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Rumänien-Serie, Teil 2: Einmal Wahnsinn und zurück

Öffentliche Verkehrsmittel können ganz schön abenteuerlich sein, noch abenteuerlicher sind aber Taxifahrten - zumindest in Rumänien. Über Verkehr, Bettler, Snack-Kultur - und was Sie sonst noch wissen sollten.

Von Karin Spitra, Bukarest

"When in Rome, do like the Romans do" - selbstverständlich beherzigen wir kosmopolitischen Reisenden dieses Motto, schließlich lernt man nur so Land und Leute kennen. Dass damit auch gewisse Risiken verbunden sind, wird einem schnell klar. Je nachdem, in welchem Land man unterwegs ist, schon nach wenigen Minuten. Die erste Lektion lernen Neuankömmlinge in Rumänien, sowie sie den Flughafen verlassen. Ich bekam sie also gleich auf dem Weg ins Hotel, und sie lautete: Steige NIEMALS in einem rumänischen Taxi vorne ein. Das mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist für alle, die mehr als einen Rucksack dabei haben, sowieso nicht zu empfehlen.

Fahrspuren? *pfffff*

Offenbar glauben die Vorsteher der meisten Sektoren (Bukarest ist in sechs Sektoren unterteilt), dass Fahrbahnmarkierungen die rumänische Seele unnötig einengen würden. Es könnte natürlich auch sein, dass sie das Geld für die Farbe einfach eingesteckt haben. Wo sich die Stadtplaner vielleicht drei Fahrbahnspuren vorgestellt haben, passen hier "locker" fünf Autos nebeneinander, die Fahrweise ist dementsprechend. So kommt man zu dem seltenen Vergnügen, die sonst übliche Distanz zu seinen Mitmenschen aufzugeben - in meinem Fall konnte ich beim Fahrer des Nebenwagens quasi die Nasenhaare zählen. Leider war die Kamera im Koffer, so dass ich kein Foto machen konnte - nur wer diese Nase gesehen hat, dürfte meinen vielleicht etwas abartig wirkenden Impuls verstehen.

Also krallte ich mich die 20 Kilometer zwischen Flughafen und Hotel etwas unentspannt an den Türgriff und bewunderte die Leistung des Taxlers, sich todesmutig in jeden Kreisverkehr zu werfen (Rumänien wimmelt davon) und dabei von ganz links über gefühlte acht Spuren nach ganz rechts zu ziehen. Natürlich ohne zu blinken, sie sind ja keine verwestlichten Weicheier, die für alles Regeln brauchen. Dabei telefonierte der gute Mann auch noch über weite Strecken auf dem Handy (auch in Rumänien verboten, aber egal) und vermittelte dabei offenbar seinem Schwager einen Arzttermin mit nur zwei Tagen Wartezeit. Im Gegenzug wollte er die Mutter des Arztes (gebrechlich) zwei Mal zum Friedhof fahren. Gut, ich habe die Fahrt überlebt, ohne jeden Kratzer und mit dem gesamten Gepäck. Auch die Hotelreservierung war ok.

Lüge - oder Geschäftstüchtigkeit?

Trotzdem kam es dann zu Lektion zwei: Glaube NIEMALS einem rumänischen Hotelprospekt. WiFi? WLan? Wie angekündigt im ganzen Hotel? Nun, "das ist ein kleines Missverständnis," wie der freundliche Mann an der Rezeption bedauerte. Klar gäbe es das, allerdings "nur hier unten, im Bereich der Rezeption". Weil Rumänen sehr höflich sind und keinem gerne Kummer bereiten, blieb dabei unerwähnt, dass es WiFi nur in einem ganz schmalen Funk-Korridor im Bereich der Rezeption gab. In diesem Bereich standen ein klitzekleiner Tisch von der Größe eines besseren Gästehandtuchs und zwei Stühle. Ständig belegt. Von korpulenten Männern mit riesigen Schnauzern. Und leider keinen Rumänen, sondern Angehörigen irgendeiner der zahllosen Ex-Sowjetrepubliken. Bei Rumänen kann man - besonders als Frau - immer an das Gute im Menschen appellieren, bei Menschen, die geröstete Kürbiskerne knacken und die Schalen kunstvoll durch die Lücke zwischen den Vorderzähnen in den Aschenbecher spucken, fühle sogar ich mich gehemmt.

