AKW-Krebsstudie "Grenzwerte auf den Prüfstand!"


Je näher kleine Kinder an einem Atomkraftwerk leben, desto gefährdeter sind sie, an Krebs zu erkranken. Das zeigt eine Studie im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz. AKW-Gegner fordern einen schnellen Atomausstieg. Experten sind sich aber uneins, ob tatsächlich radioaktive Strahlung das Risiko erhöht.
Von Claudia Wüstenhagen

Das Ergebnis der Studie ist eindeutig: Kinder im Alter von bis zu fünf Jahren, die in der Nähe eines Kernkraftwerks wohnen, erkranken deutlich häufiger an Krebs beziehungsweise Leukämie (Blutkrebs) als ihre Altersgenossen in anderen Regionen. Zu diesem Ergebnis kommen die Experten des Deutschen Kinderkrebsregisters, die fast 1600 an Krebs erkrankte Jungen und Mädchen sowie 4700 nicht erkrankte Kinder in ihre Untersuchung einbezogen haben. Der Zusammenhang sei statistisch signifikant, heißt es in der Studie, die am 10. Dezember vorgestellt wurde. Im Fünf-Kilometer-Umkreis fanden die Wissenschaftler mehr als doppelt so viele Fälle von Leukämie als im statistischen Durchschnitt zu erwarten gewesen wären. Angesichts dieser eindeutigen Zahlen fühlen sich viele Kernkraftgegner bestätigt. Greenpeace betont: "Niemand kann Entwarnung geben zu den Risiken von Atomkraftwerken." Grünen-Chef Reinhard Bütikofer fordert, dass die Atomkraftwerke jetzt noch schneller abgeschaltet werden müssten. Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) weist auf die öffentliche Gefahr der Meiler hin und fordert, sie schneller als geplant vom Netz zu nehmen.

In einem Punkt ist die Studie allerdings unbefriedigend: Weniger eindeutig als das Ergebnis ist nämlich die Ursache, die dahintersteht. Die Studie sagt nichts darüber aus, welche biologischen Risikofaktoren die Beziehung erklären. Einen kausalen Zusammenhang zwischen radioaktiver Strahlung und erhöhter Krebsgefahr sehen die Autoren keineswegs als erwiesen an. Aufgrund des aktuellen strahlenbiologischen Wissens, so heißt es, könne die von deutschen Kernkraftwerken im Normalbetrieb ausgehende Strahlung grundsätzlich nicht als Ursache interpretiert werden. Ob Störfaktoren, Selektion oder der Zufall eine Rolle spielen, könne ebenfalls nicht abschließend geklärt werden.

"Wer jetzt noch von Zufall spricht, macht sich lächerlich"

Den Zufall will Reinhold Thiel nicht als Erklärung gelten lassen. "Wer jetzt noch von Zufall spricht, macht sich lächerlich", sagt der Sprecher der Ulmer Ärzteinitiative, einer Regionalgruppe der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW. Er verweist auf frühere Untersuchungen, die diesen Zusammenhang ebenfalls aufgezeigt hätten, allerdings durch ihr Studiendesign "verdünnt" gewesen seien. Nicht überrascht haben die brisanten Funde auch den Physiker Alfred Körblein, einen ehemaligen Mitarbeiter am Umweltinstitut München, der schon vor Jahren Mängel an Vorgängerstudien aufgedeckt und beim BfS für eine neue Untersuchung mit besseren Methoden geworben hatte.

Seiner Ansicht nach ist die aktuelle Studie viel aussagekräftiger als die vorherigen. Nicht nur, weil der Untersuchungszeitraum von 1980 bis 2003 relativ groß ist, sondern vor allem, weil die Studie den individuellen Abstand zwischen Wohnort und Atomkraftwerk einbezogen hat. "Man kann jetzt genau sagen, dass das Risiko mit dem Abstand abnimmt. Das ist eine vollkommen neue Information", sagt Körblein. Entscheidend sei, dass die Studie das Atomkraftwerk als "Punktquelle" identifiziere: "Vorher konnte man nur sehen, dass sich das Risiko im Nahbereich erhöht. Jetzt wissen wir, dass es eine Entfernungsabhängigkeit gibt und dass das Kernkraftwerk die Punktquelle ist, von der die Wirkung ausgeht", sagt er.

