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Die Kunst des klugen Essens "Ein Hamburger wirkt wie eine weibliche Brust"

Weihnachten
"Der perfekte Hamburger ist warm, weich, beinahe anschmiegsam. [...] All das löst im Idealfall einen Saugreflex aus - und damit ein sehr wohliges Gefühl!"
© Getty Images
Wir alle werden Weihnachten wieder ordentlich reinhauen. Und hinterher ein schlechtes Gewissen haben. Die Journalistin Melanie Mühl weiß Rat: Sie hat das Buch "Die Kunst des klugen Essens" geschrieben.

Frau Mühl, werden Sie Weihnachten sinnlos schlemmen wie alle anderen?
Natürlich! Gänsebraten, Klöße, Rotkohl - ganz ohne Reue, es ist ja schließlich Weihnachten.

Aber nach Weihnachten werden wieder alle jammern und abspecken wollen. Warum helfen rote Teller beim Abnehmen, wie Sie schreiben?

Rot assoziieren wir mit Gefahr: Fliegenpilze sind rot, Feuerlöscher, Verbotsschilder. Wissenschaftler der Universität Oxford fanden in neurogastronomischen Experimenten heraus, dass rote Teller den Appetit mindern. Das Auge isst schließlich mit und zwar in einem viel stärkeren Ausmaß, als uns das bewusst ist. Wir produzieren in Sekundenbruchteilen Erwartungen an das aufgetischte Essen. Also: rote Teller kaufen.

Sie haben mit ihrer Kollegin Diana von Kopp das Buch "Die Kunst des klugen Essens – 42 verblüffende Ernährungswahrheiten" geschrieben. Was brachte Sie dazu, sich mit unserer Ernährung zu beschäftigen?

Mehr zu Ernährungswahrheiten in: Die Kunst des klugen Essens. 42 verblüffende Ernährungswahrheiten. Von Melanie Mühl und Diana von Kopp. Hanser Verlag. 265 Seiten. 16 Euro.
Mehr zu Ernährungswahrheiten in: Die Kunst des klugen Essens. 42 verblüffende Ernährungswahrheiten. Von Melanie Mühl und Diana von Kopp. Hanser Verlag. 265 Seiten. 16 Euro.

Ich hatte die Bevormundung und das ständige Ausrufen irgendwelcher dubiosen Ernährungstrends satt. Die Liste der bösen, also "verbotenen" Lebensmittel wird ja immer länger. Milch ist gefährlich, Weizen sowieso, es würde mich nicht wundern, würde bald jemand vor zu viel Gemüse warnen. Mal ehrlich: anstatt hinter unsere eigenen Kulissen zu gucken und unser Ernährungsverhalten genau unter die Lupe zu nehmen, kasteien wir uns selbst. So verlernen wir, wirklich zu genießen. Wer weiß, warum er in manchen Momenten auf Pommes mit Mayo schwört, warum er einem Schokokuchen einfach nicht widerstehen kann, warum Diäten zum Scheitern verurteilt sind und was für eine große Rolle die eigenen Psyche bei unserem Ernährungsverhalten spielt, isst automatisch klüger - und gesünder.

Sie sagen, wir treffen täglich mehr als 200 Essensentscheidungen. Ich kann mich nur an eine in der Kantine erinnern. Es war eine Currywurst.

Bei uns in der Kantine gab es Ente, die hab ich gegessen. Die meisten Entscheidungen fällt allerdings unser Unterbewusstsein. Wir sind Nebenher-Esser. Wenn Sie sich ganz genau beobachten, wird Ihnen auffallen, wie häufig sie sich im Laufe eines Tages für oder gegen etwas zu Essen entscheiden - der Kuchen der Kollegin, der Probierhappen des Südtiroler Schinkens im Supermarkt usw.

Warum sind Weihnachtsmärkte so gefährlich?

Weihnachtsmärkte sind gigantische Verführungslandschaften! Überall diese herrlichen Gerüche, das Brutzeln der Thüringer Rostbratwürste, Schokoladenbrunnen - da dreht man doch automatisch durch. Außerdem lieben wir sensorische Abwechslung, sprich, unser Mundgefühl ist begeistert, wenn wir erst in eine Bratwurst beißen und danach etwas Süßes, im Mund schmelzendes essen. Weihnachtsmärkte bieten eine extreme kulinarische Abwechslung auf sehr engem Raum.