Wer derlei Wirrnisse positiv betrachten will, kann immerhin einwenden, dass die Rumänen seit den Tagen der Planwirtschaft sehr schnell das kapitalistische ABC gelernt haben: Natürlich kann man sich auch vom Zimmer aus einloggen, aber das kostet extra - und das nicht zu knapp. Die Männer mit den Zahnlücken und den Kürbiskernen scheinen übrigens zum Inventar jedes bessern Hotels zu gehören. Feldversuche in den anderen hochpreisigen Innenstadthotels bestätigten meinen Verdacht: Sie sitzen überall.

Kommunikation ist alles

Vielleicht erwarte ich aber auch zu viel. Private Computer sind noch die Ausnahme, wer online etwas erledigen will, geht ins Internet-Café - oder tut das verbotenerweise am Arbeitsplatz. Mailen ist deshalb noch nicht so richtig verbreitet, dafür haben überraschend viele Rumänen zwei Handys. Und telefoniert wird ständig, überall und rund um die Uhr. Rumänen sind mitteilsam, und das Handy ist ein tolles Mittel, um andere am eigenen Leben teilhaben zu lassen. Das führt dann auch so weit, dass sie Freunde anrufen, wenn sie etwas Bemerkenswertes miterleben - und zwar egal wo sie gerade sind. So lernte ich dann meine dritte Lektion: Rumänen lieben das DRAMA. Ort der Lektion: die Bukarester U-Bahn.

Wie mittlerweile überall auf der Welt enterte auch hier ein Bettler unser Abteil. Mit geschlossenen Augen (auch noch blind?) stellte er sich an die Tür und begann mit sehr lauter Stimme (vielleicht auch taub?) seinen Vortrag: "Ich bin ein armer Mann…" - weiter kam er nicht. Denn die ersten Mitfahrer intonierten freudig: "Ich auch". Unbeirrt fuhr er fort: "Ich habe keine Arbeit und finde keine, weil ich krank bin. (Stimmen: Wohl erkältet?). Dann schlug das Schicksal erneut zu - meine Frau erlitt einen Schlaganfall und ist seitdem ans Bett gefesselt." (Hier zückte mein Sitznachbar sein Handy und rief einen Freund an: "Hey Traian, hier ist ein Bettler mit einer neuen Geschichte").

Trunksüchtiger Vater, invalide Frau, sieben Geschwister

Der machte unterdessen mit sich steigernder Lautstärke weiter: "Vor kurzem starb mein Vater, nachdem er von einem durchgehenden Pferd niedergetrampelt wurde (anerkennendes Klatschen vom hinteren Wagenende, mein Sitznachbar informierte Traian auch über diese Entwicklung). "Außerdem muss ich für sieben jüngere Brüder sorgen, muss ihnen Essen, Kleidung und einen Platz zum Schlafen geben" - hier fiel er auf seine Knie und blickte mit immer noch geschlossenen Augen zur Wagondecke - "und letzte Woche habe ich deshalb unseren letzten Teppich ins Pfandhaus getragen" (Mein Sitznachbar lässt Traian wissen, dass er das mit dem Teppich nicht recht glaubt).

Zum Schluss kommt dann die obligate Bitte, ihn doch mit einer kleinen Gabe zu unterstützen - für die Frau und die Brüder und um den gesamten Hausrat aus dem Pfandhaus zu holen. "Die Jungfrau Maria, die nicht so herumgehurt hat wie die jungen Mädchen jetzt, die völlig unverdient ihren Namen tragen, wird es euch danken" lauten dann die letzten Worte des flammenden Appells. Das Einsammeln des Geldes erfolgte übrigens wieder offenen Auges. Traian hat meinem Nachbarn wohl empfohlen, trotz der Wendung mit dem Teppich etwas springen zu lassen, denn er zückt einen kleinen Schein. Und leider liegt ab jetzt die Latte für deutsche Bettler bei mir hoch.

Kein Geld für Bettler

Vielleicht noch eine Anmerkung für den ordnungsliebenden, zart besaiteten, politisch korrekten, westeuropäischen Reisenden: Rumänien macht nachdenklich. Ob es die heruntergekommenen Straßenkinder sind, die Betrunkenen, die so hinüber sind, dass sie sich einnässen, bettelnde Zigeunerinnen mit Babys an der Brust, die abgearbeiteten Menschen in Bussen und U-Bahn - wer kein gänzlich verstocktes Gemüt hat, muss an solchen Eindrücken ganz schön knabbern. Und wird gleichzeitig von unsichtbaren Sensoren als potenzielles Opfer erkannt. Soll man jetzt dem bettelnden Kind doch etwas zustecken? Oder der Zigeunerin? Nun, warum nicht - aber bitte kein Geld.

