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Nerviger Hype Spargel-Jünger fürchten in der Krise um ihr Lieblingsgemüse – dabei ist das völlig überschätzt

Spargel und Kartoffeln liegen auf einem Teller angerichtet
Maßlos überschätzt, so wie die meisten Influencer: Spargel 
© Felix Hörhager / DPA
Spargel mit Sauce Hollandaise ist wie die Tennissocken-in-Sandalen-Kombination: Nicht gerade schön anzusehen, typisch deutsch und alles andere als attraktiv. Doch selbst in der Coronakrise gibt es vor dem Gemüse kein Entkommen. 

Mit dem Spargel ist es in diesem Frühling ein bisschen wie mit Single-Männern ab Mitte 30: Es gibt nicht nur weniger davon, die verbleibenden Exemplare sehen oft auch etwas ungewöhnlich aus. Einige Spargelstände haben gar Schilder aufgestellt, auf denen sie sich für das seltsame Aussehen des Spargels entschuldigen. Die Aushilfs-Stecher in der Coronakrise seien keine geübten Spargelstecher. Tja, die Migranten, über die sich einige deutsche Bürger sonst so gerne aufregen, fehlen auf einmal als Erntehelfer. 

Die Spargeljünger stören sich allerdings nicht an der vermeintlich fehlenden Attraktivität ihres Lieblingsgemüses: Für ein Kilo geben die Deutschen, die sonst bei so vielen Dingen auf jeden Cent achten, auch mal 20 Euro aus. Mit stolzer Miene tragen sie die Beute dann nach Hause und laden "zum Spargelessen" ein – normalerweise zumindest. In der Coronakrise muss auch das Spargelessen virtuell stattfinden. Kein Problem für echte Spargeljünger, die "das weiße Gold" nun beim Videocall vor dem Laptop drapieren, um ihre Freunde zu beeindrucken. Als wäre der Spargel ein Statussymbol. Angesichts der Spargel-Euphorie in Deutschland halte ich es für ein Wunder, dass noch niemand vorgeschlagen hat, den Adler im Deutschlandwappen durch einen Spargel zu ersetzen.

Kein Gemüse bauen Deutsche so großflächig an wie Spargel. 2019 wurden in Deutschland rund 122.000 Tonnen geerntet. Und selbst jetzt in der Krise gibt es vor dem Gemüse kein Entkommen.

Ganz egal, welche Social-Media-Plattform ich auch öffne, der Spargel ist überall: als Hauptspeise, im Risotto, im Salat, auf dem Flammkuchen, als Auflauf, gratiniert, zerstampft oder zu Suppe verarbeitet verfolgt er mich bis in meine privaten WhatsApp-Nachrichten. Für nichts ist den Deutschen der Spargel zu schade. Und so wird er auch noch in Sushi gerollt, auf Pizza verstreut und zu Bowle gemixt. Eigentlich fehlt nur noch der Spargel-Spice-Latte von Starbucks

Der Spargel ist und bleibt der Influencer unter dem Gemüse. Mehr als 277.000 Fotos sind allein auf Instagram mit dem Hashtag "Spargel" versehen. Instagrammer teilen Bilder der unfotogenen labbrigen Stangen neben einem Klumpen Butter mit einer Begeisterung, die sonst nur dem eigenen Haustier zuteil wird. Dabei ist Spargel doch genau wie viele Influencer vor allem eines: maßlos überschätzt.

Er ist gesund und entgiftet, das lasse ich gelten. Aber Spinat ist auch gesund und wird trotzdem von niemandem als magische und beste Mahlzeit der Welt gefeiert. Popeye jetzt mal ausgenommen. 

Auf mich wirkt das Gemüse ähnlich reizvoll wie eine trockene Scheibe Toastbrot. Als Beilage ist es in Ordnung, aber der Verzehr ist weder sättigend noch ansatzweise befriedigend. Der Eigengeschmack ist, wenn nicht fad, mit viel Fantasie vielleicht noch etwas bitter. Von Auswirkungen auf den Urin möchte ich hier gar nicht erst sprechen. 

Spargel ist wie die Tennissocken-in-Sandalen-Kombination als Mahlzeit

Trotzdem verstehe ich, dass so viele Deutsche das Gemüse vergöttern. Spargel mit Sauce Hollandaise ist schließlich wie die Tennissocken-in-Sandalen-Kombination als Mahlzeit. Nicht gerade schön anzusehen, typisch deutsch und alles andere als attraktiv (und irgendwann müffelt es im Zweifel). Auch wenn selbst Psychologen sich wegen des Spargels gar nicht mehr einzukriegen scheinen.

"Dieses Gemüse hat von der Form her etwas Phallisches“, sagte etwa Psychologe Jens Lönnecker einst der "Welt“. "Viele Konsumenten verbinden Spargel daher auch mit Erotik."

Wenn ich noch nicht den eindeutigen Beweis dafür hatte, dass Spargel-Jünger seltsam sind – dann habe ich ihn jetzt.

Nerviger Hype : Spargel-Jünger fürchten in der Krise um ihr Lieblingsgemüse – dabei ist das völlig überschätzt

Quellen: "Welt", "Statista"


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