauch und Rücken fließt, leuchtet ein wenig hellere Haut. Er kippt sich Bier in die Tasse.

Sie sagen, er solle aufhören

Es folgt ein einsamer Abend. Spät in der Nacht ruft seine Frau Wieslawa an. Ihre rauchige Stimme ist in der ganzen Baracke zu hören, so still ist es. Sie fragt, ob er was getrunken habe. Er schweigt. Sie fragt, ob er was gegessen habe. Er sagt: "Gute Frage." Dann schweigt er wieder.

Jedes zweite Wochenende kommt sie mit den beiden Söhnen zu Besuch, bringt frische Wäsche, Sauerkraut und eingekochtes Gulasch. Die Söhne helfen bei der Arbeit. Sie sagen, er solle aufhören. Es lohne sich doch nicht mehr. Sie sagt, er würde schon nach zwei Wochen zu Hause unruhig. Es dränge ihn einfach raus.

Am nächsten Morgen tritt die gesamte Mannschaft zur Arbeit an. Goral, der Mann aus den Bergen, ist früh um vier Uhr der Erste. Nach und nach tauchen auch die anderen auf. "Der Abgerissene" stößt blauen Rauch aus. Edek Draus muss nun den Erkaltungsprozess einleiten. Er nimmt sämtliche Kamine ab, schaufelt alle Luken mit Erde dicht. Ab jetzt muss er sich noch einmal 24 Stunden gedulden, bis er die Kohle aus dem Ofen schaufeln kann. Aus sechs Tonnen Holz ist etwa eine Tonne Holzkohle geworden.

Nach und nach schleift er die gefüllten Säcke unter ein Plastikdach, um sie dort zuzubinden. Nach einer halben Tonne macht er eine Pause. Er trinkt ein Bier. Dann schaufelt er weiter. Der Ruß brennt in den Lungen. Die Schlacken an den Ofenwänden erkalten und knacken. Bevor Draus für heute aufhört, schlägt er sie mit der Spitzhacke ab und fegt alles zusammen. "Nächstes Jahr", sagt er, "höre ich auf."

Aber das hat er letztes Jahr auch gesagt. Und vorletztes Jahr auch.

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren