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Barmer-GEK-Studie: Deutsche gehen immer häufiger zum Arzt

Jeder gesetzlich Versicherte war 2008 im Schnitt 18,1 mal beim Arzt und damit häufiger als in den Jahren zuvor. Für die Mediziner bedeutete dies Behandlung im Acht-Minuten-Takt. Die Krankenkasse Barmer GEK stellt angesichts dieser Zahlen die Wirkung der Praxisgebühr infrage.

Die Zahl der ärztlichen Behandlungen in Deutschland ist weiter gestiegen. Dies geht aus dem aktuellen Arztreport der Barmer GEK zur ambulanten Versorgung hervor, der am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Während jeder Versicherte im Jahr 2007 im Schnitt 17,7 Mal einen niedergelassenen Arzt aufsuchte, waren es ein Jahr später 18,1 Arztbesuche. Im Jahr 2004 wurden pro Versichertem hingegen nur 16,4 Arztbesuche registriert.

In anderen Industrienationen seien die Zahlen bei ähnlicher Behandlungsqualität und Ergebnissen viel geringer, heißt es in der Studie. Ein Teil der für 2008 hochgerechneten rund 1,5 Milliarden Arztbesuche bei den rund 140.000 niedergelassenen Medizinern lasse "auf Drehtüreffekte und Doppeluntersuchungen" schließen, erklärte der stellvertretende Vorsitzende der Barmer GEK, Rolf-Ulrich Schlenker. Mit durchschnittlich 224 Patientenkontakten pro Woche, 45 Patienten pro Werktag und ein Zeitkontingent von acht Minuten pro Patient sei die Behandlungsfrequenz deutscher Ärzte im internationalen Vergleich doppelt so hoch.

Barmer sieht Gesundheitssystem "in der Sackgasse"

Angesichts dieser Entwicklung ist laut Schenker die Wirkung der Praxisgebühr von zehn Euro im Quartal "fraglich". Auch die grundsätzlich sinnvolle hausarztzentrierte Versorgung stecke "in der Sackgasse", so der Kassenmanager. Bei diesem Modell verpflichten sich Patienten, zuerst zu ihrem Hausarzt zu gehen und sich von diesem zu Fachärzten überweisen zu lassen. Dadurch sollen unter anderem unnötige Doppeluntersuchungen vermieden werden.

Seit 2004 müssen die Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen pro Quartal für den ersten Besuch beim Arzt zehn Euro zahlen. Bei weiteren Arzt-Besuchen im Quartal fällt keine Praxisgebühr an, wenn eine Überweisung vorliegt. Mit der Gebühr sollten unter anderem Arztbesuche bei Bagatellen wie Schrammen und Facharzt-Besuche ohne vorherige Konsultation des Hausarztes eingedämmt und damit die Kassen entlastet werden. Mittlerweile nehmen die Kassen zwei Milliarden Euro pro Jahr aus der Praxisgebühr ein.

Um die Hausarztversorgung gezielter zu steuern, müssten Schenker zufolge künftig direkte Vereinbarungen zwischen Krankenkassen, Hausarztverbänden und Kassenärztlichen Vereinigungen möglich sein. Offen zeigte er sich auch für Vorschläge der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), durch eine bessere Kooperation zwischen niedergelassenen Ärzten, Krankenhäusern und Kassen die ärztliche Versorgung auf dem Land etwa durch tageweise Sprechstunden von Allgemein- und Fachärzten zu verbessern.

Der Barmer GEK Report schließt an die GEK Reports zur ambulant ärztlichen Versorgung an, die seit 2006 jährlich vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung (ISEG) in Hannover veröffentlicht werden. Basis sind die ambulanten Abrechnungsdaten von rund 1,7 Millionen Versicherten der ehemaligen GEK, die zum Jahresanfang mit der Barmer fusionierte.

AFP/Reuters / Reuters

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