Englische Erziehungsmaßnahmen Hausarrest statt Kapuzen-Pullis


In England wird mit jugendlichen Straftätern kurzer Prozess gemacht: Bei "unsozialem Verhalten" können allein auf Antrag der Gemeindeverwaltung jedem Täter über neun Jahren Auflagen gemacht werden - wie weit diese gehen, bestimmt allein die Gemeinde.
Von Cornelia Fuchs

Der 11-jährige Ryan Wilkinson aus Leeds schnüffelte Leim, verprügelte einen Siebenjährigen und warf schließlich ein Moped gegen einen vollbesetzten Bus. Die 19-jährige Kerry McLaughlin aus North Tyneside band einen nackten Teenager an einen Laternenpfahl und handelte sich durch laute Partys 111 Beschwerden der Nachbarn ein. Der 16-jährige Dale Carroll aus Manchester warf Feuerwerkskörper nach einem Fahrradfahrer, bedrohte einen Mann mit einer Axt und versuchte, eine Überwachungskamera mit einer Kettensäge zu demolieren.

England hat Angst vor seinen Kindern. Fast täglich melden Boulevardzeitungen neue Gewalttaten von Jugendlichen und rufen dabei regelmäßig nach härteren Strafen. Und die Politik reagiert. Schon 2003 verabschiedete der damalige Premierminister Tony Blair ein Gesetz über "Anti-Social behaviour orders", kurz Asbo genannt. Diese Art Strafmandat für unsoziales Verhalten kann ohne Anklage auf Antrag der Gemeindeverwaltung durch das Bezirksgericht gegen jeden verhängt werden, der älter als neun Jahre ist und gegen den sich ein Kläger findet.

Kapuzen-Pullis sind verboten

Über 7300 Asbos wurden bis Ende 2005 ausgeteilt, neuere Zahlen gibt es nicht. Die Strafmandate gingen auch an die drei Jugendlichen, die eingangs erwähnt wurden. Sie dürfen das Haus nur noch in Begleitung der Mutter verlassen, sich mit bestimmten Personen nicht mehr treffen oder keine Kapuzen-Pullis mehr tragen, die als Uniform gewalttätiger Jugendliche gelten. Für den Inhalt der Auflagen sind dem Bezirksgericht keine Grenzen gesetzt.

Das Gesetz wurde von der britischen Öffentlichkeit begrüßt, es hilft in der Realität jedoch ohne begleitende Rehabilitationsmaßnahmen nur selten, die Jugendlichen wirklich zu ändern. In Schottland weigern sich die Behörden einiger Städte bis heute, Asbos auszugeben: Die Strafmandate seien inzwischen zu einer Art Auszeichnung geworden und kein Grund für Jugendliche, ihre unsozialen Rüpeleien zu unterlassen. Großbritannien hat in den vergangenen Jahren sein Jugendstraf-Register stark ausgebaut. Das Ziel ist dabei vor allem, jugendliche Gewalttäter so lange wie möglich aus dem Gefängnis herauszuhalten. Es gibt im ganzen Land 157 lokale Jugendtäter-Teams, die sich intensiv mit auffälligen Teenagern beschäftigen. Fällt einer durch viele oder besonders schwere Straftaten auf, wird er sofort in ein Überwachungsprogramm überstellt. Bis zu 5000 Täter sind das im Jahr.

Der Erfolg der Programme ist umstritten

Einmal in einem der Programme registriert, werden die Jugendlichen durch elektronische Fußfesseln und tägliche Telefonanrufe kontrolliert. Sie müssen sich verpflichten, ihren Opfern zu helfen oder einen Ausgleich zu zahlen, und sie müssen jede Woche mindestens 25 Stunden Lesen und Rechnen oder andere Fähigkeiten lernen.

Der Erfolg dieser 140 Millionen Euro teuren Programme ist umstritten. Die Mehrheit der Jugendlichen scheint auch danach wieder straffällig zu werden, wenn auch zumeist nicht mehr durch schwere Gewalttaten. Größere Erfolge gibt es bei Teenagern, die schon nach ersten Auffälligkeiten betreut werden, zum Beispiel bei längerer Abwesenheit in der Schule, Herumlungern oder Diebstählen. In diesen Programmen, die weit über die Hausarrest-ähnlichen Strafen der Asbos hinausgehen, liegt die Rückfallquote zum Teil bei unter fünf Prozent.

Jugendgefängnisse sind überfüllt

Trotz aller Gegenmaßnahmen sind die Jugendgefängnisse in Großbritannien überfüllt. Und wer einmal sitzt, der scheint in einer Spirale von Gewalt und Straftaten gefangen. Im November rief die Vereinigung der Gefängniswärter nach einem neuen Gesetz, das den Einsatz von Schlagstöcken auch für unter 18-jährige erlaubt. Die Zahl der Angriffe auf Wärter in geschlossenen Jugend-Institutionen hat sich in den vergangenen drei Jahren mehr als verdoppelt. Und drei Viertel aller jugendlichen Gefängnis-Insassen werden kurze Zeit nach ihrer Entlassung wieder straffällig.


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