Das Gefühl der Woche
Wal-Mitleid: Was uns Buckelwal Timmy über uns erzählt

Montage zeigt Helen Bömelburg vor Händen, die eine Herz halten
Ein Herz für Tiere hat unsere Autorin nicht gerade. Sie hofft trotzdem auf ein Wunder für Buckelwal Timmy.
© stern-Montage: Fotos: Jana Mai; Adobe Stock
Der sterbende Buckelwal in der Ostsee rührt viele zu Tränen. Und unsere Autorin fragt, wovon es eigentlich abhängt, mit wem wir Mitleid haben – und mit wem nicht.

Sie haben es mitbekommen: Ein Wal stirbt. Menschen haben ihn Timmy getauft (weil er zuerst auf einer Sandbank vor Timmendorfer Strand strandete), jetzt liegt er vor der Insel Poel auf Grund, bewegt sich nicht mehr und atmet nur noch alle paar Minuten. Man müsse ihn gehen lassen, sagte ein Meeresbiologe diese Woche bei einer der vielen Timmy-Pressekonferenzen. Der Mann rang um Fassung, alle anderen im Saal auch. „Ich wünsche dem Wal, dass er zur Ruhe kommt“, fügte Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus an. Es sei nun klar, dass das Tier „am Ende das Zeitliche segnen muss“. Ausgerechnet an Ostern! Timmy im ewigen Ozean. Kommen Ihnen auch schon die Tränen?

Mitleid mit dem Buckelwal – das Gefühl der Woche

Mir nicht, ich hab’s nicht so mit Tieren (außer gebraten und gut gewürzt auf dem Teller). Aber das riesige Mitleid, das dieser verirrte Buckelwal in Deutschland und international auslöst, wirkt echt, es kommt aus tiefstem Herzen. 15 Tonnen Tränen mindestens, so viel wie Timmy wiegt. Was nimmt die Leute so mit? Ist es der langsame, öffentliche Tod des Tieres? Oder das Schuldgefühl, das anklopft, weil sich Timmy Anfang März in einem Stellnetz in der Lübecker Bucht verfangen hatte, womit das ganze Drama begann? Sicher ist der sterbende Wal für viele hochsymbolisch. Er steht für globales Artensterben, Klimakrise und den mitleidlosen Umgang der Menschheit mit der Natur.

Es ist so eine Sache mit dem Mitleid. Von Thomas von Aquin bis Jürgen Habermas bis zum Dalai Lama waren Gelehrte schon immer von diesem Gefühl fasziniert. Ihre Schriften dazu würden sicher so viele Regalmeter füllen, wie es Buckelwale gibt (weltweit noch etwa 100.000). So viel ist klar: Das „Mitempfinden fremden Elends in unseren Herzen“, wie es der antike Kirchenvater Augustinus nannte, trifft nicht jeden von uns gleichermaßen. Der Anlass ist entscheidend. Für manche sind es Wale, Straßenhunde oder jegliches Getier, für andere sind es Kinder, Kriegsopfer oder Obdachlose.

Ich radle auf dem Weg ins Büro immer an einem vorbei, er steht mit seinem schmutzigen Pappbecher an der Ecke bei der Post und erzählt mir mit Händen und Gesichtsausdrücken von seiner Lungenkrankheit und seiner Familie, die so weit weg sei. Dann lege ich einen Euro in den Pappbecher, er spricht einen Segenswunsch in einer mir unbekannten Sprache und küsst meine Hand. Und dann sitze ich wieder auf dem Rad und kann den Fahrtwind für die Tränen verantwortlich machen.

Ich glaube, es ist vor allem das Vermissen seiner Familie, das mich so rührt. Mit wem oder was man Mitleid hat, sagt eben viel über einen selbst aus. Was ist mir wichtig, was ist meine größte Angst, welche meiner Werte werden an diesem Wesen verletzt, das ich bemitleide?

Kinder sind in dieser Hinsicht schlimm für mich. Am letzten Wochenende sah ich den Film „Ein Sack voll Murmeln“, es ist die wahre Geschichte zweier Brüder, die 1941 aus dem von Nazis besetzten Paris in die freie Zone nach Südfrankreich fliehen. Die Jungs sind neun und zwölf Jahre alt, so wie meine. Sie wandern über die Pyrenäen, so wie meine das schon getan haben. Der Große nimmt den Kleinen huckepack, wenn er nicht mehr kann. So wie meiner. Es ist nur ein Film! Da unterscheidet das Mitleid aber nicht.

Die moderne Psychologie macht eine interessante Unterscheidung zwischen Mitleid und Mitgefühl. Mitleid ist auf den eigenen Schmerz konzentriert, macht uns hilflos, ohnmächtig und traurig. Mitleid ist passiv. Ganz anders das Mitgefühl – es ist aktiv. Wer mitfühlt, nimmt das Leid des anderen wahr, ohne selbst darin zu versinken. Er will dringend etwas tun, um die Lage zu verbessern. So wie die Aktivisten, die gerade zur allerletzten Rettung des Wals aufrufen. Sie nennen ihn bewusst nicht mehr Timmy, sondern Hope. Ein Tropfen Hoffnung in der Hoffnungslosigkeit, dass eine Demo auf der Insel Poel noch irgendetwas bewirken kann. 500 Menschen sind angemeldet, sie haben völlig recht: Mitgefühl ist besser als Mitleid.

Umweltminister Backhaus sagte in einer der letzten Pressekonferenzen noch etwas ganz Erstaunliches. „Wir stehen vor Ostern“, so Backhaus, „Und Sie wissen, was Ostern ist. Da ist man in Gottes Hand. Und was mit Jesus passiert ist, wissen wir auch.“ Oh, ja, wir verstehen die Parallele! Timmy und Jesus, beide sterben öffentlich an den Sünden der Menschheit. Und wer nicht vom Kreuz, äh, von der Sandbank gerettet werden kann, wird auferstehen. Frohe Ostern!

Blauer Aufkleber eines Froschs mit der Zeile "Lieb sein"
© Helen Bömelburg

Der Sticker der Woche ...

… klebt an einem Fahrradständer in der Hamburger Erikastrasse und fordert mehr Mitgefühl für Frösche und alle anderen Kreaturen, egal ob glubschäugig oder ungläubig, gestrandet oder gekreuzigt.

 

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