Rumänen sind fanatische Anhänger der Snack-Kultur. Ständig wird an etwas geknabbert, gekaut, gegessen. Überall gibt es Imbisse, welche die traditionellen Suppen (Ciorba) verkaufen. Es gibt leckere Krapfen (Gogoase), Käsegebäck und einfach alles, was sich aus Blätterteig machen lässt. Wer also etwas geben will, gebe Essen.

Raus - ins Leben

Und damit schließt sich der Kreis: Am meisten lernt man über diese Karpatenbewohner, wenn man es macht wie sie: Also raus aus den Touristenghettos der Nobelhotels, raus aus den Taxen - und rein in die Busse, rein in die U-Bahn, rein in die Züge (siehe auch die nebenstehenden Erklärungen). Rumänen sind ein kommunikatives Völkchen, die meisten jungen Leute sprechen mindestens eine Fremdsprache. Es wird gern und viel flaniert und spazieren gegangen - die zahlreichen Parks sind immer voll, auf den Boulevards drängen sich die Menschen. Und bald sind das nicht nur Rumänen, bald werden auch Italiener und Deutsche, Spanier und Griechen darunter sein. Dann ist nicht nur Rumänien in der EU angekommen, sondern Europa auch in Rumänien.

Im nächsten Teil der Serie lesen Sie das Porträt eines ganz normalen rumänischen Ehepaares - und ihrem Leben auf 50 Quadratmetern. Mit zwei Söhnen, einem Pianino, einem Schlagzeug, einer Elektro-Orgel und einem Siamkater.

Falls Sie den ersten Serien-Teil verpasst haben: Hier könne Sie ihn nachlesen: Rumänien: Stolz und Vorurteil.

Geographie

Rumänien ist mit 240.000 km² das flächenmäßig größte Land Südosteuropas (etwa so groß wie die alte Bundesrepublik). Es hat gemeinsame Grenzen mit Ungarn, Serbien, Bulgarien, der Republik Moldawien und der Ukraine, im Südosten bildet das Schwarze Meer die Grenze. Das Land ist in 41 Kreise (Judete) gegliedert.

Das Land liegt in der Mitte dreier bedeutender Regionen – Mitteleuropa, Südeuropa und das weiter östlich liegende Gebiet der Ex-Sowjetrepubliken. Als ein Teil der Grenze bietet das Schwarze Meer einen Zugang zum Kaukasus auf dem Seeweg.

Rumänien ist ein wunderschönes Land, das einem Reisenden alles bieten kann: von den majestätischen Gebirgszügen der Karpaten, über die weiten fruchtbaren Ebenen bis zum Sandstrand der Schwarzmeerküste. Nicht zu vergessen: das einmalige Naturschutzgebiet des Donaudeltas, in dem sich der zweitlängste Strom Europas mit seinen vielen Armen ins Meer ergießt.

Wer will, kann in den Karpaten Bären und Wölfen begegnen oder am Schwaren Meer surfen gehen. Man kann seine Tage in den zauberhaften mittelalterlichen Städten Transsilvaniens verbringen oder sich in die Metropole Bukarest stürzen. Man kann Bergwanderungen unternehmen oder mit einem Boot durchs Donaudelta zuckeln - vorausgesetzt, die Mücken lassen einen am Leben.

Mit dem EU-Beitritt wird es wohl auch endlich wieder aktuelles Kartenmaterial und Reiseführer geben...

Demographie

Gemessen an der Einwohnerzahl ist Rumänien mit knapp 22,435 Millionen das größte Land Südosteuropas (es folgt Serbien mit nur 11 Millionen). Davon sind 90 Prozent Rumänen, sieben Prozent Ungarn, und es gibt noch geringe Minderheiten von Deutschen, Ukrainern, Serben, Kroaten, Russen. In Städten leben 56 Prozent der Bevölkerung, fast ein Fünftel der Rumänen ist jünger als 15 Jahre.

Etwa zwei Millionen Einwohner leben in der Hauptstadt Bucuresti. Die Bevölkerungsdichte beträgt 94 Einwohner pro Quadratkilometer, 87 Prozent der Rumänen sind orthodoxen Glaubens.

Die Gesamtzahl der arbeitenden Bevölkerung betrug in 2002 rund 10 Millionen, davon waren 44 Prozent in der Industrie (ohne Bauindustrie) und 23 Prozent in der Landwirtschaft beschäftigt. Geschätzte zwei Millionen Rumänen leben und arbeiten im Ausland - allerdings sehen die meisten dies Exil nur als verübergehendes Übel zum Geldverdienen.

