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Kulinarische Integration: Diese Familie kocht Dich türkisch

Bei Mama schmeckt's am besten. Das dachte sich auch Orhan Tançgil, lernte die Rezepte seiner Mutter und führt heute einen der sympathischsten Familienblogs Deutschlands.

Von Denise Wachter

Eine Familie. Ein Blog. Und eine geniale Idee. Die "Köpfe" von kochdichtürkisch sind (erste Reihe von links) Orhan, seine Frau Orkide Tançgil und Freundin Nilüfer Şahin, dahinter (hintere Reihe von links) ist Orhans Schwester Ayşe Tançgil, Orhans Mutter Nilüfer und sein Freund Yusuf Şahin.

Eine Familie. Ein Blog. Und eine geniale Idee. Die "Köpfe" von kochdichtürkisch sind (erste Reihe von links) Orhan, seine Frau Orkide Tançgil und Freundin Nilüfer Şahin, dahinter (hintere Reihe von links) ist Orhans Schwester Ayşe Tançgil, Orhans Mutter Nilüfer und sein Freund Yusuf Şahin.

In türkischen Familien werden Rezepte traditionell von der Mutter an die Tochter weitergegeben. Orhan Tançgil ist aber keine Tochter, sondern ein Sohn. Er ist in Essen geboren und in Düsseldorf aufgewachsen, machte eine Ausbildung als Druckvorlagenhersteller und studierte danach Medien in Stuttgart. Dort - so fernab seines Elternhauses - vermisste er die türkische Küche seiner Mutter Nilüfer Tançgil.

Deshalb fragt er sie nach ihrem türkischen Soulfood. Das wollte sie aber nicht so einfach rausgeben. Mehr noch: Sie sagte, er solle sich lieber eine Frau suchen. Orhans Mutter ist sehr traditionsbewusst, für sie haben Männer in der Haushaltsküche nichts zu suchen, in Restaurantküchen natürlich schon. Orhan ließ nicht locker. Irgendwann aber gab Mutter Tançgils Drängen nach und lüftete die Geheimnisse der türkischen Küche. Das war der Anfang von etwas Großem. Für Studentenpartys bereitete er erste Snacks zu, gar nichts Aufwendiges, die jungen Leute rissen ihm die Leckereien aus den Händen. Da wusste er, er hatte den richtigen Nerv getroffen - der Beginn von kochdichtürkisch.de.

Also wickelte Orhan Tançgil Sigara börek - vor der Kamera. Das war 2007 - als Youtube noch nicht das war, was es heute ist. Sigara börek ist eine Spezialität der türkischen Küche - sie sind fingerdick, mit türkischem Weißkäse, Dill und Petersilie gefüllt, danach werden die köstlichen Röllchen angebraten oder frittiert. Orhan zeigt jeden Handgriff, dabei wird die Geschichte des Gerichts erzählt. Heute sprechen Orhan und seine Frau Orkide die meisten Videos selbst ein.

Die Rezepte seiner Mutter nachzukochen, stellte sich schwieriger heraus, als gedacht. Denn die Mutter konnte die Rezepte nicht so einfach erklären, sie konnte nur die Konsistenz des Gerichts beschreiben. Deshalb musste Orhan seiner Mutter beim Kochen zugucken - und entwickelte die Rezepte seiner Mama.

"Wir möchten die Mama-Küche festhalten - und zwar die von allen Mamas", sagt Orhan. Er beschreibt sich selbst als Türko-Deutschen, also ein Türke, der in Deutschland geboren ist. Den Blog "Kochdichtürkisch" betreibt Orhan längst nicht mehr allein, sondern zusammen mit seiner Frau Orkide, seiner Schwester Ayşe - und zwei Freunden. Yusuf alias Yosef, verfasst politische Kolumnen auf "kochdichtürkisch" und seine Frau Nilüfer entwickelt Rezepte und erzählt Geschichten.

Die Rezepte stammen aus verschiedenen Regionen der Türkei. Nilüfers Speisen stammen aus dem Südosten des Landes. Türkische Küche ist in jeder Region anders - so wird im Süden beispielsweise viel Bulgur gegessen - im Norden wurde er verpönt: Orhans Mutter, die aus Ankara stammt, kochte nie mit Bulgur - warum? Für sie war Bulgur ein Arme-Leute-Essen. Essen kann demnach auch ein Indikator für verschiedene soziale Milieus sein.

Die Türko-Deutschen und die Doyçen

Die türkische Küche ist erst seit wenigen Jahren auf dem Radar der Kochbuch-Verlage, Orhan Tançgil versucht die türkische Kultur den Deutschen und auch den Türko-Deutschen schon seit Jahren näher zu bringen - mit Erfolg. Bereits zwei Kochbücher erschienen im Eigenverlag Doyç (sprich Deutsch) - Sofralar und das kürzlich veröffentlichte Mezeler. Der Name des Verlags soll die deutsch-türkische Kultur und alle anderen Migrations-Kulturen mit einem Augenzwinkern vermitteln - Orhan liebt es mit Klischees zu spielen. Deshalb gibt es in seinem Laden im Stadtteil Flingern in Düsseldorf nicht nur türkische Feinkost, sondern auch Kochschürzen mit Migartionshintergrund: köftesüchtig, Bio-Türke oder Doyçländer steht etwa darauf.

Orhan und seine Familie machen in ihrem Laden auch Verkostungen - an einem großen Tisch, wo bis zu 12 Leute Platz haben, zum Essen gibt es Mezze - kleine türkische Vorspeisen - und türkischen Wein. Im Grunde ist der Laden auch gleichzeitig der Verlag. Nur eben mit Wein, Gewürzen, Olivenöl und dem türkischen Nudelholz Oklava.

Eines von Orhans Lieblingsrezepte sind die Kadinbudu Köfte, die Frauenschenkel-Frikadellen. Hackfleisch und Reis vom Vortrag wird mit frischem Hackfleisch vermischt und paniert - das Ergebnis ist so saftig und zart wie ein Frauenschenkel. Daher der Name.

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