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Interview

Debatte ums Impfen: Keine Lust mehr auf "Aluhut-Fraktion": Warum dieser Arzt Impfgegner aus seiner Praxis wirft

Ein niedersächsischer Arzt wirft Impfgegner aus seiner Praxis und nennt sie gegenüber einer Tageszeitung "asoziale Trittbrettfahrer". Was ist vorgefallen? Ein Anruf in Ostfriesland.

Christoph Seebert

Allgemeinmediziner Christoph Seeber: "Ich will kein Impfpolizist sein"

Christoph Seeber ist Allgemeinmediziner mit eigener Praxis in Leer, Ostfriesland, einem beschaulichen Ort mit knapp 35.000 Einwohnern. Seit Tagen ist Seeber in der Presse - als der Allgemeinmediziner, der keine Impfgegner in seiner Praxis duldet. Ein Gespräch mit einem Arzt, der keine Lust mehr auf Diskussionen hat.

"Arzt erteilt Impfgegnern Hausverbot in seiner Praxis" - diese und ähnliche Schlagzeilen machen aktuell im Netz die Runde. Herr Dr. Seeber, was ist passiert?

Vor ein paar Monaten kam eine Mutter mit ihrem Kind in meine Praxis. Sie war zuvor beim Kinderarzt, der nachgewiesen hatte, dass ihr Kind eine Keuchhusten-Infektion hat. Das Kind war damit mutmaßlich hochansteckend. Zu zweit setzten sie sich ins Wartezimmer zu meinen anderen Patienten. Als sie an der Reihe waren, bat mich die Mutter um ein präventives Antibiotikum, sodass sie sich nicht ansteckt. Die Frau war eine erklärte Impfgegnerin, daher auch die Infektion des Kindes. Da bin ich etwas böse geworden, weil sie billigend in Kauf genommen hat, dass sie auch andere Patienten ansteckt – gerade auch jüngere und Säuglinge, die vielleicht noch keinen kompletten Impfschutz haben.

Der erste Vorfall dieser Art?

Nein, kürzlich habe ich eine Mutter aus meiner Praxis geschickt, die mir im Gespräch erzählte, dass sie ihr Kind gewiss nicht impfen würde. Das geht nicht.

Impfmythen im Check: Machen Impfstoffe krank? Und wie sicher sind die Präparate?

Was macht Sie so wütend? Immerhin lassen die Patienten Geld in Ihrer Praxis.

Die Selbstverständlichkeit, mit der diese Menschen bereit sind, die Gesundheit anderer zu gefährden und Infektionen sich ausbreiten zu lassen. Das verletzt meiner Meinung nach das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Diese Grundhaltung finde ich asozial.

Was macht Impfgegner in Ihren Augen so gefährlich?

Wenn 95 Prozent aller Menschen geimpft sind, dann besteht ein sogenannter Herdenschutz. Das bedeutet, dass in der Gemeinschaft nur so wenige Menschen grundsätzlich ansteckungsfähig sind, dass Krankheitserreger sich nicht verbreiten können. Für jeden ungeimpften oder nicht-geschützten Menschen gibt es genug Menschen, die ihn "abschirmen", da sie den Erreger nicht verbreiten können. Dieser Herdenschutz greift aber ab einer Durchimpfungsrate von unter 95 Prozent nicht mehr. Um noch einmal auf die vorherige Frage zurückzukommen: Einerseits ärgert mich an Impfgegnern, dass sie sich ihren Spleen nur leisten können, weil sie sich wie selbstverständlich auf den Herdenschutz der Gruppe verlassen. Und dass sie andererseits in Kauf nehmen, dass andere Menschen krank werden - oder sterben. Im Fall von Masern liegt die Wahrscheinlichkeit, dass man stirbt, bei 1 zu 1000.

Sie sind Allgemeinmediziner mit eigener Praxis. Haben Sie in den vergangenen Jahren ein Umdenken bei Ihren Patienten festgestellt? Sind sie impfmüde geworden?

Das eine ist die Wahrnehmung, das andere sind Zahlen: Wir wissen, dass die Impfbereitschaft in Deutschland durchaus sinkt. Ich habe die Praxis nun seit 18 Jahren und habe mir in dieser Zeit einen festen Patientenstamm aufgebaut. Ich bin sicher kein Arzt, der einen typischen Impfgegner anspricht - eine gewisse Selektion hat es da vorab also schon gegeben. Insofern sehe ich in meiner Praxis keine Zunahme der Fälle. Aber klar, wenn Menschen neu nach Leer ziehen und zum ersten Mal zu mir kommen, dann sind da manchmal auch Impfgegner dabei. 

