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Die Gauck-Wahl: Fast alle für einen

Ungeachtet der politischen Heuchelei mancher seiner Unterstützer hat Joachim Gauck den Tag seiner Wahl zu einem Fest gemacht - und die bleierne Wulff-Zeit so endgültig beendet.

Von Anieke Walter

Um halb drei am Nachmittag, als es vollbracht ist, steht Joachim Gauck am Rednerpult des Reichstags und sagt: "Was für ein schöner Sonntag." Es ist wie ein Frühlingsfest. Es ist sein Frühlingsfest. Draußen scheint die Sonne - und Gauck ist Bundespräsident. Endlich, beim zweiten Anlauf, hat er es geschafft, ausgestattet mit einer Mehrheit von 991 von 1228 gültigen Stimmen und einem bunten Blumenstrauß, natürlich beim ersten Wahlgang. Wie auch nicht? Mit Ausnahme der Linken ist Gauck der Allparteienkandidat.

Was für ein schöner Sonntag. Demonstrativ auch für die Spitzenleute der Gauck-Koalition. Die Stimmung ist gelöst, fast entspannt. Die Kanzlerin parliert mit Verlegerin Friede Springer und Feministin Alice Schwarzer, der bodenständige Fußballtrainer Otto Rehhagel sitzt stolz wie Bolle neben Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, das Merkel-Opfer Friedrich Merz steckt mit Ex-NRW-Landeschef und dem neuen, alten FDP-Hoffnungsträger Christian Lindner die Köpfe zusammen. Von Anspannung keine Spur. Die Wulff-Phase, zuletzt eine bleierne, graue Zeit ist vorbei. Wochenlang hatte es so ausgesehen, als könne sich der Gauck-Vorgänger im Schloss Bellevue halten. Eingebunkert. Immer in Habachtstellung. Immer vorsichtig. Das war selbst für Unionisten und FDP-Leute eine quälende Vorstellung.

Ströbele widersetzt sich dem Trend

Jetzt also Gauck. Zu Beginn der Wahl, um zwölf, sitzt er noch auf der Tribüne des Parlaments, neben ihm seine Lebensgefährtin Daniela Schadt und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle. Gauck wirkt beschwingt. Eine Etage tiefer überbieten sich die Granden von CDU, CSU, SPD, FDP und Grünen gegenseitig darin, ihn zu loben. Fast schon inflationär preisen sie die Gauksche Freiheitslehre, loben, wie eigenständig und unbequem der 73-Jährige ist. Gauck, der Pastor, ist einer für alle, Projektionsfläche aller möglichen Wünsche - außer natürlich für die Linke, die die Nazi-Jägerin Beate Klarsfeld aufgestellt hat. Sie kommt am Schluss auf 126 Stimmen, drei mehr, als es Delegierte der Linken.

Dass viel geheuchelt wird an diesem schönen Sonntag, können allerdings auch die wärmsten Worte nicht verdecken. Gauck ist trotz aller öffentlichen Hymnen gegen den Willen der Kanzlerin ins Amt gekommen. Es bedurfte einer Harakiri-Aktion der FDP an einem mindestens ebenso denkwürdigen Sonntag, um seine Nominierung, ganz ungewaschen, zu erzwingen. Dass nun zwei Ostdeutsche an der Spitze des gesamtdeutschen Staates stehen, ist paradoxerweise einer der bittersten Niederlagen Merkels geschuldet. Und jenseits der Heuchelei gibt es auch Kritik an Gauck. Seine Äußerungen zu Thilo Sarrazin und zur Occupy-Bewegung nehmen ihm manche übel. Der Grünen-Delegierte Christian Ströbele sagt offen, dass er Gauck diesmal nicht wählt. Ströbele widersetzt sich gerne dem Trend.

