Wenn der TU-Student Friedrich Lauenstein Menschen über den Campus seiner Uni führt, dann schämt er sich, wie er sagt. Das Telefunken-Hochhaus am Ernst-Reuter-Platz? Seit Monaten wegen eines Rohrbruchs geschlossen. Das Mathegebäude? Marode. Der linke Beamer geht nicht? Sowas passiert ständig. Seit Freitag kann Lauenstein einen neuen Punkt auf seiner Liste ergänzen: Das Hauptgebäude der Technischen Universität mit einigen der größten und wichtigsten Hörsäle der TU? Wegen gravierender Mängel bis auf weiteres geschlossen.
"Für Studis ist die Schließung des Hauptgebäudes natürlich ein Abgrund", sagt Lauenstein bei einer Pressekonferenz des Bündnisses Campus Sanieren. Lauenstein ist studentischer Fachberater, er berät Studieninteressierte und Erstsemester. Von der Schließung seien hauptsächlich Erstsemester betroffen. "Die größten Vorlesungssäle sind hier drin. Der Audimax hier nebenan, da finden die größten Ersti-Vorlesungen statt. Das ist der erste Kontakt von Studierenden mit dem Studium."
Wasserschaden, Asbest, Schimmel
Die Technische Universität - Exzellenz-Uni, 34.000 Studierende, rund 7.000 Mitarbeiter - sie zerbröselt. Während auf dem Campus schicke neue Gebäude wie das Tulium, ein neues Transfer- und Ausstellungsgebäude, entstehen, sind andere Gebäude komplett marode.
Der Sanierungsstau beläuft sich nach Angaben der Hochschule auf 2,4 Milliarden Euro, für alle staatlichen Hochschulen des Landes Berlin auf 8,2 Milliarden Euro. Die meisten Gebäude der TU liefen im Notbetrieb, berichten die Studierenden auf der Pressekonferenz. 2023 musste das Mathematik-Gebäude vorübergehend schließen, 2024 das Hochhaus, ebenfalls 2024 stürzte eine Decke in einem Gebäude ein.
"Von Wasserschaden über Asbest bis Schimmel ist eigentlich alles dabei", sagt TU-Studentin Jette Arndt, ein Mitglied des Akademischen Senats. "Durch diesen katastrophalen Zustand herrscht massiver Platzmangel, der Forschung und Lehre deutlich beeinflusst."
"Was hat unsere Stadt, unsere Uni noch zu bieten?"
Im Hauptgebäude tropft es schon lange von der Decke. Im Eingangsbereich stehen laut Lauenstein große Kübel, um das Wasser aufzufangen. Nach einer Begehung durch Behörden und die Berliner Feuerwehr ist nun klar, dass das Gebäude nicht sicher ist. Es gebe nasse Wände und Wasserschäden, die auch die Stromversorgung und den Brandschutz beeinträchtigen könnten, sagte TU-Präsidentin Fatma Deniz. Uni-Mitarbeiter konnten das Gebäude am Montag noch einmal betreten, um ihr Hab und Gut aus den Büros zu holen.
Der Campus rund um den Ernst-Reuter-Platz und die Campus-Kultur sind laut Lauenstein Dinge, die die TU deutschlandweit hervorheben - "und wofür Leute zum Studium auch nach Berlin kommen". Jetzt fragt er sich: "Was hat unsere Stadt, unsere Uni noch zu bieten, wenn unsere Gebäude zusammenfallen?"
Bestandsgebäude wurden vernachlässigt
Wie immer geht es um Geld und darum, dass es davon nicht genug gibt. Wegen der knappen Haushaltskasse müssen die Hochschulen sparen. Außerdem wurde offenbar zu lange weggeschaut. Berlins Wissenschaftssenatorin Ina Czyborra räumte in einem RBB-Interview ein, die Instandhaltung der Bestandsgebäude sei vernachlässigt worden.
Der Berliner Senat will die Sanierung baufälliger Hochschulgebäude voranbringen und beschloss im April die Gründung einer Hochschulbaugesellschaft (BHG). Sie soll sich zentral um alle großen Bau- und Instandhaltungsprojekte der landeseigenen Gebäude der elf staatlichen Hochschulen kümmern.
Studierende wollen keine reine Online-Lehre
Wer genau Schuld an dem miserablen Zustand vieler Gebäude ist, dürfte den meisten Studierenden herzlich egal sein. Sie wollen, dass Geld in sie und ihre Zukunft investiert wird, sie wollen funktionierende Labore, funktionierende Toiletten, ordentliche und vor allem ausreichend Räume zum Lernen und Austauschen, Studium im Normalbetrieb - nicht im Notbetrieb.
Wie lange das Hauptgebäude geschlossen bleibt und wie der Lehrbetrieb aufrechterhalten wird, war am Montagnachmittag noch unklar. Den Studierenden ist wichtig, dass die Seminare und Vorlesungen nicht einfach in den virtuellen Raum verlegt werden. "Wir sind keine Online-Uni, wir sind eine Campus-Uni", sagt Lauenstein.