Mehr Unfälle, mehr Verletzte, aber weniger Verkehrstote: Das kennzeichnet die Verkehrsunfallbilanz des vergangenen Jahres für Nordrhein-Westfalen. Besondere Sorgen bereiten Kinder und Jugendliche auf E-Scootern, bei denen der höchste Anstieg registriert wurde, wie NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) berichtete.
Der Straßenverkehr sei dichter, vielfältiger und komplexer geworden. Autos, Fahrräder, Pedelecs, Lastenräder, E-Scooter, Motorräder und Fußgänger teilten sich denselben, engen Raum. "Wo mehr Verkehr auf gleich viel Raum trifft, entstehen neue Konflikte – und diese Konflikte schlagen sich in den Unfallzahlen nieder", so Reul.
Rund 656.000 Verkehrsunfälle (Vorjahr 643.000) und etwa 81.200 Verletzte (78.675) wurden im vergangenen Jahr registriert. 479 Menschen sind im Straßenverkehr ums Leben gekommen (485).Obwohl Kinder gar nicht auf E-Scootern fahren dürfen, stieg die Zahl der mit E-Rollern verunglückten Kinder um 72 Prozent auf 566. Fast 80 Prozent der Gefährte seien inzwischen in Privatbesitz und ihre Zahl sei in NRW bereits 2023 auf fast eine Million gestiegen.
50 Prozent mehr E-Scooter-Unfälle als im Vorjahr
Auch insgesamt stiegen die E-Scooter-Unfälle deutlich: 2025 sind rund 3.900 Menschen mit einem E‑Scooter verunglückt – ein Anstieg von rund 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In 96 Prozent der polizeilich erfassten E‑Scooter‑Unfälle gab es einen Personenschaden. Wenn E‑Scooter‑Fahrer den Unfall verursachen, sind typische Ursachen Alkohol, die falsche Fahrbahn oder unangepasste Geschwindigkeit. Man sollte über eine Führerscheinpflicht für E-Scooter nachdenken, regte Reul an.Mittlerweile entfallen mehr als ein Drittel aller Unfälle mit Verletzten auf Unfälle mit Fahrrädern oder Pedelecs (E-Bikes). 106 Menschen kamen dabei im vergangenen Jahr ums Leben – die höchste Zahl im Zehnjahresvergleich. Bei Kollisionen mit anderen Verkehrsteilnehmern sind Radfahrer in der Regel nicht die Verursacher: In rund zwei Dritteln der Fälle liegt die Hauptursache beim anderen Verkehrsteilnehmer, der den Radfahrer oft übersieht. "Hier würde es oft schon helfen, sich vor der Weiterfahrt einen Moment Zeit zu nehmen, den Kopf zu drehen und sich einen Überblick über die Verkehrssituation zu verschaffen", sagte Reul.Stark nach oben gegangen sind die Unfallzahlen bei Kindern und Jugendlichen auf dem E-Bike (Pedelec). "Pedelecs sind längst kein ‚Seniorenfahrzeug‘ mehr", sagte Reul. Die Zahl der E-Bike-Unfälle mit verunglückten Kindern stieg um 59 Prozent auf 266.
Zahl der Toten bei illegalen Autorennen auf Rekordstand
Bei den illegalen Kfz‑Rennen gab es einen Höchststand in NRW mit 2.384 verbotenen Rennen seit Beginn der Statistik. In 663 Fällen kam es infolge solcher Rennen zu Verkehrsunfällen. 19 Menschen starben dabei – so viele wie noch nie seit Einführung des Straftatbestands 2017. Gleichzeit erreichte auch die Zahl sichergestellter Autos und Führerscheine Höchststände. Die meisten illegalen Rennen fanden innerhalb geschlossener Ortschaften statt.Ein Lichtblick ist der deutliche Rückgang der getöteten Motorradfahrer um 47 Prozent auf ein Zehn-Jahres-Tief. 45 Menschen kamen 2025 bei Motorradunfällen ums Leben, im Vorjahr waren es noch 86.
Reul: "Es sind zu viele bekifft unterwegs"
Die Polizei hat 2025 so viele Verkehrsteilnehmer unter Drogeneinfluss festgestellt wie noch nie. In rund 25.000 Fällen gab es Hinweise auf Drogenkonsum und eine Blutprobe – ohne dass es bereits zu einem Unfall gekommen war.Zu Unfällen unter Einfluss von Alkohol oder anderen Drogen kam es in 4.404 Fällen - auch das ein neuer Höchststand. Den größten Anteil hat Alkohol mit 3.274 Unfällen, 1.130 Unfälle gehen auf andere Drogen zurück, davon hat Cannabis mit 506 Unfällen den größten Anteil – ein Zuwachs um 23 Prozent und der höchste jemals erfasste Wert. "Es sind zu viele bekifft unterwegs", sagte Reul.Für Nordrhein-Westfalen lagen die Unfallkosten 2025 bei rund 9,3 Milliarden Euro.
"Die Unfallzahlen sind zu hoch", sagte ADAC-Verkehrsexperte Prof. Roman Suthold. Gerade im urbanen Umfeld müssten die schwächeren Verkehrsteilnehmer stärker geschützt werden. "Da, wo es eng ist, wird es schnell brenzlig." Notwendig sei auch mehr Rücksichtnahme.
E-Scooter seien keine Tretroller, betonte der ADAC-Experte. Fahrten zu zweit oder unter Alkoholeinfluss erhöhten das Unfallrisiko dramatisch. Der ADAC selbst plant zur E-Scooter-Nutzung ein eigenes Verkehrssicherheitsprogramm in Kooperation mit weiterführenden Schulen. Aus Sicht des Automobilclubs sollte das absolute Alkoholverbot im Straßenverkehr auf Fahrer bis zum 24. Lebensjahr ausgeweitet werden.