Hoffnung
Wie diese Menschen aus der Politik uns Hoffnung machen

Sie wehren sich als Lokalpolitiker gegen Hetze, engagieren sich international für das Völkerrecht, forschen zu Krieg und Frieden – damit wir als Gesellschaft sicher und frei sind
50 Mutmacher aus dem Bereich Politik
© stern-Montage: Fotos: Meike Kenn, Manfred Behrens/action press, Lorenz, Zschorlau, Stephanie Gengotti
Claudia Ficker, 51, SPD-Stadträtin in Aue-Bad Schlema

Politisches Rückgrat hat einen Namen, und er lautet Claudia Ficker. Als im Frühjahr der gesamte Stadtrat der Kleinstadt Aue-Bad Schlema einen von Rechtsextremisten initiierten Antrag verabschiedete, war sie die einzige Politikerin, die sich dagegenstellte. Am zentralen Busbahnhof der Stadt im sächsischen Erzgebirge war eine kleine Gruppe junger Flüchtlinge immer wieder gewalttätig aufgefallen. In den sozialen Medien verbreiteten sich daraufhin Fake News, Rechtsextremisten schürten Hass – und der Stadtrat rief kurzerhand den asylpolitischen Notstand aus. In der Sache nutzlos, aber von allen unterstützt. CDU, Freie Wähler, selbst der einzige Linken-Abgeordnete war an Bord. Die Rechten feierten prompt die "Implosion der Brandmauer auf kommunaler Ebene". Die AfD erreicht dort übrigens fast 50 Prozent der Wählerstimmen. Wer sich gegen die Hasardeure zur Wehr setzt, bekommt Morddrohungen. Doch Ficker, SPD-Lokalpolitikerin mit normalem Job und Familie, lässt sich nicht einschüchtern.
Luke Hoß, 24, Student und Mitglied des Bundestags (Die Linke)

Es ist in den vergangenen Jahren leider mehrmals passiert: Junge Politiker ziehen ins Parlament ein, enthusiastisch und getragen von den Hoffnungen ihrer ebenso jungen Wähler. Und dann passen sie sich doch ganz schnell dem zähen Takt ihrer Partei an. Luke Hoß (Die Linke), mit 23 Jahren der jüngste Politiker, der in den aktuellen Bundestag gewählt wurde, macht es anders. Zum Glück! Selbst aufgewachsen in einer Familie mit geringen finanziellen Mitteln, spricht der gebürtige Bad Canstatter offen darüber, wie prägend dies für ihn war und wie sich daraus sein Verständnis für soziale Ungleichheit gebildet hat. Aufmerksamkeit erhielt Hoß zudem durch seine Ankündigung, nur einen Teil seiner Abgeordnetenbezüge – 2500 Euro im Monat – selbst zu behalten und den Rest zu spenden. Zu oft enden gute Vorsätze von Abgeordneten da, wo es um ihr Diäten geht. Auch sein bisheriges Abstimmungsverhalten zeigt Rückgrat: Stets stimmte Hoß gegen rechte Positionen und für soziale Verbesserungen. Er macht das, was man von einem jungen, integren Politiker erwartet – und das macht er richtig gut.
Kevin Kühnert, 36, ehemaliger Politiker

