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Kolumne

Tresengeschichten: Warum Strohhalme in Drinks nichts zu suchen haben (bis auf eine Ausnahme)

Die EU will Strohhalme verbieten. Zu viele Tonnen Plastikteile landen in den Ozeanen. Aber was kommt nach dem Strohhalm? stern-Kolumnist Jörg Meyer findet Trinkhalme im Drink sowieso blöd und ruft dazu auf, echte Alternativen zu finden.

Von Jörg Meyer

Strohhalme

Strohhalm im Drink? Irgendwie uncool ...

Strohhalme in Getränken haben mich nie sonderlich interessiert. Sicherlich, als ich mit 19 Jahren nach Hamburg kam, und mein erstes Trinkgeld seiner Bestimmung nach in Bars vertrank, probierte ich viele Drinks, etliche kamen mit Strohhalm. 

Es war die Zeit als "Cocktails" tropisch und exotisch waren. Zumindest der Teil des "Spektrums", den ich zu dieser Zeit kennenlernen wollte. In verschiedenen Stufen meiner "Ausbildung" und in verschiedenen Stationen lernte ich von Chefs und Kollegen diverse Strohhalm-Philosophien. "Man gibt immer zwei ins Glas", sagten viele Kollegen. Die einen schworen darauf, dass dann schneller getrunken werde, die anderen sahen es als Dienstleistung, falls die Begleitung probieren wollte. Es gab Untersuchungen zum Strohhalm-Querschnitt in Bezug zum verwendeten Eis und dem damit verbundenem Trinkgefühl, der Trinkgeschwindigkeit und dem Konsumverhalten. 

Kokolores!

Ich finde Strohhalme in Getränken in nahezu allen Fällen überflüssig und viel wichtiger: uncool. Dennoch: Manchmal muss es ein Strohhalm sein. Lippenstift ist beispielsweise so ein Grund. Die eine oder andere Trägerin bevorzugt einen Strohhalm zum "Schutz" dieses kleinen, aber wichtigen Ausgeh-Accessoires. Und das sollte man unterstützen. Wir sollten uns freuen, wenn sich jemand Mühe macht, wenn er oder sie ausgeht. Und als Dienstleister sollten wir solche kleinen Wünsche gerne erfüllen. Was wir nicht sollten, ist belehren: Wir sind weder Dozenten, Prediger noch Aktivisten hinter einer Bar. 

Aber 2018, im Jahr der "Anti-Straw"-Bewegung, hat der eine oder andere Bartender das gute Benehmen seinem Hipster-Aktivismus geopfert und so mancher Gast muss unerwartet Umwelt-Predigten über sich ergehen lassen, statt endlich einen guten Drink serviert zu bekommen. Um nicht missverstanden zu werden: Die Vermeidung von Abfall, auch von Strohhalm-Müll ist wichtig und richtig. Umweltschutz ist auch in der Bar richtig. 

Lasst uns Alternativen suchen!

Derzeit schlagen die Wellen beim Thema Strohhalme und vielmehr Plastikmüll hoch. Vor einigen Jahren ging ein trauriges Video viral: Eine Meeresschildkröte kämpfte vergeblich gegen einen Kunststoff-Strohhalm der sich in ihre Nase geschoben hatte. Die "Anti-Straw"-Bewegung war geboren. Seitdem gab es viele virale Videos zum Thema Plastikmüll. Das ist gut. Es sensibilisiert für ein ernstes Thema. Und die "Anti-Straw"-Bewegung hat Recht. Lasst uns Kunststoff-Strohhalme vermeiden und Alternativen suchen.

Die Alternativen zu Kunststoff-Strohhalmen sind allerdings nicht immer perfekt. Echte Strohhalme (aus Stroh) sind sehr dünn und brechen leicht.

Die "alternativen" Materialien zum typischen Kunststoff, sogenannte "abbaubare" Vertreter, sind bei genauerem Hinsehen oft nur auf dem Papier und in der Theorie sinnvoll - praktisch oft genauso ein Müllproblem wie die Kunststoffvertreter. Echte PapierStrohhalme weichen schnell auf, und sind somit nicht universal einsetzbar. Und am Ende des Tages auch Müll.

Metallstrohhalme geben in der Regel einen Geschmack bzw. ein ungewöhnliches Mundgefühl beim Trinker ab und sind somit nicht jedermanns Sache. Hinzu kommt: Diese "wiederverwertbaren" Strohhalme, ähnlich wie die Vertreter aus "brechbarem" Glas, sind nur schwer hygienisch einwandfrei zu reinigen. Unhygienisch ist natürlich inakzeptabel!

Einige Kollegen schwören z.B. auch auf Macaronis als Strohhalm. Aber, neben dem recht schnellen Durchweichen, erscheint mir ein Lebensmittel zweckzuentfremden und nach der Benutzung wegzuschmeissen ebenfalls nicht als ein nachhaltiger Gedanke. Das Beste ist und bleibt also: Wenn Sie vor der Bar sitzen: Trinken und bestellen Sie Ihre Getränke ohne Strohhalm! Wirkt auch cooler ...

Gut gemeinte Tipps für Barkeeper 

Wenn Sie hinter der Bar stehen: Belehren Sie niemanden und stecken Sie sich Ihren erhobenen Zeigefinger doch bitte in die eigene Nase. Umweltschutz und Abfallvermeidung sind komplex. Jeder kleine Schritt zählt und meinetwegen auch jeder vermeidbare Strohhalm. Aber: Arbeiten Sie an sich selbst statt an anderen. Machen Sie Ihre Bar und sich selber stetig "umweltfreundlicher", aber nicht unfreundlicher. 

Wer weiß: Vielleicht möchte die junge Dame, die sonst fleißig den Müll trennt, Rad fährt, nicht reist und deren "Ökobilanz" fünf Mal besser als Ihre ist, an diesem einem Abend einfach nur sicher gehen, dass ihre Lippen leuchtend bleiben – für das erste Date mit ihrer neuen Bekanntschaft.