Sie fälschte Hochschulzeugnisse, ihr polizeiliches Führungszeugnis, Krankschreibungen und Gehaltszettel: Eine Frau, die jahrelang in mehreren Bundesländern ohne die entsprechende Qualifikation als Lehrerin gearbeitet hat, ist zu vier Jahren und sechs Monate Haft verurteilt worden. Das Landgericht Heidelberg sprach die geständige 41-Jährige unter anderem des Betrugs und der Urkundenfälschung schuldig.
Knapp 124.000 Euro an Schaden seien einzuziehen, sagte Richter Markus Krumme. In die Haftstrafe wurde demnach auch eine Bewährungsstrafe für eine frühere Straftat eingerechnet. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Staatsanwaltschaft und Verteidigung zeigten sich allerdings in einer ersten Reaktion zufrieden. Staatsanwalt Florian Jost sprach von einem "maßvollen Urteil."
Angeklagte hält sich Ohren zu während Urteilsverkündung
Die Angeklagte wirkte während der Urteilsbegründung allerdings erschüttert. Die zierliche Frau, die halblangen braunen Haare im Pferdeschwanz, kämpfte immer wieder mit den Tränen und stützte den Kopf in die Hände. Mit den Fingern hielt sie sich zeitweise die Ohren zu, wie auch ihr Anwalt bestätigte.
Der Sitzungssaal war voll, zahlreiche ehemalige Schüler der Frau waren zur Urteilsverkündung gekommen. Als der Richter die Höhe der Haftstrafe verkündete, stöhnten mehrere Zuschauer im Saal entsetzt auf.
Eine ehemalige Schülerin hatte zuvor noch betont, wie "empathisch" ihre ehemalige Mathe- und Chemielehrerin gewesen sei. Sie habe sich viel Mühe gegeben und Themen auf Nachfrage auch immer wieder erklärt, sagte die 19-Jährige. Sie habe einen kompetenten Eindruck auf sie gemacht.
Gehalt in Höhe von mehr als 200.000 Euro erschlichen
Die Frau soll laut Gericht an Privatschulen in Heidelberg und im saarländischen Homburg jahrelang Mathe, Physik und Chemie unterrichtet haben. Demnach hatte sie dafür mehrfach sowohl entsprechende Hochschulzeugnisse gefälscht als auch ein polizeiliches Führungszeugnis ohne Einträge erstellt.
Allein in Heidelberg soll sie laut Gericht von 2021 bis 2024 einen Bruttolohn in Höhe von fast 200.000 Euro erschlichen haben - in Homburg von Januar bis April 2025 wiederum 11.000 Euro Gehalt.
Die Privatschule in der Region Heidelberg entließ die Frau, nachdem sie laut Gericht monatelang wegen einer angeblichen Krebserkrankung krankgemeldet war und dafür gefälschte Atteste vorgelegt hatte. Wie Richter Krumme ausführte, hatte die Frau in dem Zuge zudem immer wieder Schicksalsschläge erfunden, darunter die Lüge, dass ihr Bruder gestorben sei.
Kredit mit gefälschten Gehaltsabrechnungen beantragt
Die Angeklagte zog nach der Entlassung laut Gericht ins Saarland und arbeitete dort ab Januar 2025 an einer Privatschule in Homburg. Wenige Monate später, im April, wurde ihre fehlende Qualifikation entdeckt, und ihr wurde fristlos gekündigt.
Aufgeflogen war die Frau laut Anklage, als sie im Oktober 2024 ein Darlehen in Höhe von 25.000 Euro bei einer Bank beantragt hatte – mit gefälschten Gehaltsnachweisen. Ihr Gehalt war demnach als zu hoch angegeben.
Die Bank erstattete Anzeige gegen die damals 40-Jährige, die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein. In den Gehaltsnachweisen war eine Privatschule als Arbeitgeber angegeben. In einem ähnlichen Fall soll sie laut Gericht erfolgreich ein Darlehen erlangt haben.
Unfall wird der 41-Jährigen zum Verhängnis
Ein Verkehrsunfall wurde ihr demnach schließlich zum Verhängnis: Als sie diesen bei der Polizei anzeigen wollte, wurde die Betrügerin im September 2025 festgenommen. Gegen sie lag bereits ein Haftbefehl vor.
Die Frau war bereits 2021 in Rheinland-Pfalz zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden - die nun in die Haftstrafe eingerechnet wurde. Sie hatte sich mit gefälschten Universitätsabschlüssen den Zugang zum Referendariat erschlichen. Zudem wurde sie 2023 wegen Rezeptfälschung zu einer weiteren Bewährungsstrafe verurteilt.
"Ich empfinde extreme Scham", hatte die 41-Jährige beim Prozessauftakt am Montag vergangener Woche gesagt. Die Frau erzählte mit leiser und teilweise gebrochener Stimme, sie habe eine liebevolle Kindheit im rheinland-pfälzischen Landstuhl gehabt. Ihre Eltern seien beide Lehrer gewesen.
Sie sei auch im Gymnasium Klassenbeste gewesen, habe ihr Abitur mit einem Schnitt von 1,3 abgelegt. Ihre Eltern hätten sich zu dem Zeitpunkt allerdings schon sehr auf ihren Bruder konzentriert, bei dem eine Veränderung im Gehirn gefunden worden sei.
Angeklagte berichtete von Depression und Essstörung
Anschließend habe sie unter anderem Mathe und Chemie auf Lehramt studiert, sei aber durch die erste Matheklausur gefallen - und habe sich dadurch nutzlos gefühlt. Jahrelang habe sie sich weiter um einen Studienabschluss bemüht, sei aber depressiv gewesen und habe eine Essstörung gehabt.
Sie habe ihre Antidepressiva immer höher dosiert, um auch ihre Schlafprobleme zu behandeln. Letztlich habe sie das Studium abgebrochen. Alle ihre Familienmitglieder seien Lehrer gewesen. Sie habe sich selbst unter Druck gesetzt, auch als Lehrerin zu arbeiten.
Richter Krumme sprach von "einem Lügengebäude", das sich die Frau über ihr gesamtes Erwachsenenleben aufgebaut habe. Die Länge der Strafe lasse ihr allerdings immer noch die Perspektive, nach der Haft "in ein von Lügen befreites, unbeschwertes und vor allem straffreies Leben zu starten". Dafür sei es nicht zu spät.