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Interview

Essen wir unsere Gesundheit kaputt?: Ernährungsexpertin warnt: Zu viel Wurst und Weißmehl machen uns krank

Sich gut und gesund zu ernähren, ist die beste Gesundheitsvorsorge, die es gibt. Trotzdem essen wir zu viele verarbeitete Lebensmittel. Was das für Auswirkungen auf unsere Gesundheit haben kann, erklärt die Ernährungsexpertin Dagmar von Cramm im Interview.

Ernährungsexpertin warnt: Zu viel Wurst und Weißbrot machen uns krank

Zu viel Wurst, und zu viel Weißmehlprodukte, können uns krank machen, sagt Ernährungswissenschaftlerin Dagmar von Cramm

Frau von Cramm, Aldi und andere Discounter locken den Verbraucher mit Preisen wie 1,99 Euro für 600 Gramm Schweinefleisch in den Laden. Sparen wir am falschen Ende?

Dagmar von Cramm: So ein Angebot ist ja nichts Neues, trotzdem wird es immerhin vom Verbraucher kritisch betrachtet. Da sehe ich eine Veränderung. Billige Fleischangebote haben nach dem Krieg immer die Verbraucher in den Discounter oder in die Supermarktketten gelockt. Erstaunlich finde ich aber, dass Aldi und der Handel insgesamt eine Bewegung hin zu Qualität machen, mit diesem Lockangebot aber wieder in alte Schuhe schlüpfen.

Die Nachfrage ist wohl da. Ist daran der Verbraucher Schuld?

Das kann man nicht sagen. Beim Verbraucher tut sich schließlich was. Es gibt die vegane und vegetarische Welle. Die Deutschen essen weniger Fleisch als noch vor zwanzig Jahren. Das ist erstaunlich, weil sich Ernährung nur sehr zäh und langsam verändert. Mittlerweile isst der Verbraucher aber auch mehr Gemüse. Es gibt also tatsächlich eine Art Wandel.

Kann der Handel etwas tun, damit Fleisch nicht zu Spottpreisen verramscht wird?

Dem Handel das allein zuzuschreiben, wäre nicht ganz fair, weil der Verbraucher natürlich entscheidet, was er kauft. Eier sind ein gutes Beispiel, wie der Verbraucher Einfluss auf den Handel nimmt.

Sie meinen damit die Kennzeichnung?

Genau. Wir finden es ganz normal, dass wir zwischen drei Sorten Hühnereiern wählen können: Bio-, Boden- und Freilandhaltung. Das hätte vor 20 Jahren auch noch keiner geglaubt.

Können Sie sich vorstellen, dass es so eine Kennzeichnung auch für Fleisch geben kann?

Natürlich! Das fängt ja schon an. Es gibt Bio-Siegel und die "Initiative Tierwohl" der Branche. Die ist vielleicht noch lasch, aber immerhin ein Anfang. Der Verbraucher ist zwar noch nicht so weit, das Doppelte zu zahlen, aber zehn oder zwanzig Prozent mehr vielleicht schon. Die Bereitschaft nimmt zu, und das sollte man sehen und auch unterstützen.

Die Weltgesundheitsorganisation hat rotes Fleisch 2015 als "wahrscheinlich krebserregend" eingestuft. Verarbeitetes Schweinefleisch inklusive. Kann uns Fleisch krank machen?

Zu viel Fleisch kann uns mit Sicherheit krank machen. Der World Cancer Report ist noch genauer: Wahrscheinlich spielt das verarbeitete Fleisch eine große Rolle. Also Fleischwaren, Pökelwaren wie Wurst, Aufschnitt und Bratwürste, in denen viel Schweinefleisch drin steckt. Diese Produkte spielen vor allem in der schnellen Imbissküche eine große Rolle.

Kranke Nutztiere in großen Ställen müssen wie wir Menschen behandelt werden. Oft mit Antibiotika. Wie wirkt sich das auf unsere Gesundheit aus, wenn wir das Fleisch dieser Tiere konsumieren?

Ich sehe das kritisch, weil man Bakterienstämme züchtet, die nicht mehr auf Antibiotika reagieren. Das ist gefährlich. Ich glaube aber nicht, dass wir ganz um die Antibiotikagabe bei Nutztieren herumkommen werden. Aber klar ist: Je dichter der Bestand ist und je enger die Tiere aufeinander hocken, desto öfter müssen diese Medikamente eingesetzt werden.

Man könnte ja sagen, das betrifft ja nur die Tiere und nicht uns. Wie sehen Sie das?

Erkranken Menschen an diesen Keimen, kann es dazu kommen, dass die medizinische Möglichkeit, die Erkrankung mit Antibiotika zu bekämpfen, nicht mehr gewährleistet wird. Es gibt bereits Fälle von Menschen, die an resistenten Keimen sterben, gegen die kein Antibiotikum mehr hilft.

Wie viel Fleisch darf man dann eigentlich noch essen?

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt pro Woche etwa 300 bis 600 Gramm Fleisch und Wurst zu konsumieren. Ich denke, die untere Grenze reicht. Also etwa zweimal die Woche ein Steak oder ein Tafelspitz oder ein Hühnerbein. 

Nicht nur Fleischprodukte sind bedenklich. Wie steht es mit verarbeiteten Lebensmitteln? Unverträglichkeiten und Allergien häufen sich scheinbar in unserer Gesellschaft.

Die Expertin:  Dagmar von Cramm ist Ernährungswissenschaftlerin (Dipl. oec. troph). Sie ist Fachjournalistin und Buchautorin.

Die Expertin:

Dagmar von Cramm ist Ernährungswissenschaftlerin (Dipl. oec. troph). Sie ist Fachjournalistin und Buchautorin.

 Sicher haben Unverträglichkeiten zugenommen. Das wird durch Einseitigkeit und durch verarbeitete Lebensmittel verstärkt. Unsere Schnellverpflegung besteht hauptsächlich aus Weißmehlgebäck: Pizza, Pasta, Brötchen und Teilchen. Würden wir Getreide in einem normalen Maße, oder besser noch als Vollkorn zu uns nehmen, wäre es unproblematischer. Es geht um die Menge.

Werden Unverträglichkeiten durch unser Essverhalten ausgelöst?

Ja. Aber bei den Unverträglichkeiten kommt noch ein zweiter Faktor hinzu: die Selbstwahrnehmung und das Körpergefühl. Manche Symptome werden überbewertet.

Sie als Expertin – was empfehlen Sie, was sollten wir essen?

Früher war ich ein Vollwertkost-Fan, heute heißt das Clean Eating. Ich würde eine Mischung wählen: Drei Portionen Gemüse am Tag - sowohl roh als auch gekocht - sind sehr wichtig. Vollkorn, eine Palette von Getreide, auch Hirse oder Roggen. Entscheidend ist es, selber zu kochen und regelmäßig zu essen. Zudem sollte man einfache Lebensmittel bevorzugen. Man darf auch mal Fertigprodukte verwenden, die sind dann aber ausschließlich Genuss- keine Grundnahrungsmittel. Das ist die beste Gesundheitsvorsorge, die es gibt.

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