Görlitz will sich als Standort von Wissenschaft und Hightech für die Zukunft rüsten. "In den vergangenen Jahren hat sich hier ein Nukleus an Forschungseinrichtungen etabliert, der nun wächst. Davon profitiert die ganze Region", sagte Oberbürgermeister Octavian Ursu (CDU) der Deutschen Presse-Agentur. Als Beleg nannte er unter anderem das Center for Advanced Systems Understanding (Casus) - ein Forschungsinstitut, das sich auf digitale Systemforschung, Datenwissenschaften und Simulationen konzentriert.
Zahlreiche Forschungseinrichtungen in Görlitz
Das Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz gilt als führende Einrichtung der Biodiversitätsforschung und legt seinen Fokus auf Bodenzoologie, Botanik und Ökologie. Die Hochschule Zittau/Görlitz widmet sich mit ihren Instituten Themen wie Gesundheit, Altern und Wohnen. Im Aufbau befindet sich das Deutsche Zentrum für Astrophysik (DZA), das als Großforschungszentrum im Zuge des Strukturwandels nach Görlitz kam und nun für internationale Reputation sorgen soll. Das Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung nimmt IT-Sicherheit für kritische Infrastrukturen in den Blick.
Görlitz wird durch Zuzug internationaler
Ursu zufolge wird auf den Straßen von Görlitz immer häufiger Englisch gesprochen, etwa von den mehr als 100 Mitarbeitern des DZA, die bereits aus aller Welt in die deutsch-polnische Grenzstadt gekommen sind.
Als Filmkulisse für zahlreiche Hollywood-Produktionen hat sich "Görliwood" ohnehin schon im Ausland einen Namen gemacht. "Das tut der gesamten Region gut. Wir sind eine Stadt in zwei Ländern, ein internationaler Standort", sagte Ursu. Gut 5.000 Menschen aus Polen wohnten und arbeiteten in Görlitz. Im Unterschied zu vielen Kommunen wachse die Stadt noch.
Stadt mit Chancen für junge Menschen
"Wir sind eine Stadt mit Chancen für junge Menschen", betonte der Oberbürgermeister. Von dem einstigen Vorhaben, betuchte Rentner aus dem Westen nach Görlitz zu locken, habe man wieder Abstand genommen. "Wir brauchen junge Menschen, die hier Geld verdienen und es ausgeben. Das heißt nicht, dass Ältere nicht willkommen sind. Sie können gerne bei uns leben und wohnen. Aber unsere Zielgruppe sind in erster Linie junge und gut qualifizierte Menschen. Am schönsten ist es, wenn sie auch Familie und Kinder haben. Dafür werben wir."
Ursu will zur Oberbürgermeisterwahl im Mai wieder antreten
Ursu, der fast sieben Jahre im Amt ist und auch zur OB-Wahl im Mai antritt, lobt die Kooperation mit polnischen Behörden. Unter dem Slogan "United Heat" planen die Stadtwerke Görlitz und der Wärmeversorger SEC Zgorzelec ein Joint Venture. Bis 2030 soll die Fernwärme in beiden Stadtteilen aus erneuerbarer Energie und einer Hand geliefert werden.
Laut Ursu sind für das Projekt 130 Millionen Euro von der EU und vom Bund bestätigt. Mit Beteiligung der Konzerne Eon und Veolia würden insgesamt etwa 200 Millionen Euro investiert und eine Einsparung von 50.000 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr erreicht.
Kooperation über die Grenzen hinweg eingespielt
"Mittlerweile kann man Görlitz und Zgorzelec gar nicht mehr richtig trennen. Wir haben sehr viele gemischte Familien. Wir werden das gar nicht mehr so trennen können, weil wir miteinander zusammenleben", sagte Ursu und sprach von einer guten Entwicklung.
Auch bei der Aufnahme der Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine im Februar 2022 und später hätten beide Stadthälften gut zusammengearbeitet. "Das war eine logistische Herausforderung. Wir haben das gut hinbekommen, weil wir Kooperation über die Grenzen gewohnt sind."
Hoffnung auf Ende der Grenzkontrollen
Der Görlitzer Oberbürgermeister hofft darauf, dass die Grenzkontrollen zur Eindämmung der illegalen Migration kein Dauerzustand werden. "Wir haben damals alle für offene Grenzen innerhalb Europas gekämpft. In einer Stadt mit viel Grenzverkehr ist das noch deutlicher zu spüren, auch wenn sich die Einwohner damit nun arrangiert haben. Aber für uns sollte es selbstverständlich sein, ohne Kontrolle über die Grenze zu gehen. Man merkt erst, was man hat, wenn es einem weggenommen wird."