„O Arzgebirg, wie bist du schie“, dichtete Anton Günther 1927, „mit deine Wälder, ihr Wiesen, Barg on Tol“. Die Liebeserklärung an seine Heimat ist nur eines von weit mehr als 100 Liedern, in denen er die Region und ihre Menschen besungen hat - in Mundart. Viele gehören heute untrennbar zum Erzgebirge so wie Kunsthandwerk und Bergparaden. Vor 150 Jahren wurde Günther in Gottesgab - dem heutigen Boží Dar in Tschechien - geboren. Er hat sich nicht nur als Liedermacher über die Region hinaus einen Namen gemacht.
Einer, den Günthers Lieder seit Kindheitstagen begleiten, ist Alexander Böhm aus Jahnsdorf. Er hat in seinem Haus Porträts von ihm hängen und bekennt: „Ich bin großer Anton-Günther-Fan.“ In seinen Händen hält er ein dickes Album. Darin verwahrt der 49-Jährige etwa 400 Postkarten. Denn Günther war nicht nur Mundartdichter und Komponist. Er gilt auch als Erfinder der Liedpostkarte.
„Drham is' drham“ war erste Liedpostkarte
Als gelernter Lithograph kam ihm die Idee, seine Texte samt Noten auf Postkarten zu drucken. Das machte sie nicht nur weithin bekannt, sondern brachte ihm auch einen Zuverdienst. Die erste Karte, allerdings noch ohne Notenbild, stammt aus dem Jahr 1895 und war seinem Lied „Drham is' drham“ gewidmet.
Damals lebte und arbeitete Günther fern seines Elternhauses in Prag. In einfachen Verhältnissen im böhmischen Teil des Erzgebirges aufgewachsen, hatte der naturverbundene junge Mann Förster werden wollen. Doch für diese Ausbildung fehlte das Geld. Als er 16 war, starb die Mutter und hinterließ ihren Mann und sieben Kinder. Anton ging zur Ausbildung in eine Lithographenanstalt und dann zum Geldverdienen nach Prag. In seinem Metier war er so gut, dass er sogar ein Angebot aus Dänemark bekam. Doch als der Vater starb, zog es ihn 1901 zurück nach Gottesgab, um als ältester Sohn die Familie durchzubringen.
Rund 100 Jahre später beginnt sich Böhm für Günthers Liedpostkarten zu interessieren. Viele kosten heute einige Euro, für manche Raritäten werden aber mehrere Hundert Euro gezahlt, wie er erzählt. „Das Sammeln dieser Postkarten ist endlich“, sagt Böhm. Er wollte mehr: „Mein Traum war es, einen eigenen Beitrag zum Erbe Anton Günthers zu leisten.“ Biografien gab es schon und besonders gut singen könne er nicht. Also erforschte er ein anderes Thema und schrieb darüber ein Buch: die Gedenksteine zu Ehren Anton Günthers.
Denn wer im Erzgebirge unterwegs ist, findet den Namen des Mundartdichters zuhauf: Straßen, Gaststätten und Aussichtspunkte sind nach ihm benannt. Und vielerorts finden sich auch Gedenksteine, nicht nur in Sachsen. Mehr als 50 seien ihm bekannt, erzählt Böhm. Es gibt sie ebenso in Tschechien, Österreich, Hessen, Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg mussten viele Deutsche ihre Dörfer und Städte in der damaligen Tschechoslowakei verlassen und andernorts neu Wurzeln schlagen. Die Lieder Anton Günthers halfen ihnen, die Erinnerungen an ihre Heimat zu pflegen.
„Deutsch und frei“ - als Dichter ein Kind seiner Zeit
Doch mancher Text wirft heute Fragen auf. So stimmte Günther 1914 in den Jubel zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs ein und schrieb das Lied „Hurra! 's gieht lus“. Einige Jahre zuvor hatte er schon die Verse zu „Deitsch on frei wolln mr sei“ formuliert - eines seiner bekanntesten Lieder. Darin heißt es: „Unserer alten deutschen Heimat gilt der letzte Tropfen Blut.“ Das Lied wird immer wieder von Rechtsextremen vereinnahmt. Die NPD warb einst sogar mit dem Slogan: „Unser Anton würde NPD wählen.“
Doch die Zeilen schrieb er Jahrzehnte bevor Hitler-Deutschland die Welt in die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts stürzte und unter anderem sechs Millionen Juden ermorden ließ. „Er sollte aus seiner Zeit gelesen werden, in der er verhaftet war“, sagt der Günther-Kenner Richard Glöckner zur Rezeption Anton Günthers. „Er war ein relativ einfacher Mann, der nicht für die Weltpolitik geschaffen war.“
Glöckner, 31, ist im Erzgebirge aufgewachsen und kennt Günthers Lieder schon aus Kinderchor und Schule, wie er erzählt. Er ist ausgebildeter Tenor und arbeitet am Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz. Dort steht er seit 2022 mit dem Anton-Günther-Abend „Mei Harz braucht Lieder“ auf der Bühne - ein Publikumsrenner. In dem Stück führt er ein Zwiegespräch mit dem Dichter, der als Puppe auf der Bühne präsent ist.
Günthers Texte laden zu nationalistischen Deutungen ein, weiß Glöckner. Er wolle das kritisch reflektieren und auch zeigen, welche menschenfreundlichen und weltoffenen Gedanken in den Liedern steckten. „Obwohl es musikalisch recht einfache Lieder sind, haben sie textlich eine große Bandbreite“, schwärmt der Sänger. „Es geht um große Sehnsuchtsthemen, wie sie auch in Kunstliedern von Schubert oder Brahms zu finden sind.“
1937 setzte der Dichter seinem Leben selbst ein Ende. Er litt an Depressionen. Bei der Beerdigung sollen etwa 7.000 Menschen vor Ort in Gottesgab Abschied von ihm genommen haben.
Anton Günther - der „Bob Dylan des Erzgebirges“?
Zum 150. Jubiläum erlebt der Mundartdichter einen neuen Hype. Vielerorts wird er mit Liederabenden gewürdigt und auch ein neuer Gedenkstein wird eingeweiht. „So geht sächsisch“ - die Dachmarke des Freistaates Sachsen - kürte ihn gar zum „Bob Dylan des Erzgebirges“.
Seine Texte spiegelten die tiefe Verbundenheit vieler Menschen mit der Landschaft und den Traditionen wider, erklärt Glöckner die anhaltende Popularität. „Die Texte schaffen es, diese Liebe unglaublich gut auszudrücken.“