Der Puls sei schon ziemlich weit oben gewesen, räumt Maja Feil ein, als sie über einen Einsatz als Ersthelferin beim Brand eines Pflegeheimes in Chemnitz berichtet. Ein paar Stunden danach hört sich die Schilderung der 19-Jährigen dennoch ziemlich abgeklärt an. Das hat einen Grund. Denn selten sind spontane Helfer in der Not derart gut vorbereitet in eine brenzlige Situation geraten wie Maja Feil und ihre fünf Gefährten aus Dresden und Sebnitz.
Erst zu Besuch in der Leitstelle, dann selbst den Notruf gewählt
Vor nicht langer Zeit haben sie im Bundesfreiwilligenjahr eine Qualifikation als Rettungssanitäter beim Deutschen Roten Kreuz in Sachsen abgeschlossen. Inzwischen sind sie schon professionell im Einsatz. Dieser Tage ging es zu einem Seminar nach Chemnitz. Am Donnerstagvormittag hat sich die Gruppe – drei junge Frauen und drei junge Männer – in der Rettungsleitstelle in Chemnitz zum Besuch angemeldet. Sie wollen sehen, wie ein Einsatz geleitet wird.
Ein paar Stunden später setzen sie selbst einen Notruf ab. Eigentlich hatten sie am Schlossteich Chemnitz nur einen Kaffee trinken wollen. Doch dann hört einer von ihnen das Piepen einer Brandmeldeanlage. Aus einem Gebäude dringt Rauch. "Wir sind dann einfach losgerannt. Uns war klar, wir müssen helfen. Man funktioniert dann einfach", sagt Maja Feil. Als sie den Notruf wählen, haben sie genau einen Mitarbeiter am Apparat, den sie am Vormittag kennenlernten.
Zufälle helfen dabei, eine größere Katastrophe zu verhindern
Es ist einer von mehreren Zufällen, die an diesem Tag dabei helfen, eine größere Katastrophe zu verhindern. Als sie in das Pflegeheim stürmen und sich als Ersthelfer zu erkennen geben, ist man dort froh über den spontanen Beistand. Das Personal sei angespannt und wohl auch ein bisschen panisch gewesen, meint Maja Feil. Zugleich habe sie aber auch Dankbarkeit gespürt. Zwei aus der Gruppe warten vor dem Heim auf die Feuerwehr. Die anderen stürmen ins Haus.
Der 19 Jahre Clemens Michael hat bereits Erfahrungen bei der Freiwilligen Feuerwehr gesammelt und will das später auch beruflich machen. Seine Routine wird zu einem weiteren Glücksumstand an diesem Tag. Clemens Michael rennt mit einer Pflegeschwester in den zweiten Stock, wo der Rauch aus einem Zimmer dringt. Er schnappt sich einen Feuerlöscher und verschafft sich Zugang zu dem Raum. Dann löscht er die Flammen.
19-Jähriger löscht beherzt die Flammen
Im Feuerschein bemerkt er in dem Zimmer auch jenen Mann, der den Brand vermutlich ausgelöst hat. Er sitzt in einem Rollstuhl, sein Kopf ist bereits nach hinten gelehnt. Clemens Michael sieht, dass er ihm nicht mehr helfen kann. "Ich habe etwa 15 Sekunden lang gelöscht und dann gesagt, wir müssen hier raus." Denn auch der Brandrauch sei lebensgefährlich. Man habe sich zwar ein nasses Handtuch vor Nase und Mund gehalten, doch das helfe nur bedingt.
Unterdessen bringen Maja Feil und die anderen Patienten in Sicherheit, setzen sie in Rollstühle und fahren sie in sichere Bereiche des Heimes. "Wir sind sehr gut ausgebildet, wir haben viele Fallbeispiele durchgesprochen. Man hat grob den Handlungsablauf im Kopf", erklärt Maja Feil. Dennoch handle man am Ende immer intuitiv, weil die Situation ein flexibles Handeln erfordere.
Noteinsatz selbst gut weggesteckt
"Man schaut, wer braucht jetzt was, wo müssen wir sein. Wie können wir uns am besten aufteilen, wo sind die Einsatzkräfte", beschreibt sie den gedanklichen Algorithmus. Die Gruppe sei ja in Zivil unterwegs gewesen und habe für die Erstversorgung gar nicht die richtige Ausrüstung zur Hand gehabt. "Die Mitarbeiter vom Kriseninterventionsteam waren nachher sehr positiv überrascht, dass wir das so gut weggesteckt haben."
Am Tag danach geht den jungen Lebensrettern das Geschehen noch immer durch den Kopf. Clemens Michael hat bemerkt, dass die Pflegeschwestern gar nicht richtig mit den Feuerlöschern umgehen konnten – zumindest in der angespannten Situation dazu nicht in der Lage waren. Jeder Notfall braucht eine Auswertung. Im Chemnitzer Pflegeheim wird man sich wohl auch damit beschäftigen müssen.
Jetzt erst recht: Rettungsdienst soll zum Beruf werden
Noch steht die Ursache des Brandes nicht fest. Ein 84 Jahre alter Mann starb, sieben Menschen wurden verletzt, drei von ihnen kamen ins Krankenhaus. Dass es bei dieser Bilanz geblieben ist, können sich die jungen Rettungssanitäter auf ihre Fahnen schreiben. Der Einsatz habe sie darin bestärkt, jetzt erst recht den Rettungsdienst zum Beruf zu machen, sagt Maja Feil und spricht damit auch für die anderen.
Beim Deutschen Roten Kreuz ist man stolz auf die jungen Leute. Am Abend habe sie erst einmal Emotionen auffangen und schauen müssen, ob es den jungen Leuten gut geht, sagt Lisa Grundke, Teamleiterin beim Freiwilligendienst des DRK Sachsen. "Wir hatten komischerweise am Vormittag noch über das Thema Selbstfürsorge gesprochen", nennt sie einen weiteren Zufall. Heute Morgen habe sie ihnen mit Applaus für ihren Mut gedankt.