Löhne und Gehälter

Seit dem 1. Januar 2007 beträgt der gesetzliche Bruttomindestlohn in Rumänien 390 neue Lei (RON, umgerechnet etwa 115 Euro). Gleichzeitig wurde ein neuer Nationaltarifvertrag unterzeichnet, in dem ein Mindestlohn von 440 Lei (ca. 129 Euro) vereinbart ist. Da dieser Nationaltarifvertrag allgemeinverbindlich ist, gelten künftig die dort vereinbarten 440 Lei.

Der durchschnittliche Nettolohn lag zu Beginn des Jahres 2006 bei 826 RON (ca. 242 Euro). Die höchsten Löhne werden im Finanzbereich und im Flugverkehr gezahlt. Die niedrigsten Löhne gibt es in der Holzverarbeitung und im Gastgewerbe. In den letzten vier Jahren ist nach Aussage der Rumänischen Nationalbank der Bruttolohn um mindestens 22,4 Prozent (2004) gestiegen.

Dieser Mindestlohn kann aber höchstens zur groben Orientierung dienen, da die Lohnhöhen in Rumänien regional und branchenbezogen sehr unterschiedlich sind und üblicherweise deutlich über diesem gesetzlichen Mindestlohn liegen. Im Vergleich zu deutschen Löhnen und Gehältern ist das rumänische Lohnniveau natürlich bitter niedrig - besonders abseits der wirtschaftlichen Zentren Bucuresti (dt. Bukarest), Timisoara (dt. Temesburg), Cluj (dt. Klausenburg), Sibiu (dt. Hermannstadt).

Die wöchentliche Arbeitszeit beträgt 40 Stunden. Die durchschnittlich zulässige Zahl an Überstunden beträgt acht Stunden pro Woche. Derzeit werden in der Hauptstadt Bukarest die höchsten Löhne und Gehälter innerhalb Rumäniens gezahlt.

Derzeit sieht das Netto-Lohnniveau so aus (Stand Anfang 2006): Ungelernte Arbeitskraft: 131 - 280 Euro Facharbeiter: 190 - 450 Euro Kaufmännischer Angestellter: 230 - 550 Euro Ingenieur: ab 350 Euro Geschäftsführer: je nach Größe der Niederlassung ab 600 Euro

Korruption

Die grassierende Korruption war schon Schuld daran, dass Rumänien bei der ersten EU-Erweiterungswelle von 2004 nicht dabei war. Nach dem weltweiten Korruptionsindex der Organisation Transparency International lag Rumänien 2006 auf dem 84 Platz - gleichauf mit Ländern wie Algerien, Madagaskar, Mauretanien, Panama und Sri Lanka. Damit war es das korrputeste Land aller EU-Staaten und Beitrittskandidaten. Zum Vergleich: Deutschland liegt auf Rang 16, Italien auf 45 und sogar Polen schaffte Rang 61.

Mittlerweile ist Rumänien zwar EU-Mitglied, aber das Problem bleibt - auch wenn die Regierung alles tut, um es zu bekämpfen. So wurde auf Druck der Justizministerin Monica Macovei eine Verordnung erlassen, nach der öffentliche Angestellte und Beamte ihren Besitz bekannt geben müssen - für die Öffentlichkeit einsehbar im Internet. Macovei setzte außerdem eine Anti-Korruptionsagentur durch und stärkte die Unabhängigkeit von Richtern und Staatsanwälten. Als Ergebnis wurde sogar Ex-Ministerpräsident Adrian Nastase (Sozialdemokratische Partei, PSD) wegen der Annahme von Bestechungsgeldern angeklagt.

Dennoch glaubt ein Großteil der Rumänen, dass Entscheidungen vor Gericht vor allem von Geld und Einfluss abhängen. Auch sonst scheint für die Bevölkerung Bestechung normal zu sein. Doch um mit einem weiteren Vorurteil aufzuräumen: Es gibt auch viele Leute, die nicht bestechen - aus Prinzip (oder weil ihnen das Geld fehlt). Dann dauert die Bewilligung eines Antrags zwar sehr viel länger, aber irgendwann kommt auch sie.

Armut

Ein Viertel der Rumänen leben unter der nationalen Armutsgrenze, dabei gibt es ein starkes Armutsgefälle zwischen Stadt und Land. Besonders betroffen sind die Rentner, deren Pensionen mit den steigenden Preisen nicht Schritt halten können. Immerhin gab es zum Jahresanfang eine Rentenerhöhung, so dass die die Durchschnittsrente jetzt bei 374 RON oder 110 Euro liegt.

