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Interview

Umstrittene Lehre: "Menschen mögen Magie": Ein Kinderarzt erklärt, warum Eltern auf Homöopathie vertrauen

Homöopathische Mittel sind bei Eltern beliebt, obwohl in vielen von ihnen kein Wirkstoff zu finden ist. Woran liegt das? Ein Gespräch mit dem Kinderarzt Stefan Renz.

Homöopathie: Eine Frau gibt einem Jungen ein homöopathisches Mittel

Die bekannteste Form der homöopathischen Präparate sind Globuli

Getty Images

Herr Doktor Renz, wie oft fragen Eltern in Ihrer Kinderarztpraxis nach Homöopathie?

Das kommt mehrmals pro Woche vor, gerade bei leichteren Beschwerden.

Zum Beispiel?

Wenn das Baby zahnt und schlecht schläft. Bei Kindergartenkindern wird nach Arnica gefragt, gegen Kratzer und blaue Flecken vom Spielplatz. In der Winterzeit erkundigen sich Eltern, ob man das Immunsystem stärken könne. Wenn das Kind Antibiotika bekommen hat, wollen sie wissen, ob sich die Darmflora – das sogenannte Mikrobiom – mit Globuli wieder aufbauen lässt.

Was antworten Sie da?

Wir verstehen das Mikrobiom erst in Ansätzen, aber es ist sicher komplexer, als dass man es durch ein paar Kügelchen wieder hochpäppeln könnte. Beim Immunsystem ist ohnehin für praktisch kein Präparat – ob homöopathisch oder nicht – eindeutig belegt, dass man seine Abwehrkräfte damit stärken könnte. Viel Bewegung an der Luft und gesunde Ernährung bewirken bei Kindern sicher mehr.

Verschreiben Sie selbst homöopathische Mittel?

Nein, und wir empfehlen sie in unserer Praxis auch nicht, weil wir auf wirksamere Behandlungen setzen. Aber jeder kann sich ja Globuli in der Apotheke kaufen, wenn er mag. Es kommt bei mir auch sonst manchmal vor, dass Eltern die Praxis ohne Rezept verlassen. Ich versuche dann zu erklären, dass ihr Kind zum Glück etwas Harmloses hat, das aller Erfahrung nach von selbst wieder verschwindet.

Wird da nicht nachgehakt, ob man nicht doch irgendwas tun könnte?

Manchmal. Wir sind heute bei unserer Gesundheit ähnlich anspruchsvoll wie beim Shoppen. Ein Kollege von mir hat das mal "Zalandisierung" des Gesundheitssystems genannt: Ich möchte jetzt sofort ein Paar neue Schuhe und kann auf keinen Fall warten, bis die Geschäfte wieder aufmachen. Und bei einem Husten suchen die Leute auch nach einer schnellen Lösung, damit der nicht drei Tage dauert, sondern nur einen.

Was versprechen sich Eltern speziell von Homöopathie?

Da muss man unterscheiden zwischen den Mitteln an sich und dem Gesamtpaket: Wenn jemand gezielt zum Homöopathen geht und der sich mehr als eine Stunde Zeit nimmt für ein Erstanamnesegespräch, ist das eine Zuwendung, die Sie woanders als Kassenpatient nicht so leicht bekommen. Erklärt der Arzt dann auch noch: Das kriegen wir wieder hin, ich habe genau die richtigen Globuli für Sie, fühlt man sich doppelt gut aufgehoben. Schon diese Zuversicht stärkt die Selbstheilungskräfte enorm – ein Placeboeffekt im weitesten Sinne.

Und was suchen die Leute, die nur mal schnell Kügelchen in der Apotheke kaufen?

Sanfte Medizin, schnelle Hilfe, aber ohne Nebenwirkungen. Viele fühlen sich durch Beipackzettel verunsichert, auf denen Dutzende unerwünschter Wirkungen gelistet sind …

… von denen ein Großteil aber nur einen von hunderttausend betrifft.

Prozentzahlen und Wahrscheinlichkeiten sind vielen kaum verständlich zu machen. Wenn ich Leute frage: Würden Sie in ein Flugzeug steigen, das mit 99,9-prozentiger Wahrscheinlichkeit sicher am Ziel ankommt?, sagen die meisten: klar. Wenn ich vorrechne, dass das allein am Flughafen Frankfurt mit täglich mehr als 1000 Starts und Landungen einen Crash pro Tag mit ein paar Hundert Toten bedeuten würde, will plötzlich niemand mehr einsteigen.

Manche Eltern haben immer eine Taschenapotheke voller Globuli dabei. Hat das mit unserem menschlichen Bedürfnis zu tun, selbst handeln zu können?

Es fühlt sich vielleicht besser an, mit Medikamenten gegen alle Eventualitäten gerüstet zu sein, als am Bett des kranken Kindes zu sitzen und es "nur" zu pflegen. Aber ein Kind erziehen Sie mit dieser Haltung von klein auf dazu, dass es glaubt, bei jeder Krankheit oder Stresssituation müsse man sofort etwas einwerfen – und das Problem verschwindet. Ich finde jeden unkritischen Umgang mit Arzneimitteln problematisch, ob das nun Antibiotika sind oder Homöopathika.

Gerade Menschen mit höherer Schulbildung fühlen sich Umfragen zufolge von Homöopathie angezogen. Also von einer Methode aus dem 18. Jahrhundert mit Mitteln, in denen oft kein Wirkstoff mehr nachweisbar ist und deren postuliertes Wirkprinzip – je höher verdünnt, desto wirksamer – praktisch allen Prinzipien von Medizin und Pharmakologie widerspricht. Wie erklären Sie sich das?

Es ist offenbar attraktiv, zu mutmaßen, es gebe mehr zwischen Himmel und Erde, als wir zu überblicken vermögen. Menschen mögen Magie, nicht nur Kinder lesen Tolkien oder begeistern sich für Harry Potter und verrückte Fabelwesen. Und auch Homöopathie hat definitiv etwas Magisches, wenn zum Beispiel behauptet wird, Wassermoleküle würden sich an Substanzen erinnern, mit denen sie mal in Berührung gekommen sind. Ich bin im Alltag sehr froh, dass die Idee inzwischen wissenschaftlich widerlegt wurde und Wasser keine Erinnerung daran hat, dass es mal in meiner Kloschüssel stand.

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