Soziales
Diakonie: Wohnungslose Frauen suchen seltener Hilfe

Die Diakonie ist der größte Träger entsprechender Angebote im Norden. Foto: Frank Molter/dpa
Die Diakonie ist der größte Träger entsprechender Angebote im Norden. Foto
© Frank Molter/dpa
Viele wohnungslose Frauen meiden Hilfsangebote aus Angst vor Gewalt – und verschwinden so oft aus der Statistik. Warum das Thema so schambehaftet ist und was eine Betroffene berichtet.

Sind Frauen von Wohnungslosigkeit bedroht oder bereits betroffen, suchen sie in Schleswig-Holstein nach Einschätzung der Diakonie seltener Hilfe. "Viele von ihnen haben traumatische Erfahrungen mit Gewalt und Ausbeutung durch Männer gemacht", sagte Landespastor und Diakonievorstand Heiko Naß. "Deshalb leben sie seltener auf der Straße und meiden geschlechterübergreifende Angebote der Wohnungslosenhilfe, die sie als unsicher wahrnehmen."

2025 haben im Norden gut 3.000 Frauen Angebote der diakonischen Wohnungslosenhilfe genutzt. Insgesamt taten dies 10.919 Menschen und damit noch einmal gut 600 mehr als im Vorjahr. Die tatsächliche Zahl dürfte aber deutlich höher gewesen sein. Laut dem Statistischen Bundesamt waren zum Stichtag in der Nacht zum 1. Februar vergangenen Jahres 29.475 Menschen in einer Notunterkunft in Schleswig-Holstein untergebracht.

Zur Not lieber prekär

Frauen begäben sich oft in prekäre Wohnverhältnisse bei Freundinnen oder Bekannten, gingen Zweckbeziehungen ein oder kehrten in gewaltvolle Lebensumstände zurück, um nicht obdachlos zu sein, sagte Naß. "Hier müssen dringend Schutzmaßnahmen verstärkt und wohnungslose Frauen unterstützt werden."

Die Diakonie ist der größte Träger für die Wohnungslosenhilfe im Norden. Sie fordert landesweit verbindliche Standards. Für viele Frauen sei Wohnungslosigkeit ein schambesetztes Thema, sagte die zuständige Abteilungsleiterin der Diakonie Nord Nord Ost Aleksa Kiene. "Sie tun alles um nicht aufzufallen." Sie versuchten, nicht sichtbar zu bleiben, auch um sich vor Angriffen zu schützen.

Eine Betroffene berichtete von ihren Erlebnissen. Sie habe vorher gearbeitet, nie Not gelitten, sagte die Frau. "Auf einmal durch einen Lebensabschnitt war ich gezwungen, ja, ich hatte kein Geld mehr, auf einmal hatte ich kein Geld." Die Miete sei fällig, der Strom bereits abgeschaltet gewesen. "Ich bin zu Behörden gelaufen, habe getan und gemacht, und letztendlich war keiner da, der mir geholfen hat." Sie bekam dann Unterstützung von der Frauenberatung der Diakonie.

Fehlende Angebote

Insbesondere auf dem Land fehlten vielerorts spezielle Angebote für Frauen und entsprechende Schutzräume, sagte Referentin Kathrin Kläschen. "Es ist halt einfach ein schambehaftetes Thema." Insbesondere die Unterbringung sei schwierig. Deshalb suchten Frauen oftmals andere Wege, um geschützt zu sein.

In Lübeck beispielsweise hält die Diakonie getrennte Notunterkünfte für Männer, Frauen und Jungerwachsene vor. Auch die Beratungsstellen sind geschlechterspezifisch aufgestellt. "So können wir besser auf die Bedürfnisse von Frauen und jüngere Menschen eingehen und sie in einer Umgebung begleiten, in der sie sich sicher fühlen", sagte der Leiter der dortigen Wohnungslosenhilfe Friedemann Ulrich.

Auf dem Land müssen Frauen dagegen in Notunterkünften teils Tür an Tür mit fremden Männern übernachten. Sie kenne viele Frauen, die geschlagen worden seien und von heute auf morgen auf der Straße landeten, sagte die Betroffene. "Man kann nicht reinkommen und da sitzt auf einmal ein Mann." Das gehe nicht. "Man braucht einfach diesen geschützten Bereich für uns Frauen."

Mehr Geld

Trotz stetig steigender Personal- und Betriebskosten ist der Landeszuschuss laut Diakonie bei 900.000 Euro gedeckelt. In Lübeck beispielsweise beträgt der Zuschuss etwa 135.000 Euro. Doppelt so viel steuert die Stadt zu. Die Diakonie trägt ebenfalls etwa ein Viertel der Kosten. Landespastor Naß forderte einen automatischen Anstieg der Landeszuschüsse analog zur Entwicklung der Beratungszahlen.

Die Landesregierung verwies auf das 2021 aufgelegte Sonderprogramm "Wohnraum für besondere Bedarfsgruppen", das den Bau von Wohnungen für Menschen, die ohne jede Unterkunft oder von Wohnungslosigkeit bedroht sind, mit Zuschüssen und Darlehen unterstützt. Es unterstützt auch den sogenannten Housing-First-Ansatz (Zuhause zuerst), indem es eine Refinanzierungsmöglichkeit des Trägers über höhere Bewilligungsmieten zulässt. Erste Projekte wie beispielsweise in Niebüll (Kreis Nordfriesland) seien bereits umgesetzt worden.

Ein vom Land seit 2017 gefördertes Projekt vom Paritätischen Wohlfahrtsverband hilft Frauen, die keinen akuten Schutzbedarf in einem Frauenhaus mehr haben, sowie andere Frauen, die von Gewalt betroffen oder von Gewalt bedroht sind, bei der Suche nach angemessenem und bezahlbarem Wohnraum. Neben der problematischen Wohnraumsuche sind für viele Frauen etwa die Kosten für einen Umzug, für Renovierungen oder neue Möbel nicht tragbar, erklärte das Sozialministerium.

dpa