Schlechteste Versorgungsquote
NRW-Landtag ringt um Rezepte gegen Hausärztekrise

Der Landtag streitet über wirksame Maßnahmen gegen Hausärztemangel in Nordrhein-Westfalen. (Symbolbild) Foto: Sebastian Kahnert/
Der Landtag streitet über wirksame Maßnahmen gegen Hausärztemangel in Nordrhein-Westfalen. (Symbolbild) Foto
© Sebastian Kahnert/dpa
Westfalen-Lippe hat bundesweit die wenigsten Hausärzte. Die Opposition warnt vor Versorgungslücken und dringt auf Abhilfe. Im Landtag erklärt Gesundheitsminister Laumann, wie er das schaffen will.

Verschärft sich in Nordrhein-Westfalen gerade eine Krise in der Hausärzteversorgung oder sind alle nötigen Gegenmaßnahmen bereits im Gang - darüber hat der Düsseldorfer Landtag gestritten. Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) wies Vorwürfe der Opposition zurück, nicht genug gegen Hausärztemangel zu tun. In einer Aktuellen Stunde zur bundesweit schlechtesten Versorgungsquote in Westfalen-Lippe zählte er zahlreiche bereits eingeleitete Maßnahmen auf.

Ein schon 2009 aufgesetztes Hausarztaktionsprogramm habe bislang in NRW mehr als 1.000 Ansiedlungen in unterversorgten Gebieten gefördert, bilanzierte Laumann. "Dafür sind 29 Millionen ausgegeben worden, und 80 Prozent der Mittel sind nach Westfalen-Lippe geflossen."

Die ersten Quoten-Landärzte werden 2030 fertig

Zudem habe NRW als erstes Bundesland eine Landarztquote eingeführt. 1.100 junge Menschen, die Allgemeinmedizin studierten, seien deswegen einen Vertrag mit dem Land NRW eingegangen, nach dem Studium zehn Jahre als Hausärzte zu arbeiten. Wegen der langen Ausbildungsdauer von Medizinern würden die ersten allerdings erst 2030 in solche Gebiete ziehen. 

"Weil eine Ärzteausbildung nun mal so lange dauert, muss man frühzeitig entscheiden, um irgendwann Erfolge zu haben", sagte Laumann. Das dauere eben zwei bis drei Wahlperioden, "um die Erfolge einzustreichen". 

CDU an SPD: "Eigentor des Monats"

Solche Weichenstellungen hätten SPD-geführte Landesregierungen jahrzehntelang versäumt, kritisierte Laumann. Deswegen sei die von ihr beantragte Aktuelle Stunde das "Eigentor des Monats", spottete der CDU-Abgeordnete Daniel Hagemeier. 

Anlass waren Daten aus dem jüngst veröffentlichten Bundesarztregister, wonach Westfalen-Lippe unter allen 17 Regionen der Kassenärztlichen Vereinigungen bundesweit den letzten Platz belegt. Hier kommen auf 100.000 Einwohner nur rund 61 Hausärzte. 

Diese Zahlen seien auch eine schlechte Bilanz für Laumann, kritisierte die Vizevorsitzende der SPD-Landtagsfraktion, Lisa-Kristin Kapteinat. Zumal Terminstau und lange Wartezeiten auch andernorts wohlbekannt seien. Laumanns Konzepte seien angesichts der mangelhaften Versorgungssituation unzureichend. Der CDU-Politiker ist seit 2017 Gesundheitsminister in NRW und hatte das Amt zuvor bereits von 2005 bis 2010 inne. 

"Kein dramatischer Ausreißer"

Der CDU-Abgeordnete Marco Schmitz warf der SPD vor, Politik mit der Angst der Menschen zu betreiben. Der Durchschnittswert bei der bundesweiten Versorgung liege bei 67 Hausärzten pro 100.000 Einwohner. Insofern sei Westfalen-Lippe "kein dramatischer Ausreißer, sondern Teil einer gesamtdeutschen Herausforderung, vor der nahezu alle Regionen stehen". Ähnlich argumentierte die Grünen-Abgeordnete Meral Thoms, die den Sozialdemokraten vorhielt, ausschließlich Defizite zu beschreiben.

FDP und AfD beklagten zu viel bürokratischen Ballast für Hausärzte. AfD-Fraktionschef Martin Vincentz - selbst Facharzt für Allgemeinmedizin - sprach von einer zunehmend dramatischen Lage, die nicht schönzureden sei. Ein Drittel der Hausärzte werde innerhalb der nächsten zehn Jahre in Rente gehen. 

Wie ein Arzt das sieht

Daneben gebe es viele weitere ungelöste Probleme: der restriktive Zugang zum Medizinstudium nur über Numerus clausus, die unrentable Budgetierung in der hausärztlichen Praxis, unattraktive Regionen, wo niemand sich mehr niederlassen wolle und überbordende Bürokratie.

"Wenn Sie als Hausarzt nach fünf Jahren Facharztausbildung einen einfachen Ultraschall in der Praxis machen wollen, brauchen Sie dafür eine zweitägige Fortbildung für 900 Euro", schilderte Vincentz. Die werde vor allem verlangt, um die Dokumentationsanforderungen der Kassenärztlichen Vereinigung erfüllen zu können.

AfD: Weniger Hausarzthonorar als für Meerschweinchen-Diagnose 

"Wir reden darüber, dann hinterher einen Ultraschall machen zu können für 20 Euro - also ein Fünftel dessen, was Ihr Tierarzt dafür bekommt, wenn er bei Ihrem Meerschweinchen feststellt, dass es schwanger ist", kritisierte der AfD-Abgeordnete. 

Laumann dankte allen Hausärztinnen und Hausärzten in den unterversorgten Gebieten. Wenn sie nicht weit über das übliche Maß hinaus arbeiten würden, um sehr viele Patienten zu versorgen, "hätten wir noch eine viel schwierigere Situation", räumte der Gesundheitsminister ein. "Ich kenne die Probleme quasi von vor der Haustür", sagte der in Hörstel-Riesenbeck lebende Münsterländer.

Vor zwei Wochen hatte der 68-Jährige ein 15-Punkte-Programm für eine bessere Versorgung und Patientensteuerung vorgestellt. "Aber diese strukturellen Veränderungen, die brauchen halt Zeit."

dpa