Der Arbeitsmarkt in Sachsen war 2025 zäh wie Kaugummi und vor allem junge Menschen drohen immer häufiger, in der Arbeitslosigkeit hängenzubleiben. Für 2026 sind die Aussichten mau. "Die Arbeitslosigkeit wird steigen", sagt Klaus-Peter Hansen, Chef der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit. "Wir werden uns mit 7,X bei der Arbeitslosenquote anfreunden müssen." Das wären mehr als 150.000 Arbeitslose im Freistaat. Ähnlich fällt die Einschätzung des Arbeitsministeriums aus: "Der sächsische Arbeitsmarkt steht zum Jahreswechsel 2025/2026 weiter unter Druck."
Arbeitslosigkeit auf Zehn-Jahres-Hoch
War Sachsen viele Jahre an einen vitalen Arbeitsmarkt und sinkende Arbeitslosenzahlen gewöhnt, hat sich der Trend längst umgekehrt. Im November waren fast 145.900 Menschen arbeitslos gemeldet - eine Quote von 6,8 Prozent. Höher war die Zahl zuletzt 2015. "Wir haben zehn Jahre an Entwicklung opfern müssen", konstatiert Hansen.
Ein genauerer Blick hinter die Zahlen zeige zudem, dass heute die Struktur der Arbeitslosigkeit anders sei als vor zehn Jahren. "Wir haben wesentlich mehr Menschen ohne Berufsabschluss und deutlich mehr Menschen mit Migrationshintergrund." Deswegen brauche es mehr Zeit, um diese Menschen in Arbeit zu bringen - etwa durch Qualifizierungen und Sprachkurse.
Flaute kostet Tausende Jobs in der Industrie
Die Flaute in wichtigen Branchen wie dem Maschinenbau und der Autoindustrie hat zu spürbarem Jobabbau geführt. So ist die Beschäftigung im Verarbeitenden Gewerbe binnen Jahresfrist um etwa 9.800 Menschen gesunken. Starke Rückgänge gibt es auch bei Leiharbeit, im Bereich Erziehung und Unterricht, dem Handel und Instandhaltung von Kraftfahrzeugen und im Baugewerbe.
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Von einer Deindustrialisierung will man im Wirtschaftsministerium aber nicht sprechen. Sachsen bleibe ein industriell geprägtes Bundesland mit hohen Zukunftspotenzialen, heißt es auf Anfrage. Doch stehe die Industrie vor großen Umwälzungen und befinde sich in einem stetigen Strukturwandel. Dabei würden wirtschaftliche Aktivitäten zwischen einzelnen Bereichen verlagert.
Ein Beispiel sei die Mikroelektronik. Hier entstünden gerade Tausende neue Arbeitsplätze. "Es herrscht die paradoxe Situation von gleichzeitigem Beschäftigungsabbau einerseits und Fachkräftemangel andererseits", so die Analyse. Langfristig würden auch in Sachsen Arbeitskräfte knapper.
Arbeitslosigkeit hat junges Gesicht - Pendlerzahl steigt
"Die Arbeitslosigkeit hat wieder einmal ein sehr junges Gesicht", betont Hansen. Denn wenn Unternehmen Jobs abbauen, müssten meist diejenigen zuerst gehen, die am kürzesten dabei sind. So ist die Jugendarbeitslosigkeit von ihrem Tiefststand im Jahr 2019 mit rund 9.500 auf zuletzt fast 14.900 Menschen geklettert. Damit ist aktuell etwa jeder zehnte Arbeitslose jünger als 25 Jahre.
Und offensichtlich nehmen auch wieder mehr Menschen längere Wege zur Arbeit auf sich. "Die Pendlerzahlen nehmen zu", erklärt Hansen. Ein bekanntes Phänomen: "Krisenphasen lösen einen Anstieg der erzwungenen Mobilität aus." Denn für die Menschen steige dann der Erwerbsdruck, etwa um ihren Lebensstandard aufrecht zu halten. Aktuell pendeln 12.400 Arbeitskräfte mehr von Sachsen in andere Regionen, als zur Arbeit in den Freistaat kommen. Bessere Verdienstmöglichkeiten seien das Hauptmotiv für Pendler, heißt es.
Wie wirkt sich der künftige Wehrdienst auf den Arbeitsmarkt aus?
Folgen auf den Arbeitsmarkt wird der neue Wehrdienst haben. Zum einen könnte damit die Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen sinken. Zum anderen werde Betrieben Beschäftigungspotenzial entzogen, erläuterte Hansen. Denn Unternehmen müssen dann vorübergehend auf junge Fachkräfte verzichten, wenn diese ihren Dienst leisten.
Doch bei solchen Diensten würden auch Kompetenzen und Erfahrungen vermittelt, die in der Berufswelt helfen können, so Hansen. "Das muss nicht der Dient an der Waffe sein." Teamfähigkeit gehöre dazu, aber auch mit Situationen klarzukommen, in denen man an physische und mentale Grenzen komme.