"Die Grenzwerte müssen auf den Prüfstand"

Für den Sprecher der Ulmer Ärzteinitiative, Reinhold Thiel, ist klar: "Jetzt müssen die Grenzwerte auf den Prüfstand kommen und deutlich gesenkt werden." Ohnehin seien solche Grenzwerte willkürlich gewählt. Ob sie tatsächlich reduziert werden, ist jedoch ungewiss angesichts der Zweifel, die über die wahre Ursache des erhöhten Krebsrisikos bestehen. Um dieses tatsächlich erklären zu können, müsste die Strahlenbelastung durch Atommeiler eigentlich mindestens um das Tausendfache höher sein. Daher lässt Bundesumweltminister Sigmar Gabriel die Studie nun zunächst durch die Strahlenschutzkommission prüfen, bevor er über mögliche Konsequenzen entscheidet.

"Wir sind überzeugt davon, dass das mit Strahlung nichts zu tun hat", kommentiert Herwig Paretzke den Befund der Studie. Er ist Direktor des Instituts für Strahlenschutz, das zur Gesellschaft für Strahlenforschung (GSF) in München gehört. Verwundert hat ihn das Ergebnis nicht. Immerhin sei bekannt, dass in der Nähe solch großer technischer Anlagen im ländlichen Raum manchmal Cluster von Kinderleukämie auftreten würden. "Das hat aber nichts mit der Kerntechnik an sich zu tun", sagt er. "Bei anderen technischen Anlagen wie etwa Kohlekraftwerken oder Autofabriken kann ein solcher Befund ebenfalls eintreten." Studien hätten dies bereits gezeigt.

Mischung von Bevölkerungsgruppen als mögliche Ursache?

Was aber ist der Grund für die Häufung von Krebsfällen, wenn es nicht die Strahlenbelastung ist? Dazu gebe es mehrere Arbeitshypothesen, sagt Paretzke. Eine davon ist die "Population-Mix"-Hypothese. Sie beschäftigt sich mit der Mischung verschiedener Bevölkerungsgruppen und basiert auf der Annahme, dass neue Kernkraftwerke oder Fabriken zusätzliche Arbeitsplätze schaffen und neue Bewohner in eine Gegend locken. "Diejenigen, die neu hinzuziehen, bringen einen ganz anderen gesundheitlichen Untergrund mit und ziehen in eine neue virale Umgebung. Das bedeutet, sie haben einen anderen Immunstatus, und sie tragen andere endogene Viren in sich als die alteingesessene Bevölkerung", erklärt Paretzke. Wenn sich diese Bevölkerungsgruppen mischen, könnten beide Seiten auf Viren treffen, mit denen ihr Immunsystem möglicherweise überfordert sei. "Vor allem für die Kinder der Arbeiter, die aus der Stadt ziehen, kann das Folgen haben", sagt Paretzke. Wer in der Stadt aufwachse, sei grundsätzlich an eine sterilere Umgebung gewöhnt und womöglich mit den lokalen Viren in der fremden Umgebung überfordert. Von Bedeutung ist dieser Aspekt deshalb, da gerade Leukämie möglicherweise auf virale Infektionen zurückzuführen sei. Mit anderen Worten: Die Mischung der Bevölkerungsgruppen und ihrer Viren könnte die Häufung von Leukämiefällen in der Nähe großer Anlagen klären.

Alfred Körblein hält diesen Erklärungsansatz nicht für schlüssig. Die neue Studie zeige, dass das Risiko vor allem im engen Umgebungsbereich der Atommeiler sehr konzentriert sei. "Weil dieser Effekt so eindeutig das AKW als Punktquelle identifiziert, ist es unwahrscheinlich, dass der Zusammenhang mit einer Populationsmischung zu erklären ist. Die Arbeiter wohnen ja nicht alle im unmittelbaren Umgebungsbereich eines Werks", sagt Körblein.

Ohnehin wolle er die radioaktive Strahlung nicht als Faktor ausschließen, nur weil die heutigen Erkenntnisse diese Erklärung nicht plausibel erscheinen ließen. "Die Frage ist doch, wie gut ist unser bisheriger Kenntnisstand?" Beispielsweise sei noch nicht abschließend geklärt, wie radioaktive Strahlen innerhalb des menschlichen Körpers wirken würden. Internationale Experten sind sich da offenbar alles andere als einig. "Die Debatte ist längst nicht zu Ende", sagt Körblein.

Wie es scheint, steht – abgesehen von dem eindeutigen Zusammenhang zwischen AKW-Nähe und erhöhtem Krebsrisiko – nichts wirklich fest. "Wir sind noch lange nicht an dem Punkt, an dem wir sagen könnten, unser strahlenbiologisches Wissen ist gesichert", sagt Körblein.


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