Rumänen sind noch sehr stark in ihren Familienverbänden verwurzelt, man hilft sich gegenseitig - auch finanziell. So können die meisten Rentner damit rechnen, von ihren Kindern unterstützt zu werden. Alleinstehende Rentner haben allerdings zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig - wenn dann auch noch Krankheiten hinzukommen, wird es mehr als trist.

Arbeitslosigkeit

Im Jahr 2006 betrug die Arbeitslosenquote 5,8 Prozent, die Prognose für 2007 liegt bei 5,7 Prozent.

Rumänen gelten als gut ausgebildete Fachleute und Arbeitskräfte. In einigen Regionen gibt es allerdings schon einen massiven Fachkräfte-Mangel. Uni-Absolventen sind in der Regel sehr gut ausgebildet, allerdings wird auf studienbegleitende Praktika zu wenig Wert gelegt.

Markt und Wirtschaft

Das BIP befindet sich seit dem Jahr 2000 auf einem stetigen Wachstumskurs und pendelt sich bei durchschnittlich etwa 5 Prozent jährlichem Wachstum ein. Wachstumsmotor sind der steigende private Konsum und steigende Löhne.

Das Haushaltsdefizit ist für ein Reformland erstaunlich gering und liegt sogar unter dem üblichen Niveau jener Länder, die am 1. Mai 2004 der EU beigetreten sind. Dennoch besteht für Rumänien ein unverändert hoher Bedarf an Reformen, besonders in den Bereichen Öffentliche Verwaltung, Rechtssicherheit, Zoll und Korruption.

Aussagekräftig ist der Indikator "Bruttoinlandsprodukt je Einwohner", der direkte Rückschlüsse auf die Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft zulässt. Nach Angaben des europäischen Statistikamts Eurostat lag Rumäniens BIP je Einwohner im Jahr 2005 bei rund 35 Prozent des Durchschnitts der EU-Mitgliedstaaten. Das höchste Pro-Kopf-BIP hat Luxemburg mit etwa dem Zweieinhalbfachen des EU-Durchschnitts. Rumänien plazierte sich noch vor Bulgarien, das nun als ärmstes Land der EU gilt.

Infrastruktur

Straßen- und Eisenbahnnetz sind dicht ausgebaut. Vom 14.824 km umfassenden Nationalstraßennetz wurden bereits über 90 Prozent, Teile davon mit Hilfe der EU, auf Mindeststandard saniert. Dennoch sind die meisten Straßen noch Lichtjahre vom westlichen Standard entfernt. Zur Zeit existieren etwa 120 km Autobahn von Bucuresti nach Pitesti, sowie zwischen Fetesti und Cernavoda (auf dem Weg von Bucuresti nach Constanta). Von 78.479 km des Gesamt-Straßennetzes bedürfen noch rund 60.000 km der Modernisierung. Fahrten in Bussen ohne Stoßdämpfer können also für erfrischende Momente naturnahen Reisens sorgen.

Das Schienennetz ist gut ausgebaut. Es umfasst insgesamt 11.430 km, 3.800 km sind elektrifiziert. Die Bahn wird in Rumänien zu 37 Prozent aus dem Staatshaushalt subventioniert.

Der Internationale Flughafen der Hauptstadt Bukarest bietet Direktverbindung nach Berlin, München und Frankfurt an, sowie in die übrigen europäischen Hauptstädte. Das seit kurzem privat betriebene Inlandsflugnetz schafft relativ gute Verbindungen von Bukarest zu etwa 15 der wichtigsten Städte. Wer Angst vor Flügen in ruckeligen Propellermaschinen mit sehr enger Bestuhlung hat, sollte allerdings davon Abstand nehmen. Von Cluj gibt es direkte Flüge nach Frankfurt, München und Stuttgart. Ab Constanta gehen Flüge nach Frankfurt, Arad und Sibiu bieten Direktflüge nach Stuttgart an.

Rumänien hat traditionell einen ausgeprägten Anteil an der internationalen Donauschiffahrt. Der große Seehafen Constanta spielt in Verbindung mit der Weiterbeförderung von Gütern bis nach Deutschland auf der Donau und umgekehrt in die Schwarzmeerländer auch international eine Rolle.