Kevin Kühnert hat von der Macht gelassen, um sie über sich selbst zurückzugewinnen. Nun tritt der Ex-SPD-Generalsekretär in neuer Rolle auf und zeigt, dass ein radikaler Neuanfang lohnend sein kann. Nach seinem Abschied aus der dauererregten Spitzenpolitik ist Kühnert erstmal wandern gegangen, ins Fußball-Stadion, auf Konzerte. Es war zu viel geworden: die Anfeindungen, der Workload. Zuletzt hatte sich Kühnert "Denkräume" in seinen Generalsekretärs-Kalender eintragen lassen. Schützen wir unsere Demokratie!, appellierte er in seiner letzten Bundestagsrede im Februar. "Ich tue das in Zukunft von außen." Mittlerweile als Autor des "Rolling Stone", nächstes Jahr als Mit-Gastgeber des Polit-Talks "Missverstehen Sie mich richtig?" und Lobbyist für alternative Finanzpolitik als Leiter des Bereichs Steuern, Verteilung und Lobbyismus bei der Bürgerbewegung Finanzwende. Sozialdemokrat ist Kühnert geblieben. Manchen war er zu laut, schrill war er nie. Nun kann er unabhängiger formulieren, losgelöst von Parteizwängen, dem täglichen Schlagzeilenrausch. Er mischt weiter mit – freier und vielleicht auch authentischer als je zuvor.
Verena Hubertz, 38, Bundesbauministerin

Das ewige Thema "Vereinbarkeit von Beruf und Karriere" wird im Januar ein neues Vorbild erhalten: Verena Hubertz erwartet ein Kind. Die Bundesbauministerin (SPD) wird dieses Vorhaben genauso angehen, wie jedes ihrer bisherigen Projekte: mit unerschütterlich freundlichem Optimismus. Typisch, für die Startup-Szene. Typisch auch für eine junge Frau, die durch den Verkauf des von ihr mitgegründeten Unternehmens "kitchen stories" einst selbst zur Millionärin wurde. Dabei kann Verena Hubertz, wie sie mal zugab, selbst gar nicht kochen. Dies sei all jenen gesagt, die da unken, was diese Frau wohl vom Bauen verstünde. Oder wieso ausgerechnet ihr gelingen soll, woran ihre Vorgänger und -innen im Ministerium verlässlich gescheitert sind: große Mengen bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Und dann also künftig auch noch mit Kind!? Genau. Apropos: Genau zehn Jahre ist es her, da bekam die damalige Familienministerin Manuela Schwesig ein Kind. Wenig später wurde sie Ministerpräsidentin. Wer weiß, was Verena Hubertz noch alles wird.
Philip Holzapfel, 49, Diplomat und Nahost-Spezialist, war zuletzt Berater des EU-Außenbeauftragten Josep Borrell

Diplomaten sind als Beamte dem Grundgesetz besonders verpflichtet, das durch Artikel 25 im Völkerrecht verankert ist. Nur: Was tun, wenn der eigene Dienstherr, die Bundesregierung, eine Politik verfolgt, die dieser Ordnung zuwiderläuft? Mit der Staatsräson rechtfertigt Deutschland seine Unterstützung für Israel, unabhängig von der Frage, ob Israel sich an das Völkerrecht hält. Viele Diplomaten halten das für hochproblematisch, äußerten ihre Kritik jedoch bislang nur intern. Das ändert sich nun. "Wie kann eine Doktrin, die die Sicherheit einer völkerrechtswidrigen Besatzungsmacht zur Staatsräson erklärt, vereinbar mit dem Grundgesetz sein?" fragt Philip Holzapfel, ein Spitzenmann mit über 20 Jahren Erfahrung, auf eigenen Wunsch vom Auswärtigen Amt beurlaubt. Im Oktober hat er mit über 200 renommierten Nahostexperten ein Plädoyer für eine neue deutsche Nahostpolitik "Jenseits der Staatsräson" veröffentlich – als privater Bürger, wie Holzapfel betont. Und doch: Dass jemand aus der Herzkammer deutscher Diplomatie öffentlich so mit der eigenen Außenpolitik ins Gericht geht, lässt hoffen, der Politik möge endlich eine offene Debatte darüber gelingen, was historische Verantwortung im Land des Grundgesetzes bedeuten muss – und was sie nicht bedeuten darf.
Florence Gaub, 48, Politikwissenschaftlerin und Zukunftsforscherin

