Folter und Todesdrohungen
Geisel tagelang in Badewanne gequält - zwölf Jahre Haft

Das Landgericht Hamburg verurteilte den Angeklagten (links, neben seinem Verteidiger) wegen Geiselnahme und weiterer schwerer St
Das Landgericht Hamburg verurteilte den Angeklagten (links, neben seinem Verteidiger) wegen Geiselnahme und weiterer schwerer Straftaten zu zwölf Jahren Haft. Foto
© Christian Charisius/dpa
Wegen Schulden bei einer Drogenbande soll ein Dealer von Mallorca nach Deutschland gelockt werden. Die Täter kidnappen dafür einen Lockvogel und foltern ihn tagelang in Hamburg - bis er flüchten kann.

Wegen Streitigkeiten im Drogenmilieu hat eine Bande einen Mann in Hamburg-Billstedt für gut eine Woche als Geisel genommen und schwer misshandelt. Gut acht Monate nach der Tat verurteilte das Landgericht einen der Beteiligten zu zwölf Jahren Haft. Die Strafkammer sprach den 29-Jährigen wegen gemeinschaftlicher Geiselnahme, gefährlicher Körperverletzung und Verstößen gegen das Waffengesetz sowie wegen bewaffneten Handeltreibens mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge schuldig. 

Nach Überzeugung der Strafkammer lockte der Angeklagte zusammen mit mindestens vier Mittätern einen Mann aus den Niederlanden nach Deutschland. Angeblich sollte es um ein Drogengeschäft gehen. Tatsächlich sollte das Opfer gezwungen werden, einen mit ihm befreundeten Drogenhändler, der angeblich Schulden bei einer albanischstämmigen Bande hatte, von Mallorca nach Deutschland zu locken. 

Acht Tage nackt und gefesselt in Badewanne

Als der Mann aus den Niederlanden am Abend des 7. Juni 2025 aus Venlo nach Hamburg kam, fuhr ihn ein Unbekannter zu einem Reihenhaus in Billstedt und ließ ihn im Vorgarten allein. An der Haustür überraschten ihn der Angeklagte und drei weitere Maskierte, wie der Vorsitzende der Strafkammer, Immo Graf, sagte. Sie schlugen mit Fäusten und einer Schusswaffe auf ihr Opfer ein. Außerdem gaben sie ihm mit einem Taser mindestens vier Stromstöße und verpassten ihm einen Fußtritt ins Gesicht. 

Nackt, gefesselt und mit einer Haube über dem Kopf brachten sie den Mann in ein zuvor abgedichtetes Badezimmer im Keller und legten ihn in eine Badewanne. Dort wurde er von Bewaffneten rund um die Uhr bewacht und mindestens ein weiteres Mal geschlagen. 

Einmal holten die Täter den Mann ins Wohnzimmer, hielten ihm eine Pistole an den Kopf und drohten, ihn sofort zu töten, wie der Vorsitzende Richter weiter erklärte. So zwangen sie ihn, über sein Handy Kontakt zu dem Dealer auf Mallorca aufzunehmen. Dieser ließ sich aber nicht nach Deutschland locken. Während der achttägigen Gefangenschaft habe der Gefangene zu keinem Zeitpunkt etwas zu essen bekommen, sagte Graf. Nur gelegentlich hätten sie ihm einen Becher Wasser auf den Boden der Wanne gestellt, den er wegen der gefesselten Hände aber nur mit dem Mund habe erreichen können. Auch zur Toilette ließen ihn seine Peiniger nicht.

SEK-Einsatz nach erfolgreicher Flucht

Nach acht Tagen, am 15. Juni, gelang ihm die Flucht. Sein Bewacher war an jenem Sonntagvormittag eingeschlafen. Der Gefangene konnte das Panzertape von seinen Beinen lösen und durch die Gartentür aus dem Haus laufen. Er traf auf eine Frau, die die Polizei alarmierte. Daraufhin stürmten Spezialeinsatzkräfte das Reihenhaus und zerrten den Angeklagten aus dem Haus. Auf die Frage der Beamten, ob weitere Menschen in dem Gebäude seien, antwortete er nach Angaben des Richters: "Da ist noch jemand gefesselt im Keller."

Anschließend durchsuchte die Polizei das Zimmer des Angeklagten, der in der Nähe wohnte. Dort fanden die Beamten 3,9 Kilogramm Kokain im Wert von rund 100.000 Euro, Utensilien zum Drogenverkauf, eine Pistole mit Patronen, zwei Kampfmesser und zwei Teleskopschlagstöcke. 

Opfer schämt sich für erlittene Qualen

Der Mann aus den Niederlanden leidet bis heute unter den Folgen der Tat. Von den zahlreichen Verletzungen behielt er Narben zurück, hat Schlafstörungen und gedankliche Aussetzer, wie er nach Angaben des Richters als Zeuge berichtete. Bei seiner Arbeit als Paketbote habe er seit der Tat schon zwei Unfälle wegen Unaufmerksamkeit verursacht. Aus Scham habe er seinen Eltern, Schwiegereltern und Schwestern nicht erklären können, was ihm passiert sei.

Der Angeklagte wuchs bei seinen Eltern in Hamburg auf, wie der Richter weiter erklärte. Nach Ausbildungen zum Hotelfachmann und Immobilienmakler arbeitete der Deutsche im Vertrieb von Energie- und Telefonverträgen. Der 29-Jährige ist den Angaben zufolge wegen Unterschlagung vorbestraft. 

Dass der harmlos wirkende Angeklagte persönlich Gewalt gegen die Geisel ausübte, wurde ihm im Prozess nicht nachgewiesen. Er ließ vor Gericht eine Erklärung von seinem Verteidiger vortragen, der die Kammer aber keinen Glauben schenkte. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

dpa