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"Occupy Frankfurt"-Sprecher Wolfram Siener Bubi auf den Barrikaden

Er ist eloquent, jung - und das Aushängeschild der deutschen Protestbewegung: der 20-jährige Wolfram Siemer gibt "Occupy Frankfurt" ein Gesicht.
Von Fabian Herrmann

Wolfram Siener sieht nicht aus wie einer von denen, die sonst gegen den Kapitalismus in den Krieg ziehen. Siener trägt meist Rollkragenpullover, Lederjacke - und natürlich ein Smartphone. Er ist kein Freund des Kapitalismus, verteufelt ihn aber nicht generell. Aber das, was daraus geworden ist. Und er ist jung, sehr jung - erst mal 20 Jahre alt. Gerade das macht ihn aber auch so typisch für die Bewegung, die aus den USA herüberschwappte. Es sind keine linksautonomen Chaoten, die da auf die Straße gehen. Die Empörten sind junge Menschen aus der sozialen Mitte, die gern Teil des Systems wären, wenn es sie denn teilhaben ließe. Eine Generation fühlt sich ausgestoßen, möchte mehr politische Mitsprache, eine faire Chance und weniger Profitgier. In Deutschland ist Siener ihre ideale Galionsfigur. Auch, weil er das nicht nur alles will, sondern weil er es auch so schön formulieren kann.

In der TV-Sendung von Maybrit Illner spielte der Politneuling unlängst Größen aus Politik und Wirtschaft an die Wand. Weil er sich ehrlich empörte, weil man ihm abkaufte, dass es ihm nicht um Einzelinteressen geht, sondern um das große Ganze. Er sagt Dinge wie: "Sind die Leute, die uns momentan führen, diejenigen, die unsere Häuser bauen oder sich jeden Tag auf dem Bauernhof abschuften? Das sind sie nicht. Das sind wir." Das sind Sprüche, die nach idealisiertem Klassenkampf klingen, und bei denen man sich unwillkürlich fragt, wie viele Häuser Siener denn wohl schon gebaut hat und wie lange er wohl schon auf einem Bauernhof geschuftet hat?

Schulabbrecher, Rebell, Idealist

Mit einfachen, präzise gewählten Bildern kann er aber im nächsten Atemzug die Schwächen des Finanzkapitalismus darlegen und zeigen, dass er versteht, wovon er redet. Er sucht die Schuld nicht allein in der Upperclass. Auch die Reichen seien schließlich nur Teil des Systems: "Wir sind alle gemeinsam dadrin. Eine einzelne Person oder einzelne Bevölkerungsgruppe zu verteufeln wäre falsch." Genauso lehnt er Gewalt und Hetze ab. Es gehe nicht darum, dass System zu stürzen, sondern darum, gemeinsam einen vernünftigen Ausweg zu finden.

Die Mischung aus verträumtem Idealismus und sachlichem Realismus ist es, die den Sprecher von "Occupy Frankfurt", dem deutschen Pendant zu "Occupy Wall Street", zum Vorbild einer Bewegung macht. Eine Rolle, die ihm selbst aber gar nicht so gut gefällt: "Es muss sich ändern, dass ich als Einzelner für diese Bewegung spreche", sagt er.

In seine Rolle bei Occupy Frankfurt ist er zwar mehr hineingestolpert, wähnt sich aber trotzdem am rechten Platz: "In mir steckt ein gewisser Rebell. Ich konnte mich noch nie unterordnen." Und so scheint der Mittelstandsspross, der das Gymnasium nach der Mittleren Reife abbrach, zumindest für den Moment seinen Platz gefunden zu haben. Das war wohl nicht immer so.

"Ein durchwachsenes Leben" habe er bisher geführt und sich selbst oft Mut machen müssen, sagt er im Gespräch mit der FTD. Mit 17 zog er sich zu Verwandten nach Finnland zurück, um herauszufinden, was er wolle. Die vagen Pläne, sich als Webmaster selbstständig zu machen, liegen vorerst auf Eis. Viel mehr verrät er nicht. Über sich selbst spricht er längst nicht so gern wie über den Finanzkapitalismus. Auch, weil nicht jedem zu gefallen scheint, was er macht. Nach den Demonstrationen erhielt er Drohanrufe, wurde aufgefordert, sich aus der Bewegung zurückzuziehen. Gleichwohl wappnet er sich mit seinen Mitstreitern für einen längeren Kampf. Regelmäßige Demonstrationen sind das Ziel. Deshalb will er am Wochenende wieder in Frankfurt sein - zu den nächsten Demonstrationen vor den Zentralen von Commerzbank und der Deutschen Bank.

FTD

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