Verwaltungsstruktur

Diese ist zentralistisch nach französischem Vorbild. Die 41 Departements (rum. Judete) werden durch Präfekten verwaltet, die von der Regierung eingesetzt werden. Neben der Hauptstadt Bukarest, die Bezirksstatus hat, gibt es 262 Städte (davon 80 Großstädte) und 2687 Gemeinden.

Es gibt ein Zwei-Kammern-Parlament, bestehend aus einem Abgeordnetenhaus mit 341 Sitzen und einem Senat mit 143 Sitzen, gewählt wird alle vier Jahre. Das rumänische Staatsoberhaupt ist der rumänische Präsident und wird alle vier Jahre durch eine allgemeine Wahl bestimmt. Der Regierungschef wird von beiden Kammern des Parlaments gewählt.

Die jetzige Regierung

Die rumänische Regierung versucht seit Monaten in einem heroischen Kampf die zahllosen EU-Standards einzuhalten und das angeblich 66.000 Seiten dicke Regelwerk umzusetzen.

Nebenbei liefern sich die Mitglieder der Regierungskoalition einen bühnenreifen Machtkampf mit einer sehr blonden Parteichefin (Elena Udrea, Liberale Partei Rumäniens, wird auch "Basescus Mädchen" genannt), lancierten Indiskretionen, "zufällig entdeckten" Aktennotizen, feurigen Reden und dramatischen Appellen. Beim Versuch, sich ein neues Image zu verpassen, wird manchmal das alte unabsichtlich aufpoliert...

Dem Ex-Premier Adrian Nastase steht ein Prozess wegen Korruption und Bestechung ins Haus, der jetztige Präsident Traian Basescu soll nach dem Willen der Opposition durch ein Amtsenthebungsverfahren aus dem Weg geschafft werden und Premierminister Călin Popescu Tăriceanu feuerte seinen leitenden Finanzbeamten, weil er eine Steuer öffentlich kritisiert hat.

Die beste Börse für den neuesten Polit-Klatsch sind übrigens die Bukarester Taxi-Fahrer, so wie generell Rumänen sehr leidenschaftlich am politischen Leben teilnehmen.

Telekommunikation und Internet

Wie auch in anderen Ländern, die sich in einer ähnlichen Situation befanden wie Rumänien, erobert das Handy schnell den Telekommunikationsmarkt. Ein Grund hierfür ist, dass das Geld statt in eine neue Telefonanlage direkt in ein Handy investiert wird. Nach neuesten Angaben gibt es derzeit rund 13,354 Millionen Handybesitzer.

Ohne Mobiltelefon geht jedenfalls gar nichts, die meisten jungen Leute haben mindestens zwei davon. Das hat aber weniger mit obsessivem Paralleltelefonieren zu tun, sondern damit, dass pro Handy unterschiedliche Tarifverträge abgeschlossen werden und dann je nach Uhrzeit das dazu passende Handy verwendet wird.

Den Internetmarkt teilen sich derzeit etwa 150 Provider, wobei mit einem Konsolidierungsprozess gerechnet wird.

Dracula

Der schon wieder! Den transsilvanischen Blutsauger gab's natürlich nicht wirklich, nur einen veritablen Vampir-Hype Ende des 19. Jahrhunderts. Schriftsteller von Goethe (Die Braut von Korinth), über Polidori, Kleist, E.T.A. Hoffmann, Mérimée, Gogol, Dumas, Baudelaire und Sheridan Le Fanu (mit einem lesbischen Vampir in der Steiermark) bereiteten schließlich den Weg für DEN Roman zum Thema: Bram Stokers "Dracula". Historisch gesehen war Dracula (Dracul = rum. der Teufel) nur ein wegen seiner Strenge und Foltermethoden gefürchteter Fürst namens Vlad Tepes (spirch: Zepesch).

Wer sich unbedingt näher mit dem Thema auseinander setzen möchte, sollte die Rumänen in Ruhe lassen und sich an folgende Adressen wenden:

The British Dracula Association


213 Wulfstan St.
London W12 0AB
Unnited Kingdom

The Transsylvanian Society of Dracula's Canadian Chapter


Box 23240 Churchil Square, St. Johns
Newfoundland A1B 4J9
Canada

Kommunistische Vergangenheit

Wer nach Rumänien reist, sollte nicht vergessen, dass bis zum blutigen Sturz des Ceausescu-Regimes, das Land in einer Art Orwell'schen Diktatur leben musste - und das gute 50 Jahre lang.