Was machen Sie dann?

Ich will kein Impfpolizist sein und Leute verweisen. Sondern mir ist wichtig, dass Menschen sich impfen lassen. Das heißt, zunächst suche ich ein Gespräch und berate den Patienten. Aber wenn ich merke, dass alle Fakten nichts nutzen, dann besteht offensichtlich kein Vertrauen in mich als Arzt. Dann hat die ganze Arzt-Patient-Beziehung keine Zukunft.

Das bedeutet: Der Patient, die Patientin müsste sich einen neuen Hausarzt suchen?

Ja. Ich rede nicht gerne gegen eine Wand. Manche Menschen lassen sich schlicht nicht beeinflussen oder belehren – auch nicht mit professionellen Ratschlägen.

Was ist, wenn das Kind einer Impfgegnerin oder eines Impfgegners erkrankt - diese Fälle behandeln Sie aber nach wie vor noch?

Erstmal bin ich Arzt. Meine Aufgabe ist, Menschen beizustehen und ihnen zu helfen. Selbstverständlich stehe ich auch bei Masern und anderen Dingen zur Verfügung. Aber wenn ich feststelle, dass auch nach einer durchgemachten Maserninfektion keine Diskussion in Richtung Impfung möglich ist, dann werde ich sagen: Das nächste Mal wenn du krank bist, gehst du bitte woanders hin.

Was glauben Sie: Wo liegen die Gründe für die Impfskepsis?

Ich kann diese Skepsis überhaupt nicht nachvollziehen und wundere mich sehr. Es sind sicher diffuse Ängste. Es gibt zum Beispiel die These, Impfungen würden Autismus fördern, was nachweislich falsch ist. Oder dass Impfungen nur der Pharmaindustrie nutzen würden. Wir Ärzte verdienen an einer Impfung zwischen sieben und zehn Euro, wenn sie kassenärztlich ausgeführt wird. Damit wird man nicht reich.

Welche Rolle spielt verloren gegangenes Vertrauen?

Das ist sicher auch ein großes Problem. Viele Patienten kommen mit einer Google-Diagnose zum Arzt oder googeln nach dem Arzttermin, ob sie die Therapie oder Behandlung auch wirklich beginnen sollten. Es gibt mehr Skepsis, die durch dumme Quellen in Foren oder sozialen Netzwerken befeuert wird. Und wir haben viele schlimme Ereignisse wie die großen Kinderlähmungswellen in den Fünfzigerjahren nicht mehr so präsent wie früher. Diese Fälle liegen selbst vor meiner Geburt. Dennoch habe ich in meiner Praxis noch ältere Patienten mit Polio-Folgen.

Wie Sie dem Weser-Kurier berichteten, haben Sie zu Polio eine persönliche Vorgeschichte, die Sie impfkritischen Patienten erzählen.

Als Medizinstudent wollte ich meinen Lohn aufbessern und habe parallel in der Pflege gearbeitet. Im Universitätsklinikum Erlangen habe ich mich um Patienten gekümmert, darunter auch um einen Mann, der sich im Ägyptenurlaub mit Polio infiziert hatte. Er war nicht geimpft und steckte sich über verunreinigten Salat an. Der Manager aus Fürth konnte noch atmen und schlucken, viel mehr nicht. Mit Mitte 40. Das hat mich tief beeindruckt. Das darf keinem passieren.

Fordern Sie eine Impfpflicht?

Ja, ich sehe da die Politik in der Pflicht. Die sollte ihre Hausaufgaben machen.

Mit Ihrer Meinung ecken Sie sicher an. Welche Rückmeldungen haben Sie bislang bekommen?

Überwiegend positive, vor allem von Kollegen und Kolleginnen, die sich freuen, dass mal einer den Mund aufmacht. Der Tenor: "Schön, dass Sie darüber sprechen, Herr Kollege. Das hätte ich mich nicht getraut." Sicher machen auch ein paar Impfgegner Welle. Gerade eben habe ich wieder zwei Ein-Punkt-Bewertungen bei Google bekommen.

Einige Nutzer werfen Ihnen vor, Impfgegner zu diffamieren.

Es liegt mir fern, irgendjemanden zu diffamieren. Aber es ist mir wichtig, an die Leute ranzukommen und ich befürchte, dass das über sachliche Auseinandersetzungen oft nicht mehr möglich ist. Ich will Aufmerksamkeit für das Thema erzeugen und mich ganz klar pro Impfung positionieren. Ich habe einfach keine Lust mehr, darüber zu diskutieren. Jedenfalls nicht mit dieser Aluhut-Fraktion.

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