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Geschenktipps: Fotobände für den Jahreswechsel

Wer auf den letzten Drücker noch hochwertige Geschenke für den Jahreswechsel sucht, sollte einen Bildband kaufen. Wir stellen drei Bildbände vor, die Sie direkt im Buchladen mitnehmen können.

Von Sabina Riester

Von Hamburg über Berlin nach Mannheim, im Anschluss wieder nach Berlin zurück, von dort aus weiter nach Spiekeroog, Ludwigslust, München, Gelsenkirchen, Bonn, Seehausen, Stelzen, Pritzwalk und Wittenberge. Wer den Band "Deutsch Land. Reise zu den Deutschen" von Andreas Herzau vor Augen hat, kommt herum im Land. Und das unabhängig von der Fahrplangewalt der Deutschen Bahn. Er reist quer durch eine Nation 15 Jahre nach der Wiedervereinigung und sieht Szenarien, die sich in Ihrer Nachhaltigkeit deutlich von dem unterscheiden, was durch die beschmutzten Scheiben eines fahrenden Regionalexpresses entdeckt werden könnte.

Der Fotograf Andreas Herzau klammerte sich bei seiner Bildersuche an kein statisches Konzept, an keinen konkreten Handlungsstrang. Er lässt sich mit aufmerksamen Augen treiben und hält treffsicher kleine und große Geschichten aus dem Alltag der Deutschen fest. Eingefroren zwischen Rück- und Ausblick, Stillstand und Aufbruch. Deutschland im Herbst. Und im Sommer, im Winter, im Frühling.

Wurm mit Witz

Die Arbeiten des Fotokünstlers Erwin Wurm machen es dem Betrachter leicht sie auf den ersten Blick zu lieben. Sie haben Witz. Beim zweiten Hinschauen ist jedoch Schluss mit oberflächlichem Lieben und Lachen. Wurms Werke haben einen doppelten Boden und der Kunstliebhaber wird grinsend in die Tiefe gerissen. Denn in diesen Arbeiten steckt ordentlich Gesellschaftskritik. Wurm öffnet mit seiner Kunst nachhaltig die Augen für die gesellschaftlichen Zwänge. Und ist selber in seiner Kunst zwanglos, hebt sich wohltuend vom visuell durchgekauten Alltagsbrei ab. So erreicht er, dass seine Bilder im Gedächtnis bleiben. Auch auf Kosten seiner Protagonisten, die er grenzen- und gnadenlos manipuliert und deformiert.

Er steckt einem Pater den Apfel der Verführung ins Maul, lässt eine junge Frau an einer eisgefrorenen Haltestelle im Mülleimer ausharren und trägt seinen Kurator durch die Ausstellungshallen, ob dieser will oder nicht. Die paradoxe Aktionen, grotesken Grimassen oder strapaziösen Posen in Wurms Arbeiten stellen dabei grundsätzliche Fragen nach Normalität, Sinn oder Unsinn künstlerischer Konventionen und menschlichen Handelns. Seine "One Minute Sculptures" gefrieren aus dem Alltagsirrsinn Denkmale. Doch alle Beschreibung von Wurms Arbeit verblasst neben dem Vergnügen und nachhaltigen Erleben bei eigener Betrachtung der Werke. Bis 11. Februar werden die Arbeiten im Museum Ludwig in Wien gezeigt, im Anschluss daran in den Deichtorhallen in Hamburg.

Eine Ergänzung oder Alternative dazu ist die wunderbar gestaltete, umfangreiche Monografie "Erwin Wurm" aus dem Hatje Cantz Verlag. Das Eintauchen in die Kunstwelt von Erwin Wurm hinterlässt beim Betrachter auch optische Spuren. Er ähnelt dem Denker Rodins, der über den Sinn- und vor allem über den Unsinn gesellschaftlicher Konventionen grübelt. Doch im Unterschied zur Orginalstatue wirkt er dabei keineswegs ernst, sondern amüsiert, auch wenn ihm das Lachen felsenfest im Hals steckt.

Zwischen Kindheit und Erwachsenwerden

Weltbekannt wurde die holländische Fotografin Hellen van Meene vor wenigen Jahren mit ihren sensiblen Aufnahmen heranwachsender Mädchen und Jungen. Auch die neuen Arbeiten von van Meene widmen sich den Kindfrauen- und männern: Im Niemandsland zwischen Kindheit und Erwachsenwerden verharren die Jugendlichen in ihr aufregendes Eigenleben versunken. Ihr Äußeres und Inneres drängt zum Aufbruch. Ihr Selbstbewusstsein und ihre sexuelle Identität reifen unaufhaltsam. Die jungen Menschen auf van Meenes Bildern wirken scheu, verwundbar, traumverloren. Oft schweift ihr Blick in die Ferne, in die Zukunft, in eine Erwachsenenwelt ohne schützenden unberührbaren Kindheitspanzer.

Es ist ein romantisches Bild, das van Meene uns hier vor Augen hält. Die Jungen und Mädchen auf ihren Fotos haben wenig mit dem Medienimage von Pubertierenden gemein. Der Realitätsboden liegt weiter unter ihnen. Die Abgebildeten erscheinen wie zerbrechliche Gestalten aus einer tief verborgenen Seelenwelt, aus einem Kosmos der Sehnsucht und Verklärung. Sie stehen in diesen Porträts nicht allein für sich und ihre Persönlichkeit, sondern für das Phänomen des Heranwachsens im Allgemeinen.

"Ich erinnere mich an Jugend und an das Gefühl, das niemals wiederkehren wird - das Gefühl, dass mein Leben ewig währen könnte, dauerhafter als das Meer, die Erde und alle Menschen" schreibt Joseph Conrad als er längst in der Erwachsenenwelt verankert ist. Die Fotografien von van Meene bieten für Momente die Möglichkeit zurückzukehren, sich wieder einzufühlen, in eine Zeit vor dem "groß sein". Selten wurde fotografisch feinfühliger vom Verlust der Kindheit und den Schrecken des Erwachsenwerdens erzählt.