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Kolumne

Tresengeschichten: Das Rumgegurke nervt - warum die Gurke in einem Drink nichts verloren hat

Gurke im Gin Tonic, Gurke im Moscow Mule, Gurke in der Weißweinschorle. Das ist stern-Kolumnist Jörg Meyer einfach zu viel. Eine Abrechnung mit einem Gemüse, das in einen Salat gehört, aber nicht in einen Drink.

Von Jörg Meyer

Jörg Meyer Gurke

Wenn's nach Jörg Meyer ginge, würde es Gurken nur im Salat geben

Getty Images

Eine laue Sommernacht in Berlin. Für meine Freunde und mich hole ich Getränke am Tresen des Italieners. "Zwei Perroni, zwei Weißweinschorlen bitte", gebe ich in Auftrag. "Die Weinschorle auch mit Gurkenscheibe?", fragt der Patron. "Wie bitte?", entgegne ich irritiert. "Möchten Sie die Weinschorle mit einer Gurkenscheibe?", wiederholt der charmante Besitzer. Ich selbst trinke zwar keine Weinschorle, warum sollte man Wasser in Wein geben, aber ich entscheide einfach für meine beiden Gäste: "Nein, bitte nicht!". Der Wirt wirkt erleichtert und nickt mit einem Lächeln. Irritiert ob der Frage schaue ich mich um. An zwei Tischen nahe dem Tresen entdecke ich Weinschorlen mit Gurkenscheiben. Scheint hier wohl so ein Ding zu sein, denke ich mir. Der Italiener wird in allen Punkten der Anklage freigesprochen. Dieses neuzeitliche Rumgegurke in Getränken jeder Art nervt.

Der Siegeszug der Gurkenscheibe im Drink ist seit langem nicht zu bremsen. Manchmal denke ich - leider. Denn nur weil man theoretisch in jede trinkbare Flüssigkeit ein paar Gurkenscheiben geben könnte, sollte dies noch lange nicht als Generalabsolution dienen, dies zu tun.

Als ich früher die klassischen Drinks der Bar erlernte, gab es einen großen Klassiker, der nach Gurkenscheiben im Drink verlangte: der Pimm's Cup. Wer einmal das Pferderennen von Ascot oder auch nur eine Picknickwiese im Sommer in London besucht hat, sieht Tausende Briten mit Pimm's im Glas. Dazu Apfelspalten, Beeren, Zitrusfrüchte – und Gurkenscheiben. Möglichst nicht zu wenige. So läuteten Briten die Sommersaison ein.

Früher waren Gurken nicht allgegenwärtig. Ich meine nicht nur was Getränke angeht, sondern die allgemeine Verfügbarkeit. Die alten Barmänner der großen Luxushäuser kauften in der Saison Gurken, schnitten sie auf und froren sie ein. So konnte das ganze Jahr über Pimm's Cup serviert werden.

Ansonsten gab es Gurken im Salat. Bis ein Gin aus Schottland jede moderne Bar in die Knie zwang. Hendrick's änderte nachhaltig und über die Jahre die Obst- und Gemüse-Bestellungen der Ritter der Nacht. So mancher der dazugehörigen Lieferscheine liest sich heutzutage wie die Artikelliste einer Salatbar.

Wie die Gurke das Markenzeichen von Hendrick's Gin wurde

Hendrick's Gin und der verbundene Siegeszug der Gurke ist erst knapp 20 Jahre alt. 1999 verkaufte William Grant & Sons Hendrick's Gin erstmals in Amerika. Die Gurke war das Markenzeichen des wacholdrigen Schotten. Heißt: Eine Art Ritual, nur diesem Gin gewidmet. Das Problem an einem Gin Tonic im Glas war, dass man in der Regel nicht erkennen konnte, welcher Gin getrunken wurde. Das hatte William Grant and Sons erkannt.

Und die Gurke änderte die anonymen Gläser. Von da an war klar: Mit Gurke im Glas trank man einen Hendrick's Gin. Der Trinker dazu hob sich ebenfalls von den profanen Gin-Trinkern ab. "Seht her, ich bin ein echter Connaisseur mit Spleen" - "unusual" sozusagen - wie der Gin.

Doch der berechtigte Erfolg von Hendrick's heute hat "die Mutter aller Cucumber Slices im Gin" in Bezug auf Gurken-Exklusivität überholt. Gurke ist zur Standardgarnitur in der Bar geworden. Sie gibt einen frischen Ton. Allerdings zwingt sie den ernsthaften Gin-Freund zum zügigen Genuss. Denn sie gibt unentwegt Geschmack ans Getränk ab und neigt dazu, alle anderen Aromen zu dominieren. Sprich: Ein Gin Tonic mit Gurke schmeckt irgendwann gleich - egal welcher Gin im Glas ist.

Und so bestellen Gäste heute alle Sorten von Gin mit Tonic und Gurke. Die Gurke im Gin hat sich von Hendrick's gelöst. Und auch in anderen Getränken hält sie seit Jahren Einzug. Ein Moscow Mule war in frühen Jahren stets ohne Gurke serviert worden, heute ist er ohne dieses grüne Gemüse für viele nahezu undenkbar.

Probieren Sie es aus: Im Sommer erfrischt eine Scheibe des abtrünnigen Kürbisgewächses wohlwollend oder rettet gar den einen oder anderen mäßigen Gin Tonic zu einem brauchbaren Getränk.

Positiver Effekt: Der Erfolg der Gurke und die Liebe zu alten englischen Traditionen lässt viele Gin-Hersteller kreativ werden. Probieren Sie einen Martin Miller's Westbourne Strength Gin und Sie werden auch ohne frisches Gemüse die elegante Gurkennote des Destillats riechen. Oder trauen Sie sich diesen Sommer an die neuen Vertreter des Pimm's Cups heran: die Summer Cups. Sipsmith serviert zum Beispiel eine feine Mischung aus Gin, Vermouth und Tee als London Cup. Ein Knaller im Sommer. Insbesondere auf Picknick-Decke oder am Grill. Und gerne auch mit viel Gurke.

Es ist erlaubt, was gefällt! Aber denken Sie dran: Nur weil etwas erlaubt ist, muss es nicht immer gefallen.