An ihrer Bürotür hängt ein Spruch von Arnold Schwarzenegger: "Keine Beschwerden über eine Situation, wenn du nicht bereit bist, sie zu verbessern." Das ist auch das Motto von Florence Gaub. Die Deutsch-Französin leitet die Forschungsabteilung am Nato-College in Rom, wo sich Offiziere und Staatschefs zur Sicherheitspolitik austauschen. Gaubs Thema: Die Kriege der Zukunft. Russlands Angriff auf die Ukraine hat sie kommen sehen und stellt der deutschen Öffentlichkeit harte Fragen: Wofür sind wir bereit zu sterben? Aber anders als männliche Militärexperten hält Gaub nichts von Angstmacherei. "Ich will, dass Menschen die hochkomplexe, geopolitische Materie durchdringen und zu einer eigenen, angstfreien Haltung finden", sagt sie. Fast täglich postet sie auf Instagram, um junge Zielgruppen zu erreichen. Kürzlich war es ein KI- Video, in dem Gaub in der Uniform der "Star Wars Stormtrooper" aus dem Meer steigt. Klug, schön, wehrhaft. Gaub ist sicher: "Die gute Zukunft gibt es, wir müssen nur mehr über sie reden."
Stefan Tarnow, 19, Jura-Student

Er war Klassensprecher, Schülersprecher, Mitglied im Kreisschülerrat, vor zwei Jahren wurde er Vorsitzender des Landesschülerrats und damit Sprecher der Brandenburger Schülerschaft. Als Anfang des Jahres der AfD-Politiker Dominik Kaufner für den Vorsitz des Bildungsausschusses im Brandenburger Landtag kandidierte, stellte Tarnow eine Petition gegen dessen Wahl ins Netz. Mehr als 22.000 Menschen unterschrieben. Es dauerte nicht lange, bis die AfD reagierte. Sie griff Tarnow persönlich an, forderte seinen Rücktritt als Landesschülersprecher, postete Clips über ihn im Netz. Menschen beschimpften und verhöhnten ihn dort in den Kommentarspalten, machten sich über sein Äußeres lustig. Irgendwann klebte ein rechtsextremer Sticker an seinem Briefkasten, zuhause in Lübbe. Die Botschaft: Wir wissen, wo du wohnst. Tarnow ist heute 19 Jahre alt und studiert Jura in Potsdam, er will einmal in die Politik. Die Kampagne gegen ihn habe ihn geschockt, sagt er, "das macht schon Angst". Doch Tarnow sagt auch: "Man hat versucht, mich einzuschüchtern. Aber man hat es nicht geschafft."
Nicole Deitelhoff, 51, Friedensforscherin

Sie ist eine Ausnahmeerscheinung. Denn die Politikwissenschaftlerin vom Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung zeigt sich zuversichtlich, dass der Krieg in der Ukraine tatsächlich enden könnte. Nicht irgendwann, nach Jahren weiterer Kämpfe, sondern in absehbarer Zeit. Sie sieht eine "Dynamik zwischen den Konfliktparteien, auch zwischen den Unterstützern der Konfliktparteien, die wir so in den letzten fast vier Jahren nicht gesehen haben". Während viele Sicherheitsexperten eher skeptisch sind, ob Donald Trump tatsächlich einen Waffenstillstand oder gar Frieden herbeiführen kann, lobt Deitelhoff seit Monaten die immer neuen Verhandlungsrunden – trotz mancher Rückschläge. Dass die Europäer jüngst Teil der Verhandlungen um einen Waffenstillstand geworden sind ist für Deitelhoff "auch ein großer Erfolg des Bundeskanzlers". Russland beharrt allerdings weiter auf seinen Maximalforderungen. "Gleichzeitig sehen wir aber auch, dass Russland überhaupt dabeibleibt." Die Frage ist nur, ob Wladimir Putin seine Gesprächspartner hinhält oder tatsächlich ein Verhandlungsinteresse hat. Davon dürfte abhängen, ob Deitelhoff weiter optimistisch sein darf oder nicht.
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