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"Besetzt die Wall Street"-Proteste: Eine Frage der Gerechtigkeit

Die Demonstrationen an der Wall Street in New York sind der Hilfeschrei einer vergessenen Jugend. Sie stellen die Gretchenfrage: Was hält die Gesellschaften zusammen?

Von Florian Güßgen

"Empört Euch!", fordert Stéphane Hessel. Und es ist, als hätten sie ihn gehört. Schnell, sehr schnell, hat sich der Aufschrei einer wütenden Generation seinen Weg gebahnt. Von der Peripherie ins Zentrum. Von der autokratischen Scheindemokratie in Ägypten, über Europa, über Israel, bis in die USA. Erst protestierten sie in Kairo, dann in Madrid und in Tel Aviv. Gegen Chancenlosigkeit, für politische Mitsprache. Und jetzt stehen sie seit über zwei Wochen auf den Straßen New Yorks und rufen: "Besetzt die Wall Street!"

Die Gesellschaft fliegt der Elite um die Ohren

Hallo? Auf den Straßen New Yorks prangern Amerikaner die Ungerechtigkeiten eines entfesselten Kapitalismus an? Spätestens jetzt ist klar, dass irgendetwas gehörig falsch gelaufen sein muss in den westlichen Gesellschaften, vor allem aber in den USA. Das uramerikanische Versprechen von der Chancengleichheit, vom sozialen Aufstieg, von der halbwegs gerechten Leistungsgesellschaft ist zur Farce verkommen. Eine klitzekleine Elite verdient sich eine goldene Nase. Der Rest wird abgehängt. Von den Finanzhaien, den modernen Gordon Gekkos, von den Big Bosses.

Das Lehman-Desaster und seine Folgen, das Platzen der Immobilienblase, Schulden- und Arbeitsmarktkrise haben die US-Gesellschaft aus den Fugen geraten lassen. Und die von Standard & Poor's abgewertete Politik, selbst der vermeintliche Heilsbringer Barack Obama, hat nichts dagegen getan. Jetzt droht diese Gesellschaft, der Elite um die Ohren zu fliegen. Dafür steht der Protest auf den Straßen New Yorks. Heute, am späten Nachmittag New Yorker Ortszeit soll wieder demonstriert werden, mit einem Marsch vom New Yorker Rathaus zum Zuccotti Park - dem Hauptquartier der Demonstranten in Manhattan. Tausende sollen kommen, heißt es.

Pizzen als Spende für die Demonstranten

Sicher. Noch ist keineswegs ausgemacht, ob in New York tatsächliche eine neue soziale Bewegung entsteht, eine Massenbewegung von unten, eine "Tea Party mit Hirn", wie ein US-Autor träumt. Es sind bislang nur ein paar Hundert Demonstranten, die seit Tagen im Zuccotti Park, dem früheren Liberty Plaza Park, kampieren, weil die Polizei das in der Wall Street nicht zulässt. Sie zelten, skandieren, mobilisieren. Über Facebook, Twitter & Co. und ihre Internetseite. Laden ein, übers Internet Pizzen zu spenden. Sie haben ein Pamphlet verfasst, eine Art Vorstellungsvideo ins Netz gestellt und in ihrem Camp eine Bücherei eingerichtet. Richtige Anführer haben sie nicht. Sie seien "führerlos", basisdemokratisch, sagen sie, obwohl es, wie "Atlantic Wire" beschrieben hat, durchaus ein paar herausragende Köpfe gibt - und mittlerweile auch ein Heldenvideo, in dem einer der inoffiziellen Führer wortgewaltig mit dem rechten TV-Sender "Fox News" abrechnet. Dass Chaos und Fehler hier zum System gehören, ist klar. Am vergangenen Freitag luden die Organisatoren zu einem Konzert der Band "Portishead", weil sie vermeinten, mit deren Managern einen Termin vereinbart zu haben. Als sich das alles als Fake herausstellte, mussten sie kleinlaut zurückrudern. Alles erinnert ein wenig an die 60er Jahre in Deutschland, ein wenig an die Aufstände in der arabischen Welt.

Beifall vom Nobelpreisträger

Das linksliberale Ost- und Westküsten-Establishment in den USA jubelt und scheut keine Vergleiche. "New York Times"-Kolumnist Nicholas Kristof vergleicht die Stimmung mit jener am Tahrir-Platz in Kairo, andere schreiben vom "amerikanischen Herbst", der sich anfühle wie der arabische Frühling. Andere argumentieren, die Occupy-Wall-Street-Bewegung entstehe auf demselben Nährboden wie die mittlerweile politisch einflussreiche "Tea Party". Die Plattform der linken Demokraten, moveon.org, unterstützt die Demonstranten ebenso wie Gewerkschaften, die sich erhoffen, von der Dynamik zu profitieren. Prominente wie der TV-Moderator Keith Olberman, der Satiriker Jon Stewart oder die Schauspielerin Susan Sarandon klatschen Beifall. Auch Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz besucht die Demonstranten - George Soros, der Superspekulant mit Gewissen, zeigt Sympathien. Und vorsichtig schwappt der Protest auch in andere Städte. Nach Chicago etwa, oder nach Washington. Am vergangenen Samstag nahm die Polizei bei einer Demonstration an der Brooklyn Bridge 700 Demonstranten fest. Die Bewegung hat ihr erstes Stahlbad hinter sich. Nachher mokierte sich Stewart in seiner "Daily Show" über die New Yorker Polizei.