Warum schmeckt ausgerechnet Ungesundes so lecker?

Wir sind davon überzeugt, dass Ungesundes per se besser schmeckt als etwas Gesundes. Das hat viel mit Erziehung zu tun, denn von Kindesbeinen an wird uns gelehrt, dass das beste immer zum Schluss kommt. Wenn du deinen Brokkoli gegessen hast, bekommst du auch eine Eis! Zahlreiche Studien belegen, dass allein die Ankündigung einer gesunden Speise die Geschmackserwartung sinken lässt.

Wie entstehen eigentlich geschmackliche Vorlieben?

Wir kommen nicht als weißes Blatt auf die Welt - auch nicht in Geschmacksdingen. Schon über das Fruchtwasser nimmt der Fötus etliche von den Ernährungsgewohnheiten und Geschmacksvorlieben der Mutter beeinflusste Aromastoffe auf. Je süßer übrigens das Fruchtwasser ist, desto häufiger schluckt das Ungeborene. Eine Vorliebe für Süßes und eine Aversion gegen Bitterstoffe ist uns angeboren. Später spielt die Familie eine große Rolle. Jemand der in der Schweizer Bergen zwischen Bircher Müsli und Fondue aufwächst, mag andere Speisen, als jemand, der in einem thailändischen Dorf zur Welt kommt. Auch die Beschaffenheit der Zunge spielt eine Rolle. Manche Menschen haben besonders viele Geschmackspapillen und sind extrem empfindlich gegenüber Bitterstoffen: man nennt sie Supertaster. Alle Eltern, deren Kinder bei Brokkoli in den Hungerstreik treten, können entspannt sagen: unser Kind ist eben ein Supertaster!

Sie schreiben, dass der dicke Bauch eines Kellners wichtig für unsere Bestellung im Restaurant ist...

Ja, weil der Kellner die soziale Norm setzt, er ist der Maßstab. In Experimenten fanden Wissenschaftler heraus, dass die Gäste umso mehr bestellten, je höher der BMI des Kellners war, unabhängig von ihrem eigenen Gewicht. Eine Bedienung ist rundlich? Wunderbar, dann schlemmen wir doch auch!

Sie behaupten, dass wir meist nicht wissen, wann wir satt sind. Man könne das aber lernen. Wie denn?

Indem wir uns klar machen, wie stark wir, was unser Sättigungsgefühl betrifft, von Schlüsselreizen abhängig sein. Einer der stärksten Reize ist der leergegessene Teller. Wir glauben, sobald der Teller leer ist, setzt automatisch das Sättigungsgefühl ein. Aber vielleicht sind wir ja auch schon vorher satt. Wichtig ist Achtsamkeit. Wir müssen mehr auf unsere körpereigenen Signale hören. Oder einfach mal Messer und Gabel beiseite legen - und zwar, bevor wir aufgegessen haben.

Vor und zwischen den Jahren essen alle viel. Und andauernd. Hart für Misophoniker, sagen Sie. Was zur Hölle ist Misophonie?

Der Hass auf Geräusche. Manche ertragen es schlicht nicht, wenn sie hören, wie andere kauen, schmatzen, in einen Apfel beißen. Essgeräusche können zur Hölle werden. Jeder kennt das: wenn die Liebe zum Partner langsam erlischt, dann machen einen die Kaugeräusche des anderen fast wahnsinnig.

Warum sollten wir alle bei der Weihnachtsfeier mit dem Rücken zum Buffet sitzen?

Damit wir nicht ständig die vielen Leckereien vor Augen haben! Außerdem: wer das Buffet ins Visier nimmt, dem entgeht kein einziger Nachschubholer. Das löst in uns den Impuls aus, auch schnell nochmal zuzugreifen. Man könnte ja zu kurz kommen...

Letzte Frage: Was hat ein Hamburger mit der weiblichen Brust zu tun? Dieser Vergleich von Ihnen hat uns doch sehr verwundert.

Der perfekte Hamburger ist warm, weich, beinahe anschmiegsam. Die aufgestreuten Sesamkörner geben dem Gaumen einen leichten Kick. All das löst im Idealfall einen Saugreflex aus - und damit ein sehr wohliges Gefühl!

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