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Gauck-Kritiker gegen Gauck-Anhänger: Twitterkrieg um #notmypresident

Antidemokrat, Sarrazin-Freund, Occupy-Gegner: Im Netz wütet ein Sturm der Kritik gegen den zukünftigen Bundespräsidenten Joachim Gauck. Zu Unrecht, meinen dessen Anhänger - und twittern zurück.

Von Christoph Fröhlich

Noch ist Joachim Gauck nicht im Amt, da sorgt der voraussichtlich nächste Bundespräsident für gewaltige Aufregung. Nicht mehr so sehr auf den Korridoren der Parteizentralen in Berlin, weniger noch in den Kneipen der Republik - sondern im Netz wird lautstark über den zukünftigen ersten Mann des Staates debattiert. Dort sorgt Joachim Gauck seit Tagen für erregte Diskussionen. Und der 72-jährige Pfarrer aus der ehemaligen DDR erfährt gerade am eigenen Leib, was es heißt, einem Shitstorm ausgesetzt zu sein. Seit Bekanntgabe seiner Nominierung am Sonntag streiten Gegner und Anhänger Gaucks über die politische Einstellung des neuen Bundespräsidenten – teilweise weit unter der Gürtellinie. Das "Bashing", die öffentliche Beschimpfung im Internet, geht dort weiter, wo es bei Wulff aufgehört hat.

Eine der ersten kritischen Stimmen gehört der Bloggerin Julia Probst. Mehr als 6000 Leser verfolgen ihre Aktivitäten im Kurznachrichtendienst Twitter. Am Sonntagabend, nur wenige Minuten nach der Bekanntgabe Gaucks als zukünftigen Bundespräsidenten, schreibt sie: "Gauck ist für Vorratsdatenspeicherung, findet die Überwachung der Linken gut, äußerte sich abfällig über Occupy. Und lobte Sarrazin. Darum unwählbar!" Sie ist an diesem Abend nicht alleine mit ihrer ablehnenden Haltung. Die Kritiker versammeln sich im Netz, schaukeln sich gegenseitig hoch, schnell entsteht ein Sturm der Entrüstung.

Alle gegen Gauck

Die Vorwürfe wiegen schwer: Ein Antidemokrat soll Gauck sein, da er Thilo Sarrazin "mutig", die Occupy-Bewegung dagegen albern finden soll. Er befürworte die umstrittene Vorratsdatenspeicherung, heißt es. Belegt wird das mit zusammengesuchten Zitaten, mal aus dem Berliner "Tagesspiegel", mal aus der "Süddeutschen Zeitung". Ob die angeblichen Äußerungen korrekt oder aus dem Kontext gerissen sind, interessiert zu diesem Zeitpunkt niemanden.

Auf Facebook entstehen zahlreiche Anti-Gauck-Gruppen, auf Twitter wird das Schlagwort eines der angesagtesten Themen. Auch am Dienstagnachmittag noch verkünden viele Nutzer ihren Unmut über den neuen Bundespräsidenten. Und Fotos verbreiten sich, auf denen Gauck gemeinsam mit dem Finanzunternehmer Carsten Maschmeyer und dessen Frau Veronica Ferres zu sehen ist. Maschmeyer hat gute Kontakte zu Wulff. Doch was sollen diese Fotos mit Gauck beweisen? Einige Kritiker vermuten, er sei nicht besser als sein Amtsvorgänger. Doch wirkliche Beweise für diese Aussage haben sie nicht.

Das wiederum lassen die Gauck-Fans nicht auf sich sitzen: "Er wird die Demokratie stärken" und das Amt des Bundespräsidenten "mit Würde erfüllen", entgegnen sie auf die aus ihrer Sicht haltlosen Vorwürfe. Überhaupt seien die Zitate völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Die Fronten im Netz verhärten sich, Vorwurf trifft auf Aufklärung.

Falsche Zitate mit Folgen

Einige Kritiker wie die Bloggerin Julia Seeliger haben ihre Fehler bereits eingeräumt. Sie entschuldigt sich an der Desinformation bezüglich Gauck und Sarrazin. Die Quelle des vermeintlichen Lobs von Thilo Sarrazin findet sich im Berliner "Tagesspiegel". In einer Zusammenfassung des damaligen Interviews am 30. Dezember 2010 schreibt die Zeitung: "Dem früheren Berliner Finanzsenator und Autor des umstrittenen Sachbuches 'Deutschland schafft sich ab', Thilo Sarrazin, attestierte Gauck, „Mut bewiesen“ zu haben. „Er hat über ein Problem, das in der Gesellschaft besteht, offener gesprochen als die Politik."

Doch das trifft nicht die ganze Wahrheit: Bereits zwei Monate vor jenem Interview erklärte Gauck gegenüber süddeutsche.de: "Er ist mutig und er ist natürlich auch einer, der mit der Öffentlichkeit sein Spiel macht, aber das gehört dazu. […] Nicht mutig ist er, wenn er genau wusste, einen Punkt zu benennen, bei dem er sehr viel Zustimmung bekommen wird." Und weiter: "Darum erscheint es notwendig, und das ist meine Kritik an Sarrazin, genauer zu differenzieren und nicht mit einem einzigen biologischen Schlüssel alles erklären zu wollen."

Ähnlich ist es auch bei der Befürwortung der Vorratsdatenspeicherung: Bei einer Diskussion im Wiener Burgtheater im Jahr 2010 äußerte sich Gauck folgendermaßen: "Sie müssen wissen, dass etwa die Speicherung von Telekommunikationsdaten nicht der Beginn eines Spitzelstaates ist." Und ergänzt: "Wenn der Staat Rechte beschneidet, dann muss es verhältnismäßig sein. Ich will tragfähige Belege, was das Ganze bringt." Eine uneingeschränkte Zustimmung für Vorratsdatenspeicherung sei das nicht, sagen die Verteidiger.

Doch die meisten Nutzer scheinen die Richtigstellungen schon gar nicht mehr zu interessieren. Sie haben längst ein neues Ziel auserkoren: die CSU. In gewohnter Einigkeit wird über den Bundestagsabgeordneter Norbert Geis geschimpft. Er hatte gefordert, Gauck solle "geordnete Verhältnisse" schaffen und sich von seiner Frau trennen und seine Lebensgefährtin heiraten. "Norbert Geis muss ein unglaublich langweiliges Leben führen, wenn ihn die Trauscheine anderer Menschen interessieren", twittert Nele Table. Und der User "Kanzlerkandidat" ergänzt: "Dem Mann ist doch echt nicht mehr zu helfen."