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9 Milliarden Menschen im Jahr 2050: Warum wir mit Bio alle satt werden könnten

Im Jahr 2050 muss die Erde zwei Milliarden Menschen mehr versorgen als heute. Modernes "Supergetreide" wird vielen Menschen helfen. Doch Bio- und Gentechnik können nicht alle Probleme lösen.

Von Tim Folger

Im Wettlauf zwischen Bevölkerungswachstum und Lebensmittelversorgung hatten die Menschen bislang noch meist die Nase vorn. Ob das auch im 21. Jahrhundert so bleibt, ist offen. Nach Berechnungen der Vereinten Nationen wird die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2050 um mehr als zwei Milliarden Menschen anwachsen.

Im März warnte der Weltklimarat IPCC, die Lebensmittelversorgung der Welt sei gefährdet. Vor einem halben Jahrhundert hörte sich die Drohung schon einmal so ähnlich an. Bevor diese dunkle Vision Wirklichkeit werden konnte, veränderte die erste Grüne Revolution die weltweite Landwirtschaft. Der amerikanische Biologe Norman Borlaug erzeugte durch selektive Kreuzung einen Zwergweizen, dessen Energie nicht mehr zum größten Teil in lange Stängel floss, sondern in essbare Körner.

Die nächste grüne Revolution

1970 erhielt Borlaug den Friedensnobelpreis. In der Begründung hieß es: "Mehr als jeder andere Mensch seiner Epoche hat er dazu beigetragen, eine hungrige Welt mit Brot zu versorgen." Nun braucht die Welt wieder eine Grüne Revolution. Zwei Konzepte stehen zur Diskussion. Eine HighTech-Variante in der Tradition Norman Borlaugs, ergänzt um moderne genetische Verfahren. Und eine Landwirtschaft, die mehr als heute auf ökologische Zusammenhänge setzt und die abgestimmt ist auf Zigmillionen von Kleinbauern weltweit.

Ein Sprecher der ersten Fraktion ist Robert Fraley vom global operierenden Saatgutkonzern Monsanto. "Die nächste Grüne Revolution wird die Methoden der vorherigen mit einem Turbolader versehen", sagt er. Die Forscher könnten heute ein breites Spektrum von Pflanzengenen identifizieren und manipulieren, darunter solche für Krankheitsresistenz und Dürretoleranz. Gentechnik werde die Landwirtschaft produktiver und flexibler machen – ein Ansatz, der Monsanto einerseits wirtschaftlich erfolgreich, andererseits aber auch zu einem umstrittenen Unternehmen machte.

Landwirtschaft, die sich an der Region orientiert

"Die Alternative ist klar", sagt Hans Herren, Direktor der gemeinnützigen Schweizer Organisation Biovision. "Wir brauchen eine Landwirtschaft, die sich viel stärker an der Region und den ökologischen Ressourcen orientiert. Für die nächste Grüne Revolution brauchen wir einen Paradigmenwechsel. Die HighTech-Landwirtschaft hat keine Zukunft – wir brauchen etwas anderes."

Das internationale Reisforschungsinstitut IRRI hat sich jahrzehntelang auf die Verbesserung traditioneller Reissorten konzentriert, deren Felder zur Aussaat unter Wasser stehen. Mit Blick auf den Klimawandel werden jetzt aber auch trockenresistente Sorten angeboten, darunter eine, die – wie Mais und Weizen – nur mit Regenwasser auskommt. Für Länder wie Bangladesch, wo der steigende Meeresspiegel die Reisfelder erreicht, züchtet man Sorten, die Salzwasser vertragen. Nur wenige Reissorten des IRRI sind gentechnisch verändert, und keine davon ist bisher auf dem Markt.

Dennoch hat die moderne Genetik das Züchtungsprogramm enorm beschleunigt. Seit 2004 ist das gesamte Reisgenom mit seinen rund 40000 Einzelgenen bekannt. Jetzt können Wissenschaftler gezielt nach Genen suchen, die den Pflanzen nützliche Eigenschaften verleihen und sie bei Kreuzungen fördern. So entstand zum Beispiel die überflutungsresistente Sorte Swarna-Sub1. Der Reis übersteht sogar eine zweiwöchige Überflutung. Die meisten anderen Sorten sterben schon nach drei Tagen unter Wasser ab.

Fokus auf biologischen Anbau

In Tansania gibt es gar keine GM-Pflanzen. Je nach Einstellung zu dieser Methode steht GM für "gentechnisch modifiziert" oder "manipuliert". Dafür steht das Land heute weltweit an vierter Stelle bei der Anzahl zertifizierter Biobauern. Einen wesentlichen Anteil daran hat Janet Maro. Sie und ihr kleines Team bilden heute einheimische Bauern in biologischer Landwirtschaft aus. Morogoro liegt westlich von Daressalam am Fuß des Uluguru-Gebirges. Maro will mir dort drei der ältesten Biohöfe Tansanias zeigen.

Schließlich hält Maro vor einem kleinen Backsteinhaus mit Wellblechdach. Habija Kibwana, eine große Frau mit kurzärmeliger weißer Bluse und Wickelrock, lädt uns auf ihre Veranda ein. Kibwana und ihre Nachbarn bauen eine Vielzahl von Nutzpflanzen an: Jetzt ist Saison für Bananen, Avocados und Passionsfrüchte. Bald werden sie Möhren, Spinat und andere Blattgemüse aussäen, alles für den regionalen Bedarf. Die Vielfalt gibt Sicherheit, falls bei einer Pflanzenart eine Missernte eintritt.

Die wohl bedeutsamste Folge der biologischen Landwirtschaft für die Bauern ist, dass sie jetzt schuldenfrei sind. Selbst mit Subventionen kosten Düngemittel und Pestizide umgerechnet mehr als 200 Euro für einen halben Hektar – kaum aufzubringen in einem Land, in dem das Durchschnittseinkommen bei rund 1200 Euro im Jahr liegt.

Was nun: Lowtech oder Hightech?

Also was nun? Lowtech oder Hightech? Bio oder GM? Die Antwort ist: Beides. Je nachdem. "Biologische Landwirtschaft kann in manchen Regionen der richtige Ansatz sein", sagt der Monsanto-Manager Mark Edge. "Wir halten GM-Nutzpflanzen in Afrika keineswegs für die Lösung aller Probleme." IRRI-Direktor Robert Zeigler sieht das ähnlich: Seit der ersten Grünen Revolution habe der ökologische Landbau parallel zur Genetik große Fortschritte gemacht.

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