Wer keine Satelliten-TV-Anlage besaß, musste sich mit den tägliche zwei Stunden Fernsehprogramm zwischen 20 und 22 Uhr begnügen - und auch die waren dem Diktator gewidmet. Mit Ausnahme des Radiosenders "Radio Free Europe" gab es keinen Zugang zu Nachrichten aus dem freien Rest der Welt. Westliche Zeitungen und Zeitschriften waren verboten, wer einen Ausländer traf hatte exakt 24 Stunden Zeit, um dies der Polizei zu melden - ein ausführliches Gesprächsprotokoll inklusive.

Nachts wurde als Sparmaßnahme die Stromversorgung unterbrochen, wer nach Einbruch der Dunkelheit unterwegs war, musste damit rechnen, jederzeit in einen ungesicherten Bauschacht zu fallen oder vergewaltigt zu werden. Die Stromabschaltungen betrafen übrigens nicht nur die Straßenbeleuchtung, sondern legten auch tagsüber für Stunden ganze Stadtteile lahm. Wer dann abends noch lesen wollte, musste dies beim Schein von Kerzen machen.

Für die Intellektuellen, die sich weigerten, das Land zu verlassen, blieben Kunst und Kultur die Reservate und Quellen geistiger Gesundheit. Gab es auch keine Reisefreiheit, so konnte sie die Welt durch die Augen der Schriftsteller erleben: Den Berliner Alexanderplatz sahen sie durch die Augen von Alfred Döblin; Wien durch die Augen von Elias Canetti, Robert Musil und Karl Kraus; Venedig durch die Augen von Thomas Mann; Paris durch die Augen von Victor Hugo und so weiter. Vielleicht sind deshalb rumänische Intellektuelle auch ein bisschen sanfter als ihre westlichen Gegenparts - sie haben das Staunen noch nicht verlernt.

Mentalität

Nach zwei Tagen in Rumänien versinke ich immer in Bewunderung für Deutschland: Wie schaffen die es bloß, dass alles so reibungslos funktioniert? Alle Häuser stehen gerade, und die Wände sind im rechten Winkel. Alles sauber, alles durchorganisiert. Keine Kabel liegen oberiridisch, ein öffentliches Telefon funktioniert einfach. Wenn ein Handwerker einen Termin nennt, dann kommt er auch zu diesem Termin (jedenfalls meistens). Man kann sich auf Zugfahrpläne verlassen (über die paar Minuten Verspätung würde sich ein Rumäne vor Lachen schreiend am Boden wälzen).

Nach vier Tagen im Land versinke ich in tiefer Bewunderung für die Rumänen: Unglaublich, wie schaffen die das bloß? Begegnen dem alltäglichen Wahnsinn mit anarchischem Humor. Schaffen es, ihre unglaublichen Schrottkarren am Laufen zu halten. Fahren nie in ein metertiefes Straßenloch. Trinken beeindruckende Mengen hausgebrannten Schnaps, ohne Zeichen von Verwirrtheit zu zeigen. Sind enorm hilfsbereit: Steht jemand mit einem Stadtplan auf der Straße, wird er von mindestens drei Leuten angesprochen, ob man helfen könne. Und diese Gastfreundlichkeit!

Außerdem sind rumänische Frauen echte Schönheiten (siehe Mädchen) und rumänische Männer meist noch echte Gentlemen. Rumänien ist eines der letzten Reservate des Handkusses (neben Teilen Österreichs und Ungarns). Frauen werden selbstverständlich die Türen aufgehalten, ihnen wird in den Mantel geholfen, sie werden umsorgt und umflirtet, hofiert und umschmeichelt.

Mädchen

Ich sag mal: rassig, gut gebaut, trinkfest. Und temperamentvoll natürlich. Vielleicht ein bisschen zu viel Make-up, aber das ist bekanntlich Geschmackssache.

Der Kleidungsstil variiert von "wenig" (Sommer) bis zu "Dezenz ist Schwäche" (offizielle Anlässe).

Achtung! In Rumänien wird recht jung geheiratet, eine gute Partie zu machen (auch einen reichen Ausländer) ist als Ziel gar nicht selten. Außerdem haben die meisten Mädchen etliche Brüder, Cousins und sonstige männliche Verwandte, die ein Auge auf die Ehre der jungen Dinger haben. Auch hier sollte die Formel lauten: Je kleiner das Dorf, desto vorsichtiger der Gast.

In der Großstadt sind gegengeschlechtliche Kontakte hingegen völlig unproblematisch. Besonders hübsche Mädchen in den hippen Bukarester Clubs könnten allerdings eine Überraschung parat haben: Sie erwarten einen Stundenlohn von gut 100 Euro...

