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Trauer in der Familie Wenn Kinder nach dem Tod fragen: "Der größte Fehler ist, nicht darüber zu sprechen"

Eine Mutter mit ihrer Tochter an einem Grab
Kinder, die einen Todesfall erleben, verstehen auch im jungen Alter, dass der Verstorbene nicht wiederkommt. "Sie machen einen Schritt ins Erwachsenen-Leben, der unter Umständen sehr heftig sein kann", sagt Trauerbegleiterin und Erzieherin Susanne Hövelmann.
© epd / Imago Images
Kinder können bereits in sehr jungen Jahren mit dem Tod konfrontiert werden. Sie sind neugierig und haben viele Fragen. Diese zu beantworten ist für die Eltern oftmals eine Herausforderung.

"Mama, wie ist das, wenn man tot ist?", "Papa, was bedeutet es, wenn jemand stirbt?" Wenn Kinder plötzlich solche Fragen stellen, verschlägt es Eltern oft die Sprache. Zu groß ist die Unsicherheit, ob und wie man mit dem Kind über dieses vermeintlich schwere Thema sprechen soll. "Man soll unbedingt darüber reden. Und zwar offen und ehrlich", sagt Susanne Hövelmann, Sozialpädagogin, Erzieherin und Trauerbegleiterin aus Dortmund, die mit ihrem Mann eine Gruppe für trauernde Kinder leitet.

Wie Kinder den Tod wahrnehmen hängt vom Alter ab

Kinder können bereits in sehr jungem Alter mit dem Tod konfrontiert werden. Das kann ein Todesfall in der Familie sein, ein verstorbenes Haustier, ein toter Regenwurm, den das Kind auf der Straße entdeckt oder eine Szene im Fernsehen. Am Anfang seien Kinder neugierig, so die Expertin. Sie wollen Antworten auf ihre Fragen und seien dem Tod gegenüber neutral eingestellt. Die Bedenken, dass Kinder Angst bekommen könnten, seien meist unbegründet und "spiegeln die Angst der Erwachsenen wider", erklärt die 57-Jährige. "Viele Eltern versuchen, alles von dem Kind wegzuhalten", berichtet die Erzieherin aus ihrer langjährigen Erfahrung mit trauernden Familien. Doch bereits von klein auf könne man mit dem Nachwuchs über den Tod sprechen.

Wie genau ein Kind den Tod wahrnimmt, hängt vom individuellen Entwicklungsstadium ab, das sich grob am Alter des Kindes festmachen lässt. Selbst ein Säugling nehme bereits die veränderte Atmosphäre wahr, wenn eine Person im näheren Umfeld stirbt. "Vor allem den Verlust der Mutter spüren sie sehr stark", sagt die Trauerbegleiterin. Wenn Kinder circa zwei Jahre alt sind, beginnt das, was Susanne Hövelmann "das magische Denken nennt": Sie glauben, Verstorbene können zurückkommen. In diesem Alter fragen die meisten Kinder zum ersten Mal nach dem Tod. Hatten sie noch keinen Kontakt mit einem Todesfall, können Eltern "damit anfangen, dass Tiere sterben", rät die Expertin. Dazu eignen sich Bilderbücher, von denen es inzwischen eine große Auswahl gibt.

Ehrlichkeit steht an erster Stelle

Haben Kinder den Tod jedoch erlebt, "verstehen sie sehr schnell, dass ein Mensch gestorben ist", sagt Susanne Hövelmann. Sie begreifen auch, dass die Person nicht zurückkommen kann, haben aber Mühe, den Grund für den Tod nachzuvollziehen. Manche Kinder glauben, dass sie dafür verantwortlich sein könnten, "weil sie zum Beispiel denken, dass sie nicht lieb genug zu den Großeltern waren", erklärt die Erzieherin. Für Eltern sei es daher wichtig, dem Kind klarzumachen, dass es keinerlei Schuld trifft. Ab einem Alter von ungefähr sieben Jahren verstehen Kinder den Tod immer besser, wollen ihn aber oftmals nicht akzeptieren oder sehen ihn noch immer als vorübergehenden Zustand an.

Mutter tröstet weinenden Sohn
Eltern sollten dem Kind erklären, dass tote Menschen nicht zurückkehren. Aber auch tröstende Worte und positive Bilder vom Jenseits sollten einen Platz im Gespräch haben.
© Panthermedia / Imago Images

Ab zehn Jahren begreifen Kinder die Endlichkeit, die mit dem Lebensende einhergeht und wissen, dass der Tod alle Lebewesen treffen kann. Damit umzugehen, falle ihnen aber oft schwer. Unabhängig vom Alter sollte im Gespräch mit dem Kind Ehrlichkeit immer an erster Stelle stehen. Mütter und Väter sollten ihrem Nachwuchs ganz direkt – in alters- und kindgerechter Sprache – erklären, was der Tod bedeutet: dass der Verstorbene nicht zurückkehrt. Die Eltern sollten Sicherheit und Geborgenheit vermitteln, signalisieren, dass das Kind mit ihnen über alles sprechen kann. "Und die Kinder in ihren Gefühlen ernst nehmen", betont die 57-Jährige.

