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Anti-Wall-Street-Proteste in New York: Ausweitungen, Festnahmen und Verständnis

Die Proteste gegen die Art und Weise, wie die Finanzwirtschaft an der New Yorker Wall Street agiert, weiten sich aus. Auch in Chicago und Los Angeles gab es erste Demonstrationen. In New York kam es währenddessen zu einer Massenfestnahme.

Bei einer Demonstration gegen die Verantwortlichen der Finanzkrise und die Macht der Banken sind in New York mehr als 700 Menschen festgenommen worden. Die Polizei begründete ihr Vorgehen am Samstag damit, dass die Teilnehmer des Protestmarsches die Brooklyn Bridge, eines der Wahrzeichen der US-Metropole, blockierten. Die Proteste, die in New York in die dritte Woche gingen, breiteten sich im ganzen Land aus.

Die Bewegung hatte am 17. September im kleinen Zuccotti-Park in Manhattan ein Protestcamp aufgeschlagen, inspiriert von den Demonstrationen in Spanien und in der arabischen Welt. Eine geplante symbolische Besetzung der Wall Street wurde von der Polizei vor zwei Wochen mit einem massiven Aufgebot verhindert. Diesmal hatten die Demonstranten beschlossen, zur Brooklyn Bridge zu ziehen. Die Brücke musste am Samstagnachmittag für mehrere Stunden gesperrt werden.

Der Großteil der mehr als 700 Festnahmen sei wegen "Ruhestörung" erfolgt, erklärte die Polizei. Die meisten Festgenommenen seien wieder auf freiem Fuß, würden aber wegen Störung der öffentlichen Ordnung vor Gericht vorgeladen.

Proteste weiten sich auf andere Städte aus

Die Demonstranten sind über die Internetseite occupywallst.org ("Besetzt die Wall Street") vernetzt. Sie wollen mit ihren Aktionen nach eigenen Angaben gegen die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise sowie die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich in den USA protestieren. Ihr Ärger richtet sich auch gegen das mitunter brutale Vorgehen der Polizei in New York, nachdem vor rund einer Woche ein Polizist Pfefferspray gegen vier Protestierende eingesetzt hatte, die sich bereits in Polizeigewahrsam befanden.

In Boston gab es ähnliche Proteste, als eine große Menge am Freitagnachmittag vor einem Gebäude der Bank of America demonstrierte. Ihr Protest richtete sich unter anderem gegen Zwangsversteigerungen von Immobilien. Nach Angaben der Organisatoren beteiligten sich rund 3000 Menschen an den Demonstrationen, die Polizei gab keine Schätzung ab. Wegen unerlaubten Betretens eines Grundstücks wurden 24 Demonstranten festgenommen. Auch in Los Angeles, Chicago, Albuquerque und New Mexico gab es am Wochenende Anti-Wall-Street-Proteste.

Kritische Stimmen nicht nur von der internationalen Presse

Der US-Großinvestor George Soros erklärte am Montag seine Sympathie für die Protestbewegung. "Offen gesagt kann ich ihre Gefühle verstehen", sagte Soros am Montag in New York. Auf der einen Seite müssten etwa Kleinunternehmer mit immer höheren Zinsen für ihre Kreditkarten kämpfen, auf der anderen Seite fahre die Finanzbranche riesige Gewinne ein und händige üppige Bonuszahlungen aus.

Die Proteste in den USA führen international zu teils heftigen Kommentaren. Die Zeitung "Luxemburger Wort" schrieb etwa, dass die Wall Street "ein Wall gegen gerechte Löhne, gerechte Profite, Gerechtigkeit überhaupt" sei. Die New Yorker Börse würde das amerikanische Verständnis von "Freiheit" pervertieren, da es ihr nur um die "Marktfreiheit der Reichen" gehe. Die "Süddeutsche Zeitung" zieht einen Vergleich zu der republikanischen Tea-Party-Bewegung. Deren Forderung nach einer radikalen Deregulierung des Finanzsektors sei "das Rezept, das den Verfall der Mittelschicht noch beschleunigen würde".

ono/AFP / AFP