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Nie wieder...: ...so genannte Holzfällersteaks

"Holzfällersteaks" sind der kulinarische GAGU, der größtanzunehmende Grillunfall, das fleischgewordene Symbol von Unmündigkeit am offenen Feuer.

Die sagte Luther?: Ich glaube nicht länger, was mir die Kirche vorgibt. Ich glaube, was in der Bibel steht. Und die übersetz ich jetzt mal ins Deutsche. Versteht ja kein Mensch, das Latein.

Ein Großteil von dem, was die Kirche damals trieb und predigte, stand nicht drin in der Bibel, fand er, protestierte, stieg aus und machte seinen eigenen Laden auf.

In der Küche bin ich Protestant. Ich schlucke nicht, was mir die Nahrungsmittelindustrie zu schlucken vorsetzt. Ich kaufe frisch. Ich koche. Fleisch, Gemüse, Obst. Von den abgepackten Sachen lasse ich liegen, was mehr als einen Inhaltsstoff hat. Kaffee kaufe ich. Joghurt auch. Salz, ja klar. Aber Cappuccinopulver, Erdbeerjoghurt, Hähnchengewürzsalz? Kommt mir nicht in die Tüte.

Feierabend, Wochenende, Ferien - der Stress lässt nach, da lädt man ein und gibt am Herd sein Bestes. Und wird selbst eingeladen. Im Sommer in die Gärten, an den Grill.

Um dort was zu finden? "Holzfällersteaks" aus dem Supermarkt, fertig gewürzt, schrillfarbig, fast fluoreszierend.

Holzfällersteaks sind ein Phänomen wie Geländewagen. Je weniger Gelände, desto mehr Allradfahrzeuge. Ich kenne nicht einen Holzfäller, aber in allen Kühlregalen lauern sie, diese Berufsgruppensteaks. Es sind glitschige, kleinfingerdick geschnittene Lappen aus Nacken und Schulter des Schweins, so lebensmittelfarbenfroh quietschrot gefärbt, als sei der Metzger auf Droge gewesen, als er die Tütenmarinade anrührte.

Die Droge ist verbreitet. Gewinnmaximierung heißt sie. Metzger hassen Gammelfleisch, das müssten sie ja abschreiben. Gut, dass es die Marinade gibt, voll Pülver- und Essenzelchen, dass das Auge lacht, die Nase übertölpelt wird und die Zunge glüht von Glutamat. Hinein mit dem Fleisch und ab in die Auslage, grad noch beizeiten.

Und wenn man mich noch so eingeladen hat - ich ess das nicht. Warum auch, ich werde zur Not ganz gut auch von fünf Bier satt. Einmal, ja, einmal habe ich eins probiert, an einem Sommerabend 1992 auf einem Campingplatz an einem See. Schmeckte wie eine flammende Rede für den Vegetarismus.

Ich mag Metzger, im Prinzip. Sie liefern den substanziellsten Teil meines Essens. Aber ich mag die nicht, die Fertigmarinaden anrühren. Fertigmischungen jeder Art, ob für Grillfleisch oder sonst was. Sie sind die Totengräber ihres Gewerbes, skrupellos genug, ihre Kunden - auch Kinder - Farbstoffe, Aromen, Süßstoffe und Geschmacksverstärker schlucken zu lassen. Und Geld dafür zu nehmen. Es sind die Metzger, die die Vegetarier zeugen.

Mein Umfeld ist ganz aufgeklärt, lauter kritische, wache Leute. Politik - stöhn. Parteien - kicher. Kirche - das meinst du aber jetzt nicht ernst, oder?

Aber wenn's ans Essen geht, sind sie ganz katholisch. Kaufen gläubig in den Konsumkathedralen Fertigmahlzeiten, erhitzen und reichen sie ihren Kindern: Kostet und seht, dass ihr satt werdet.

Selbst noch beim Grillen, diesem kulinarisch steinzeitlichen Ausnahmezustand, bei der naivsten Art, das Rohe in das Gare zu überführen, da schlucken sie noch das Vorgegebene.

Ein Steak heißt Steak, weil es von "steikja" kommt, von stecken. Man steckt Fleisch auf einen Stecken und hält es ans Feuer. Ganz primitiv. Fleisch und Feuer - das war immer, das ist noch immer Männersache. Und doch ist das Urvieh am Grill, das seine Sippe archetypisch nährt, nicht Manns genug, sein Fleisch selbst zu würzen. Es kauft Holzfällersteaks.

Leute, lernt von Luther: die Packungsschrift studieren, Etikettenlatein übersetzen, die Schlüsse ziehen, protestieren, den eigenen Laden aufmachen und selber denken, selber würzen. Das ist die Freiheit eines Küchenmenschen.

In der Küche bin ich Protestant. Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.

Bert Gamerschlag / print