Das Projekt "Gemeinsamer Tresen" soll die Patientensteuerung in der Notfallversorgung verbessern. Seit Januar 2026 ist auch am Bürgerhospital Frankfurt eine zentrale Ersteinschätzungsstelle in Betrieb. Wie funktioniert der "Gemeinsame Tresen"?
Was ist der "Gemeinsame Tresen"?
Der "Gemeinsame Tresen" ist eine zentrale Anlauf- und Ersteinschätzungsstelle für Patientinnen und Patienten, die mit akuten Beschwerden selbstständig ins Krankenhaus kommen. Dort wird direkt nach der Ankunft geklärt, wie dringend ein Fall ist und wo die Behandlung am besten erfolgen sollte.
Schwere Fälle werden unmittelbar in die Notaufnahme weitergeleitet. Bei leichteren Beschwerden erfolgt die Behandlung über den Ärztlichen Bereitschaftsdienst oder in einer Hausarztpraxis. Ziel ist es, Notaufnahmen zu entlasten, indem Patientinnen und Patienten schneller an die richtigen Stellen verwiesen werden.
Hintergrund ist, dass viele Menschen Krankenhäuser aufsuchen, obwohl ihre Beschwerden auch ambulant behandelt werden könnten – etwa weil Arztpraxen geschlossen sind oder Termine fehlen. Dadurch kommt es häufig zu überfüllten Notaufnahmen und langen Wartezeiten. Hessens Gesundheitsministerin Diana Stolz sagt: "Keiner möchte sechs Stunden in der Notaufnahme warten, obwohl er dort falsch ist und es nicht weiß. Das sorgt für Unzufriedenheit im Gesundheitssystem und das ist einfach nicht nötig."
Wie ist der Ablauf am "Gemeinsamen Tresen"?
Die leitende Ärztin der Zentralen Notaufnahme am Bürgerhospital Frankfurt, Daniela Dock-Rust, beschreibt den Ablauf: Patientinnen und Patienten betreten das Krankenhaus über einen separaten Eingang und melden sich zunächst per Klingel. Nach dem Einlass gelangen sie in einen Wartebereich und anschließend in einen Vorraum mit Schaltfenster.
Dort erfolgt die Ersteinschätzung im Gespräch mit dem medizinischen Personal. Die Mitarbeitenden arbeiten dabei strukturiert einen standardisierten Fragenkatalog, die sogenannte "Standardisierte medizinische Ersteinschätzung in Deutschland" (SmED), ab und hören sich die Beschwerden an.
Auf dieser Grundlage wird entschieden, wie dringend der Fall ist und welche Behandlung notwendig ist. Am Ende erhalten die Patientinnen und Patienten eine Zusammenfassung der Einschätzung. Darin finden sich auch konkrete Hinweise zum weiteren Vorgehen – etwa zur Behandlung zu Hause oder zur Weiterleitung in die passende Versorgungseinrichtung.
Wie reagieren die Patienten im Bürgerhospital Frankfurt?
Geschäftsführer Marcus Amberger zieht eine erste positive Zwischenbilanz: Das Modell "Gemeinsamer Tresen" habe die Patientensteuerung deutlich verbessert. Ariam Yemane, Teamleitung der Zentralen Notaufnahme, erklärt, das Angebot werde von den Patientinnen und Patienten gut angenommen: "Wir hatten uns auf Diskussionen eingestellt, wurden aber positiv überrascht. Die Menschen fühlen sich ernst genommen, weil ihre Beschwerden angehört werden."
Auch aus Sicht der Klinikleitung zeigen sich Vorteile im Ablauf. Amberger sagt, die Prozesse seien transparenter und strukturierter geworden. Das sorge nicht nur für mehr Orientierung bei den Patientinnen und Patienten, sondern entlaste auch die Mitarbeitenden. Zudem könne der "Gemeinsame Tresen" dazu beitragen, Konflikte in der Notaufnahme zu reduzieren. Klare Abläufe und nachvollziehbare Entscheidungen führten nach Einschätzung der Klinik zu mehr Akzeptanz bei Patientinnen, Patienten und Angehörigen.
Werden dadurch die Notaufnahmen wirklich entlastet?
Nach Angaben der Beteiligten würde die Patientensteuerung durch den "Gemeinsamen Tresen" spürbar verbessert. Dock-Rust nennt für das Bürgerhospital Frankfurt konkrete Zahlen: Rund 58 Prozent der Patientinnen und Patienten müssten in der Notaufnahme behandelt werden, etwa 42 Prozent könnten ohne Sichtung wieder nach Hause gehen. Auch Studien zeigten, "dass viele Patientinnen und Patienten mit eher leichten Beschwerden kommen, die sie aber zu Hause oder beim Hausarzt nicht ausreichend behandelt bekommen könnten", erklärt Dock-Rust.
Armin Beck, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen, bestätigt diese Zahlen für die weiteren Standorte. Auch dort gebe es eine 50/50-Verteilung.
Wo gibt es "Gemeinsame Tresen" und wie geht es weiter?
Das Bürgerhospital Frankfurt ist bereits der vierte Standort in Hessen, an dem das Modell "Gemeinsamer Tresen" erfolgreich umgesetzt wird. Erfahrungen aus dem Klinikum Frankfurt-Höchst, dem Klinikum Darmstadt und dem Sana Klinikum Offenbach zeigen, dass sich dadurch die Patientenzahlen in den Notaufnahmen deutlich reduzieren lassen.
Hessens Gesundheitsministerin Diana Stolz bezeichnete den "Gemeinsamen Tresen" als wichtigen Baustein für eine bessere Steuerung im Gesundheitssystem. Hessen sieht sich damit als Vorreiter – das Modell gelte als Blaupause für Berlin und ganz Deutschland. Stolz betonte, Reformen im Gesundheitssystem müssten immer vom Patienten her gedacht werden und praktische Erfahrungen, wie der "Gemeinsame Tresen" könnten in die bundesweite Notfallreform einfließen.
Weitere Standorte in Hessen seien bereits in Planung, sagt Beck. Geplant sind unter anderem Standorte nach Umbauten am Nordwestklinikum, in Bad Soden, Rüsselsheim und in Heppenheim. Ziel sei es, das Modell flächendeckend in Hessen umzusetzen.