Essen

Das Prinzip ist einfach: Trifft man privat Rumänen, wird man wie ein Familienmitglied behandelt - und muss essen. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn die Landesküche ist sehr schmackhaft und herzhaft.

Dann gibt es unglaubliche Mengen an Vorspeisen wie Salata de Vinete (Auberginenschaum), Ciorba (Suppe), Sarmale (Krautwickel) mit Mamaliga (Maisbrei), Kartoffeln mit gegrilltem Fleisch, gerne auch Fisch, immer viel Knoblauch und großartiges Gemüse. Vorher, zwischendurch und überhaupt wird gerne ein Stamperl Tuica (Zwetschgenschnaps) gekippt. Meist selbst gebrannt - oder zumindest von einem guten Bekannten selbst gebrannt - und wenn man wieder atmen kann, fängt alles von vorne an - auch mit dem Essen.

Es gilt übrigens als unhöflich, sich nur einmal etwas zu nehmen, der kundige Gast fängt also mit einer kleinen Menge an - dann kann getrost nachgelegt werden. Wer partout nicht will, sollte die Absage in höfliche Lügen packen ("bin allergisch gegen..."). Wem die Alkoholmenge Angst macht, ist immer gut bedient, wenn er die Einnahme von Antibiotika vortäuscht.

Toiletten

Besonders Frauen müssen tapfer sein: An die Plumpsklos in den Dörfern kann man sich vielleicht gerade noch gewöhnen, aber in den Städten könnte es herb werden.

Die Formel des Grauens ist einfach: Je "rustikaler" ein Restaurant, desto "authentischer" das gewisse Örtchen. Dabei reicht die Bandbreite von gekachelten Trittsteinen samt Haltegriff bis zu einem ordinären Loch im Boden. Klopapier im Gepäck ist ratsam, wenn es dann doch der nächste Busch wird.

Vor diesem Hintergrund ist der Hang rumänischer Frauen zu Schuhen mit schwindelerregenden Absätzen gar nicht hoch genug zu bewundern: Jeder Toilettengang könnte zu einem artistischen Kunstwerk werden...

Zigeuner

In Rumänien lebt mit etwas über zwei Millionen die größte Roma-Bevölkerung Europas - was den Rumänen gar nicht passt. Die Vorurteile bestehen seit Ewigkeiten und halten sich zäh. Es heißt, dass man aus einem Zigeuner keinen zivilisierten Menschen machen kann, dass er stiehlt und betrügt, ehrliche Arbeit scheut, dumm und ungepflegt ist. Am schlimmsten wiegt aber für die Rumänen, dass Zigeuner maßgeblich für das schlechte Image des Landes im Ausland verantwortlich sind. Der Ausdruck "Roma" ist im Land übrigens nicht gebräuchlich und wird auch nicht verstanden. Nach landläufiger Meinung bestanden die marodierenden Diebesbanden der 90er Jahre meist aus rumänischen Roma, die aber generell mit Rumänen gleich gesetzt wurden. Auch die Elendsbilder nach Naturkatastrophen wie Überschwemmungen zeigen meist Roma samt den Resten ihrer ärmlichen Behausungen. Über 80 Prozent der gequälten Kinder in den schrecklichen Waisenhäuser aus der kommunistischen Ära waren ebenfalls Roma, die von ihren Eltern im Stich gelassen wurden.

Leider werden selbst die dümmsten Klischees allzu oft bestätigt werden, so dass die Roma nach wie vor zu den am schlimmsten diskriminierten Gruppen gehören.

Züge

Sind in Rumänien immer noch das meistgenutzte Transportmittel. Allerdings sind Zugnamen wie "Rapid" (schnell) und "Accelerat" (beschleunigt) rein suggestiv gewählt. Dem durchschnittlichen Westreisenden seien dennoch dringend diese Züge erster Klasse zu empfehlen. Wer mit einem blauen "Personal" besteigt, der darf miterleben, wie Bauern samt Kartoffeln und Federvieh einsteigen, und auch musiziernde Zigeuner sind keine Seltenheit.

Für abenteuerlustige Reisende, die gesunde Nieren und keine Eile haben, ist es allerdings ein Erlebnis! Wichtiger Tipp: Voher aufs Klo gehen, genug Nahrung mitnehmen (immer einplanen, dass man sein Essen auch mit anderen teilen könnte) und viele Fotos von Heimat und Familie - das sorgt für Gesprächsstoff.