Wollen sie zum Beispiel wissen, wo die Verstorbenen hingehen, könne man zunächst die Kinder fragen, was sie darüber denken. "Wenn es positive Vorstellungen sind, sollte man sie dem Kind lassen und keinesfalls die eigenen Ansichten überstülpen", sagt Susanne Hövelmann. "Wir Erwachsene wissen schließlich auch nicht, was nach dem Tod kommt." Sie erinnert sich an einen Jungen aus ihrer Trauergruppe, dessen verstorbener Vater Schalke-Fan war. "Papa hat jetzt tausend Fußballfelder", lautete seine Idee vom Jenseits. "So wird es sein. Du kanntest den Papa am besten", antwortete die Sozialpädagogin.

"Dass Kinder nichts mitbekommen, ist ein Trugschluss"

Floskeln wie "der Tote schläft" oder "Papa macht Urlaub", mit denen einige Eltern dem Thema auszuweichen versuchen, "gehen gar nicht", betont die Trauerbegleiterin. Denn Kinder denken bildlich und nehmen diese Aussagen wörtlich. Sie glauben dann, dass der Vater sie nicht mehr liebhabe, weil er nicht von der "Reise" zurückkommt. Oder sie entwickeln Einschlafprobleme, weil sie fürchten, im Schlaf selbst zu sterben. Der größte Fehler sei es, den Tod zu ignorieren und gar nicht darüber zu sprechen. Manche Eltern glauben, dass Kinder einen Todesfall im Umfeld nicht bemerken. "Das ist ein Trugschluss, denn Kinder bekommen mehr mit, als man denkt", erklärt die Dortmunderin. "Aber aus Rücksicht auf die Eltern sagen sie nichts."

Man solle die Kinder einbeziehen, auch in die eigene Trauer. Kinder spüren die Gefühle, auch wenn Erwachsene versuchen, sie zu verbergen, sagt Susanne Hövelmann. Die Eltern sollten ihre Trauer offen zeigen und den Grund für die Emotionen erklären. Zudem sollten sie dem Kind beibringen, dass jeder Mensch anders trauert und jede Art von Trauerreaktion in Ordnung ist. Wenn es sich um einen Todesfall handelt, der auch das Kind betrifft, sollten Eltern den Nachwuchs genau beobachten. Denn oft erwecke es den Anschein, dass Kinder kaum trauern. "Sie zeigen es aber oft nicht, weil sie Angst um die Erwachsenen haben", erläutert die Expertin. Wenn Kinder sich plötzlich zurückziehen, sollten die Eltern sie behutsam darauf ansprechen.

Spielen ist für Kinder eine Pause von der Trauer

Denn Erwachsene können für sich selbst sorgen und bei Bedarf Hilfe in Anspruch nehmen. Kinder hingegen sind auf die Eltern angewiesen. "Kinder sind besser in der Lage, sich der Trauer zu öffnen, können aber genauso gut eine Pause einlegen", so die 57-Jährige. Um von der Trauer abzuschalten, vertiefen sich Kinder meist ins Spielen. In dem Punkt könnten Erwachsene von den Kindern lernen, findet die Erzieherin. Bei einer bevorstehenden Beerdigung sollte man dem Kind erklären, was genau dort passieren wird und fragen, ob es mitkommen möchte. Wenn das Kind bejaht, sei es ratsam, "Jemanden dabeizuhaben, der dem Verstorbenen nicht so nahestand, dass er sich notfalls mit dem Kind von der Beerdigung entfernen kann". Wenn das Kind aber verneint, sollte man es auf keinen Fall mitnehmen.

Ein Mann geht mit zwei Kindern an der Hand über den Friedhof
Manche Eltern machen mit ihren Kindern große Bögen um den Friedhof. "Einige erzählen den Kindern sogar, dass es dort Zombies gibt", berichtet Susanne Hövelmann. Mit solchen Aussagen passiert genau das, was Eltern vermeiden wollen: Die Kinder bekommen Angst.
© Arnulf Hettrich / Imago Images

Um den Nachwuchs bei der Verarbeitung der Trauer zu unterstützen, können Rituale helfen. "Einen Brief schreiben, einen Ballon steigen lassen, Teelichter anzünden", zählt die Sozialpädagogin auf. Und – besonders wichtig – "über die Gefühle und die Trauer reden". In unserer Gesellschaft sind dies nach wie vor Themen, die eher ignoriert werden. "Wir müssen daran arbeiten, das endlich zu überwinden", betont die Expertin. Das fange bei Kindern an: "Für Kinder gibt es keine Tabus, das bekommen sie erst durch die Erwachsenen mit." 

Kinder spüren das Unbehagen und die Furcht ihrer Eltern, wenn es um den Tod geht – und übernehmen diese ängstliche Einstellung, wenn man nicht mit ihnen darüber spricht. Dabei könnte das Interesse der Kinder sogar ein Denkanstoß für Erwachsene sein. "Eltern sollten die Neugier des Kindes als Anlass nehmen, die eigene Einstellung zum Tod zu überdenken."

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