Lammert zeigt: Das Amt wäre auch etwas für ihn gewesen

Es ist Norbert Lammert, der locker-eloquente Bundestagspräsident, dem es gelingt, die bleierne, letzte Phase der kurzen Wulff-Ära zu thematisieren, ohne einen Schatten über die Zeremonie der Neuwahl zu legen. Er eröffnet die Bundesversammlung mit einer Rede, in der er sagt, dass es in der Causa Wulff viel Anlass zur Selbstkritik gebe. Auf Seiten der Politik, aber auch auf Seiten der Medien. Manches sei unvermeidlich, manches aber weder notwendig noch angemessen gewesen, sagt Lammert, sondern würdelos. Elegant schlägt er einen Bogen zu Gauck - ohne diesen beim Namen zu nennen. Er thematisiert die historische Bedeutung des Datums, des 18. März,, für das bürgerliche Ringen um Freiheit in Deutschland, erinnert an die Märzrevolution des Jahres 1848, dann an die erste freie Volkskammerwahl in der DDR am 18. März 1990. Das Datum eigne sich gut, befindet der CDU-Mann, um hoffentlich erst in fünf Jahren an diesem Tag die nächste Präsidentenwahl abzuhalten. Lammerts Rede beweist einmal mehr, dass auch er kein schlechter Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten gewesen wäre.

Um halb drei dann, tritt Gauck ans Pult. Er spricht nicht lange, skizziert auch kein Programm, sondern eher sein Selbstverständnis. Auch als Präsident könne er sich die Welt und das Land nicht denken ohne Freiheit und Verantwortung, sagt er. "Ich werde mit all meinen Kräften und meinem Herzen "Ja" sagen zu der Verantwortung, die Sie mir heute gegeben haben." Gleichzeitig räumte er ein, "ganz sicher nicht alle Erwartungen erfüllen zu können", die in den kommenden fünf Jahren an ihn gerichtet würden. Er wolle sich nun auf neue Themen, Probleme und Personen einstellen. Gauck ist nun zwar schon offiziell Staatsoberhaupt, am Montag nimmt er seine Amtsgeschäfte auf, vereidigt wird er allerdings erst am Freitag vor Bundestag und Bundesrat.

"Ich möchte nicht, dass der Sozialstaat beschädigt wird"

Schon kurz nach seiner Wahl gibt Gauck am Nachmittag Interviews, in denen er etwas konkreter wird. Er versichert, dass er sich in seiner Amtszeit nicht auf den Freiheitsbegriff beschränken wolle. "Soziale Gerechtigkeit gehört dazu", sagt Gauck in der ARD-Sendung "Farbe bekennen". Es dürfe nicht sein wie in den USA, wo es keinen Sozialstaat gebe. Der "rheinische Kapitalismus", also das westdeutsche Sozialstaatsmodell der Nachkriegszeit, werde von ihm keineswegs abgelehnt. "Ich möchte nicht, dass der Sozialstaat beschädigt wird." Er relativiert auch seine umstrittenen Äußerungen über die bankenkritische Occupy-Bewegung. Er habe nicht die Proteste insgesamt als "albern" bezeichnet, wohl aber das Projekt, die Europäische Zentralbank (EZB) zu besetzen. "Ich kann die Haltung verstehen, aber ich hätte gerne ein paar Inhalte", sagt Gauck.

Und auch auf Kanzlerin Merkel geht er zu. Er habe keinen Anlass für Misstrauen. Warum Merkel seine Präsidentschaft zweimal zu verhindern versuchte, kann sich Gauck nicht erklären. "Ich weiß nicht, was wirklich in ihr vorgegangen ist." Ähnlich äußert er sich im ZDF: Wichtig sei für ihn, dass "wir uns in die Augen schauen" und Vertrauen haben konnten. Auch wenn Gauck als streitbar und konfliktfähig gilt. Es ist erkennbar, dass er diesen Tag, den Tag seiner Wahl dazu nutzen möchte, Gräben erst einmal zuzuschütten, zu verbinden. Es ist ein guter Tag für Joachim Gauck. Ein besonders schöner Sonntag.

mit DPA/AFP/Reuters / Reuters