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Anstieg der Infektionen: Wo das Hantavirus lauert

Wer sich ansteckt, leidet unter grippeähnlichen Symptomen: Zurzeit treten in Deutschland vermehrt Hantavirus-Infektionen auf. Woran Sie die Erkrankung erkennen und wie Sie sich schützen.

Von Lea Wolz

Bereits Anfang des Jahres warnte das Robert-Koch-Institut (RKI), dass in diesem Jahr besonders viele Infektionen mit dem Hantavirus in Deutschland auftreten. Besonders häufig stecken sich Menschen in den warmen und trockenen Sommermonaten mit dem Erreger an, der Fieber, Schmerzen und sogar Nierenversagen auslösen kann. stern.de erklärt, in welchen Bundesländern die Viren verbreitet sind, wie Sie eine Infektion erkennen und was Sie zum Schutz tun können.

Was sind Hantaviren?

Hantaviren gibt es auf der ganzen Welt. Ihr Name leitet sich vom koreanischen Grenzfluss Hantan ab. Während des Koreakrieges 1950 litten Tausende Soldaten unter einem schweren, mit Blutungen einhergehenden Fieber. Verantwortlich dafür waren Hantaviren. Infektionen mit diesen Erregern sind in Deutschland seit Mitte der 1980er Jahre bekannt. Seit 2001 besteht eine gesetzliche Meldepflicht.

Wie werden sie übertragen?

In der Regel über Nager wie Ratten oder Mäuse. Infizierte Tiere scheiden die Viren über Speichel, Urin und Kot aus. Wer damit in Kontakt kommt - zum Beispiel auch, indem verdreckter Staub aufgewirbelt und eingeatmet wird - steckt sich an. Auch ein Biss der Tiere kann das Virus übertragen. Laut RKI werden in Deutschland Hantaviren vor allem von Rötelmäusen, die zu den Wühlmäuse zählen, und Brandmäusen übertragen. Letztere sind an ihrem langen Schwanz zu erkennen, sie kommen in Wiesen, am Waldrand, aber auch im Garten vor. Eine Infektion von Mensch zu Mensch findet nicht statt.

Gibt es in diesem Jahr besonders viele Infektionen?

Im Durchschnitt werden in Deutschland jährlich etwa 500 Infektionen mit dem Hantavirus erfasst. Europaweit erhobene Statistiken würden allerdings zeigen, dass es alle zwei bis drei Jahre zu einem Anstieg kommt, schreiben das Friedrich-Löffler-Institut, das RKI und das Julius-Kühn-Institut in einer gemeinsamen Pressemitteilung. So registrierten die zuständigen Behörden in Deutschland in den Jahren 2007 und 2010 deutlich mehr Fälle als üblich. Und auch in diesem Jahr ist eine Zunahme der Infektionen zu beobachten: Bis Ende Mai sind einer RKI-Statistik zufolge bereits 965 Infektionen in Deutschland erfasst worden, die meisten davon in Baden-Württemberg und Bayern. "Das sind traditionell die Bundesländer, aus denen die meisten Infektionen gemeldet werden", sagt eine Sprecherin des RKI. Aber auch in Nordrhein-Westfalen, Hessen, Niedersachsen und Thüringen treten in diesem Jahr viele Infektionen auf. Das RKI rechnet in bestimmten Regionen damit, dass die Zahl noch weiter steigt.

Wie ist der Anstieg zu erklären?

"Ganz genau kann man das nicht sagen", so Jens Jacob vom Julius-Kühn-Institut. Allerdings gibt es in diesem Jahr besonders viele Rötelmäuse. Denn für die Nager waren die Bedingungen im vergangenen Herbst einfach gut. Buchen und Eichen hätten vor allem in Baden-Württemberg, Hessen, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Thüringen besonders viele Früchte getragen, heißt es aus dem RKI. Ein solches "Mastjahr" bedeutet wiederum viel Futter für Rötelmäuse. Zudem konnten die Forscher beobachten, dass sich die Nager über den Winter prächtig gehalten und sogar vermehrt haben. "Das ist sonst nicht der Fall", sagt Jacob. "Je mehr Mäuse es gibt, desto mehr Tiere können das Virus weitergeben und desto wahrscheinlicher ist es wiederum, dass sich mehr Menschen mit dem Hantavirus infizieren."

Woran erkenne ich eine Infektion?

Das hohe Fieber hält tagelang an, Kopf, Bauch und Rücken schmerzen. Diese grippeähnlichen Symptome weisen auf eine Infektion mit dem Hantavirus hin. Andere Infizierte werden von Schüttelfrost geplagt und haben mit Sehstörungen, Schwindel oder Übelkeit zu kämpfen. In Einzelfällen kann es zur gefährlichen Nierenfunktionsstörung bis hin zum Nierenversagen kommen, die Erkrankten müssen an die Dialyse angeschlossen werden. Ein Warnzeichen dafür ist es, wenn der Gang zur Toilette zur Qual wird, und das Wasserlassen schwerfällt. "Vielfach verläuft die Infektion aber auch nur mit leichten Symptomen", so eine Sprecherin des RKI. Denn in Deutschland verbreitet sich vor allem ein Hantavirustyp, der für milde Verläufe der Erkrankung sorgt. In Amerika kursieren deutlich gefährlichere Varianten, die mit Blutungen einhergehen und die Lunge angreifen. Doch auf die leichte Schulter nehmen sollte auch hierzulande die Erkrankung niemand. "Im Zweifel ist es immer besser, den Arzt aufzusuchen", sagt die RKI-Sprecherin.

In welchen Gebieten ist das Risiko besonders hoch?

Bekannte Risikogebiete sind die etwa die Schwäbische Alb, der Bayerische Wald, der Raum Osnabrück und das Münsterland. "Warum manche Gebiete von Infektionen betroffen sind und andere nicht, können wir noch nicht genau erklären", so Jacob vom Julius-Kühn-Institut. Bekannt ist allerdings, dass die meisten Infektionen mit Hantaviren von Mai bis September auftreten.

Wie kann ich mich schützen?

Gegen Hantaviren gibt es keine Impfung und keine speziell gegen den Erreger gerichtete Therapie. Der beste Schutz ist es daher, den Kontakt mit möglicherweise verseuchten Nagern und deren Ausscheidungen zu vermeiden. Wer in den bekannten Risikogebieten Keller, Dachboden oder Schuppen aufräumt und dabei Mäusekadaver oder Exkremente beseitigt, sollte gut lüften, Handschuhe und sogar Atemschutz tragen. Wer zeltet oder einen Waldspaziergang macht, sollte ebenfalls darauf achten, nicht mit Mäusedreck in Berührung zu kommen. Ausführliche Hinweise, wie Sie eine Infektion vermeiden können, finden Sie hier. Um besser vorhersagen zu können, ob in einem Jahr mit einem Anstieg der Mäusepopulation und damit auch mit einer Zunahme der Hantavirusinfektionen zu rechnen ist, wollen die Forscher am Julius-Kühn-Institut ein Frühwarnsystem aufbauen. "Unser Interesse ist es zu verstehen, durch was das Auf und Ab der Nagetierpopulation gesteuert wird", erklärt Jacob. Neben den Mastjahren würden dabei wohl auch klimatischen Faktoren eine Rolle spielen. "Werden alle diese Indikatoren zusammengebracht, könnten Behörden und Hausärzte einige Monate im Voraus informiert werden", hofft der Wissenschaftler.

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