Das Interesse an Orten zur Information über die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes in Bayern ist groß. Das belegen aktuelle Besucherzahlen, etwa der Dokumentation Obersalzberg oder der KZ-Gedenkstätte Dachau. Anbei ein paar Fakten und Hintergründe zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am Dienstag (27. Januar).
Die Zahlen
Die Dokumentation Obersalzberg bei Berchtesgaden konnte den bisherigen Höchststand aus dem Jahr 2024 mit 205.000 Gästen noch einmal übertreffen. 2025 besichtigten mehr als 213.000 Menschen den Lernort mit Dauerausstellung am einstigen Berghof Adolf Hitlers.
Die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers in Dachau besuchten mehr als eine Million Menschen. Sie seien aus aller Welt gekommen, durchschnittlich fast 2.800 am Tag, hieß es.
Der Gedenk- und Lernort Flossenbürg in der Oberpfalz zählte im vergangenen Jahr rund 82.600 Besucher, knapp 2.500 mehr als 2024.
Bildungsinteresse bis Gruseleffekte
Sven Keller, Leiter der Dokumentation Obersalzberg, wertet das Interesse als Zeichen für die Bedeutung historisch-politischer Bildung. Die Gäste seien meist bereit, sich mit historisch fundierten und seriös präsentierten Informationen auseinanderzusetzen.
"Das Interesse an Hitler mag bei manchen in einer gewissen Faszination bis hin zu Gruseleffekten gründen, schließt aber nicht automatisch die Bereitschaft aus, sich bei einem Besuch bei uns ernsthaft mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen", sagt der Historiker. Das schließe ausdrücklich die Verbrechen und das Schicksal der Opfer ein.
Sorge um Demokratie und Spurensuche
Auch die aktuelle politische Weltlage spielt nach Einschätzung Kellers eine Rolle. Besucherinnen und Besucher berichteten immer wieder, ihnen sei der Besuch gerade in diesen Zeiten wichtig, in denen sie unsere demokratische und an Menschenrechten orientierte Grundordnung bedroht sehen.
"Gäste aus den USA etwa lesen den historischen Ort auch als Symbol des Sieges über das nationalsozialistische Deutschland und verbinden damit teils die Geschichte der eigenen Familie", so Keller.
Das gibt es zu sehen
Die KZ-Gedenkstätten zeigen vor allem das Leid der Häftlinge, in Dachau ebenso wie am ehemaligen Steinbruch Flossenbürg, wo Menschen unter unsäglichen Bedingungen schuften mussten, viele bis zum Tode.
Am Obersalzberg ist es insbesondere die Dauerausstellung "Idyll und Verbrechen", die das Bilderbuch-Alpenpanorama des Ortes in Kontrast setzt mit der Menschenverachtung und Grausamkeit des NS-Regimes.
Schmierereien und neue Selbstsicherheit
"Der überwiegende Großteil der Besucherinnen und Besucher verhält sich dem Ort angemessen", sagt Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau. Und doch komme es immer wieder zu Störungen und Vorfällen. Hammermann nennt Beispiele aus 2025: "eine Hakenkreuz-Schmiererei auf den Gepäckschließfächern, Besuchende mit Kleidung aus dem rechtsextremen Umfeld, Sticker mit rechtsextremen Inhalten und ein gezeigter "Hitlergruß"".
Keller berichtet von Ereignissen im zweistelligen oder niedrig dreistelligen Bereich: "In der Dokumentation Obersalzberg fallen immer wieder Kleidung oder Tattoos auf, die auf eine rechtsextreme Gesinnung hindeuten, oder es finden sich entsprechende Gästebucheinträge oder Sticker". Mit Blick auf die Gesamtbesucherzahl handele es sich um einen geringen Anteil. Die Quantität und Qualität der Vorfälle habe sich in vergangenen Jahren nicht signifikant verändert. "Wir beobachten jedoch, dass die betreffenden Personen selbstsicherer auftreten und die Diskussion suchen, wo früher ein Verweis auf die Hausordnung ausreichend war."
Ein "fast ausnahmslos respektvolles Miteinander" registriert man auch in Flossenbürg. "Allerdings ist im Gästebuch in der Dauerausstellung feststellbar, dass sich Beiträge häufen, die sich an der Grenze zwischen Israelkritik und Antisemitismus bewegen", sagte ein Sprecher. Zudem gab es strafrechtlich relevanten Vandalismus auf dem Steinbruchgelände. Im März und im Mai hatten Unbekannte dort auf einer Tür und im Inneren eines Gebäudes Schmierereien hinterlassen, vermutlich aus dem Umfeld der Antifa, wie der Sprecher sagte.
Hitler-Nostalgiker auf Wallfahrt
"Natürlich gibt es Personen, die als Hitler-Nostalgiker und aus Sympathie für die völkisch-rassistische NS-Ideologie den Obersalzberg als eine Art Pilgerstätte betrachten", sagt Keller. "Solche Personen steuern primär das Areal von Hitlers ehemaligem Berghof an." Sie träten dabei aber meist nicht offensiv, sondern zurückhaltend auf, was auch auf die Öffentlichkeit des Ortes zurückzuführen sein dürfte.
"Wir beziehen das Areal in unser Bildungsprogramm ein, und ein öffentlicher Wanderweg führt mitten über das Berghofgelände. Diese Form der touristischen Nutzung ist hier Teil einer erwünschten Profanisierung und Entmystifizierung", stellt der Historiker klar. Gleichwohl bleibe der historische Ort ambivalent, solange es entsprechende Strömungen innerhalb der Gesellschaft gebe.
Auffälligkeiten gibt es nach Kellers Angaben vor allem rund um den 20. April, dem Geburtstag Adolf Hitlers. "Sein Anziehungspotenzial als rechter Wallfahrtsort zeigt sich immer wieder, wenn dort beispielsweise Grabkerzen deponiert (und entsprechend entfernt) werden."
Gedenken an Tausende Opfer
Im ehemaligen Konzentrationslager Dachau und den Außenlagern waren mehr als 200.000 Menschen aus vielen Ländern inhaftiert. Mindestens 41.500 Gefangene starben - an Hunger, Krankheiten, Folter, Mord oder den Folgen der unmenschlichen Haftbedingungen.
In Flossenbürg ließen die Nationalsozialisten tausende Häftlinge Zwangsarbeit leisten. Unter grausamen Bedingungen mussten sie unter anderem im Steinbruch Granit abbauen oder in der Produktion von Kampfflugzeugen arbeiten. Rund 30.000 Menschen kamen hier ums Leben.
Am Obersalzberg war nach Angaben der Dokumentation neben Berlin das wichtigste Machtzentrum der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Hitler habe seinen Berghof 1936 zum Repräsentationsbau erweitert, wo er sich medienwirksam vor idyllischer Alpenkulisse inszenierte, Besuch empfing und wichtige Entscheidungen traf.