Kritiker sehen Althippies am Werk

Kritiker halten dagegen, der Vergleich mit der "Tea Party" sei ein Witz. Ein paar Studenten hätten sich mit ein paar ewiggestrigen Althippies zusammengerottet. Die Thesen seien wirr, die Feindbilder - die Banken und Corporate America - zu diffus, um eine soziale Bewegung zu befeuern. "Occupy Wall Street" sei nichts anderes als ein Kürzel für die feuchten Träume des linksliberalen Amerikas nach der großen Enttäuschung namens Barack Obama. Schlecht organisiert - ohne Chance, tatsächlich einen großen Teil der US-Bevölkerung zu begeistern und mitzureißen.

Aber so oder so. Was diesen Aufschrei in Amerika so spannend macht, ist die kuriose Tatsache, dass er trotz aller Unterschiede ähnliche Wurzeln hat wie die Proteste in Spanien, in Israel, mit Abstrichen auch jene in Ägypten. Viele Amerikaner fühlen sich wirtschaftlich chancenlos und politisch machtlos. Das Land ist zwischen rechts und links tief gespalten, gelähmt, Demokraten und Republikaner liefern sich absurde machpolitische Stellungskriege. Obama bekommt die hohe Arbeitslosigkeit, vor allem bei Jugendlichen, nicht in den Griff. Alle ökonomischen Indikatoren zeigen vor allem eines: Nur eine kleine Elite hat in den vergangenen Jahrzehnten von Wachstums- und Einkommensschüben profitiert. Die Mehrheit hatte schrittweise immer mehr Geld in der Tasche, ist sozial nie besser abgesichert worden und hat Aufstiegschancen verloren statt sie zu bekommen. Brillant hat das der Ökonom Stiglitz schon im Mai in einem bemerkenswerten Artikel in "Vanity Fair" analysiert. Das Stück liest sich wie ein Manifest des Protests. Die Überschrift lautet, in Anspielung auf eine berühmte Rede Abraham Lincolns: "Of the 1%, by the 1%, for the 1%". Die Regierung sei nicht, wie es in Lincolns Gettysburg-Rede von 1863 heißt, eine Regierung "des Volkes", regiert werde nicht "vom Volk für das Volk". Sondern, so Stiglitz These, Politik und Wirtschaft dienten in einem inzestuösen System jener Schicht, die quantitativ nicht mehr als ein Prozent der Gesellschaft ausmache. Die anderen 99 Prozent gingen leer aus.

"Wir sind die 99 Prozent"

Es ist bezeichnend, dass die Demonstranten in New York und anderen Städten nun nicht nur "Besetzt die Wall Street" skandieren, sondern auch einen zweiten Slogan vor sich hertragen: "We are the 99 percent." Wir sind die 99 Prozent. Wir sind die anderen. Die Mehrheit. Vielleicht nicht repräsentativ, aber eindrucksvoll ist im Netz eine rasant wachsende Tumblr-Seite entstanden. Sie zeigt Fotos von Menschen, die die Geschichten ihrer Hoffnungslosigkeit aufgeschrieben haben, in die Kamera halten, unten versehen mit dem Claim: "We are the 99 percent". Es lässt sich nicht überprüfen, ob die Biografien und Leidenswege echt sind. Vielleicht stellt sich in den nächsten Tagen heraus, dass eine PR-Agentur diese Seite medienwirksam zusammengezimmert hat. Aber so oder so: Die Seite illustriert die dürren und abstrakten Zahlen der wirtschaftlichen und sozialen Misere Amerikas mit Gesichters - und macht vor allem eines klar: Amerika jubelt längst nicht mehr: "Yes, we can" war gestern. Heute heißt es: "Nein, wir können nicht mehr. Wir schaffen's nicht." Und: "Es muss sich grundsätzlich etwas ändern."

Mit den Protesten in New York sind jene alten, neuen Fragen nun auch in den USA angekommen, deren Beantwortung nach dem Jahrzehnt des Terrors die nächsten Jahre prägen könnte: Wie halten es die westlichen Gesellschaften mit der Gerechtigkeit? Wie soll jener Kitt beschaffen sein, der eine Voraussetzung für funktionierende Demokratien und einen funktionierenden Kapitalismus ist? Dass die Demonstranten auf diese fundamentalen, vielleicht sogar globalen Fragen, derzeit keine Antwort haben, keine glasklare Forderung, kann ihnen derzeit eigentlich niemand vorwerfen. Sie sind diejenigen, die den Unmut über die fehlende Gerechtigkeit im Land erst einmal zum Audruck bringen, aufschreien, sich empören. Mit wenigen Worten fasste am Dienstag ein Tweet die Bedeutung der Proteste zusammen: "Occupy Wall Street ist keine Antwort, es ist eine Frage", hieß es da.