Wenn in windreichen Stunden Anlagen stillstehen müssen, obwohl sie eigentlich sauberen Strom liefern könnten, wirkt das auf den ersten Blick wie Verschwendung. Tatsächlich steckt dahinter ein zentrales Problem der Energiewende: Der Strom wird nicht immer dort erzeugt, wo er gerade gebraucht wird - und die Netze sind oft zu schwach, um alles aufzunehmen. Genau hier setzt das geplante "Netzpaket" von Bundeswirtschafts- und Energieministerin Katherina Reiche (CDU) an.
Für Sachsen könnte das spürbare Folgen haben - für Investoren, für Unternehmen und am Ende auch für Stromkunden. Darauf deuten Rückmeldungen des sächsischen Wirtschafts- und Energieministeriums, von Netzbetreibern, kommunalen Energieversorgern und Branchenverbänden hin.
Das Grundproblem: volle Leitungen, teure Eingriffe
In Deutschland müssen Wind- und Solaranlagen immer wieder gedrosselt werden, weil Leitungen überlastet sind. Diese Eingriffe heißen Redispatch. Betreiber bekommen dafür bislang Geld - die Kosten gelten als Netzkosten und werden über die Netzentgelte von den Stromkunden bezahlt.
Künftig sollen stark belastete Regionen als "kapazitätslimitiert" gelten können. Neue Anlagen bekämen dort bei Abschaltungen keine Entschädigung mehr. Die Idee: Investitionen sollen stärker dorthin gelenkt werden, wo noch Netzkapazität vorhanden ist - und die Milliardenkosten für Redispatch sinken.
Sachsens Energieminister Dirk Panter (SPD) sieht in den Plänen als Anlass für eine grundlegende Debatte: "Diese Diskussion ist notwendig und überfällig, um auch künftig ausreichend Energie erzeugen und transportieren zu können sowie diese für alle Verbraucher und Unternehmen bezahlbar zu halten."
Zugleich warnt das Ministerium vor Nebenwirkungen. Zusätzliche Belastungen dürften "nicht dazu führen, dass der Ausbau erneuerbarer Energien ins Stocken gerät".
Warum das besonders Sachsen treffen könnte
Der Freistaat liegt laut Energieministerium beim Ausbau der Erneuerbaren im Bundesvergleich zurück, braucht aber günstigen Strom für Industrie und neue Ansiedlungen. Zugleich seien in manchen Regionen die Netze schon heute schwach. Das erschwere sowohl neue Wind- und Solarparks als auch den Anschluss neuer Unternehmen.
Nach Einschätzung des Ministeriums könnte die im Entwurf genannte Schwelle dazu führen, dass große Teile des Landes - besonders im Osten - als kapazitätslimitiert gelten. Die Folge wäre ein Dilemma: Neue Anlagen dürften zwar gebaut werden, tragen aber ein deutlich erhöhtes wirtschaftliche Risiko.
Was das für Investitionen bedeutet
Kommunale Versorger sehen genau hier das Problem. Der Chemnitzer Energieversorger Eins warnt, ohne Entschädigungen würden Projekte "neu bewertet, zeitlich verschoben oder nicht umgesetzt".
Denn die Zahlungen federn bisher ab, dass Anlagen wegen fehlender Netzkapazität zeitweise stillstehen müssen. Fallen sie weg, wird die Finanzierung schwieriger. Auch für Bürgerenergie könnte das Folgen haben - dabei investieren Bürger vor Ort gemeinsam in Wind- oder Solaranlagen und profitieren von den Erlösen. Diese arbeitet oft mit geringeren Renditen. Steigende Anschlusskosten könnten dazu führen, dass Anleger abspringen.
Der Branchenverband VEE Sachsen erwartet deshalb, dass sich Projekte deutlich schwerer rechnen. Banken würden höhere Risikoaufschläge verlangen, ein Teil der Vorhaben würde unwirtschaftlich.
Der Bundesverband Windenergie spricht sogar von einem drohenden Verlust der Planungs- und Investitionssicherheit und warnt vor einem "Ausbaustillstand in den betroffenen Regionen".
Warum einige Versorger die Pläne trotzdem begrüßen
Es gibt auch Zustimmung. "Die geplanten Instrumente des angekündigten Netzanschluss-Pakets stellen in weiten Teilen eine systemische Notwendigkeit dar", teilten die Leipziger Stadtwerke auf Anfrage mit. Der Markt funktioniere nicht mehr richtig, wenn immer häufiger negative Strompreise auftreten - ein Zeichen für Überproduktion bei fehlender Netzkapazität.
Andere kommunale Versorger sehen die Pläne kritischer. Sachsenenergie verweist darauf, dass sowohl der Wegfall von Redispatch-Entschädigungen als auch Baukostenzuschüsse die Wirtschaftlichkeit neuer Projekte beeinflussen würden. Der Chemnitzer Energieversorger Eins warnt, Investitionen könnten verschoben oder ganz aufgegeben werden, weil die Ausgleichszahlungen bisher helfen, Netzengpässe wirtschaftlich abzufedern.
Und was heißt das für die Menschen?
Kurzfristig könnte das Paket helfen, die Kosten für Redispatch zu begrenzen - und damit langfristig auch den Strompreis zu dämpfen. Darauf zielt zumindest der Gesetzentwurf aus dem Bundeswirtschaftsministerium ab.
Langfristig hängt viel davon ab, ob weiter in neue Anlagen investiert wird. Kommunale Versorger wie etwa der Energieversorger Eins warnen, dass Projekte ohne Ausgleichszahlungen verschoben oder ganz aufgegeben werden könnten. Auch der Branchenverband VEE Sachsen rechnet damit, dass höhere Risiken die Finanzierung erschweren und damit den Ausbau bremsen.
Für Regionen vor Ort geht es dabei auch um Beteiligung und Wertschöpfung. Bürgerenergieprojekte könnten nach Einschätzung von Eins an Attraktivität verlieren, wenn Kosten steigen und Renditen sinken.
Oder, wie es das sächsische Wirtschafts- und Energieministerium formuliert: Für den Standort sei eine "sichere, bezahlbare und heimische Energieversorgung entscheidend".