Brustkrebs Feintuning für die Tumortherapie


Brustkrebs ist nicht gleich Brustkrebs: Das wird Ärzten immer klarer - und eröffnet Perspektiven für eine maßgeschneiderte Behandlung. Manchmal ist sogar der Verzicht auf klassische Chemotherapie die beste Lösung.
Von Astrid Viciano

Die Krankheit kam einfach zu früh. Hätte der Brustkrebs sieben Monate gewartet, dann hätte Sabine Dietzel ein ganz neues Medikament bekommen können. Einen Wirkstoff, der noch effektiver verhindert, dass der Tumor jemals wiederkehrt. Nach Operation, Chemotherapie und Bestrahlung vor nunmehr drei Jahren hielt sie es kaum aus, nichts weiter versuchen zu können.

"Ich hatte das Gefühl: Das muss ich jetzt anpacken, ich muss dringend noch etwas tun", erinnert sich heute die 62-Jährige aus Geesthacht bei Hamburg. Sie fragte ihre Frauenärztin und ihren Krebsarzt, las, telefonierte, fuhr zu verschiedenen Kliniken. Vergebens, kein Mediziner konnte und wollte ihr die teure Arznei Herceptin verordnen, die damals für Patientinnen wie Sabine Dietzel noch nicht amtlich zugelassen war.

Immer individueller, immer schonender

Später dann, als die Freigabe erfolgt war, galt das als Wendepunkt in der Brustkrebstherapie: "Es war eine Revolution. Endlich konnten wir Patientinnen gezielt behandeln", sagt Volkmar Müller, Leiter der onkologischen Tagesklinik an der Frauenklinik des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Denn bei der Tumorbekämpfung wollen Mediziner heute nicht mehr wie mit Kanonen auf Spatzen schießen - sie suchen nach der passenden Munition für jeden einzelnen Spatzen, fahnden nach den Schwachstellen verschiedenartiger Brustkrebszellen, sortieren sie in Untergruppen, unterscheiden zum Beispiel die aggressiven von den milderen Tumorformen.

Bei welchem Tumor braucht die Patientin wirklich eine Chemotherapie? Wann wirken Hormonblocker am zuverlässigsten? Wie hoch ist das Risiko dieser Frau, dass der Brustkrebs wiederkommt? Immer individueller, immer schonender, immer zielgerichteter soll die Brustkrebstherapie in Zukunft sein. Bei welchen Patientinnen eine der inzwischen üblichen Behandlungen besonders erfolgreich ist, fand der Pathologe Ronald Simon vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf heraus. Gemeinsam mit seinen Doktoranden Frederik Holst und Phillip Stahl hat sich der Forscher ein Gen angesehen, das den Bauplan für einen Hormonschalter der Krebszelle enthält.

Ein Stapel Baupläne im Zellinnern

Dabei entdeckten die Wissenschaftler, dass bei manchen Patientinnen ein ganzer Stapel dieser Baupläne im Zellinnern liegt. Bei ihnen gehen die Krebszellen nach einer Therapie mit dem Wirkstoff Tamoxifen rasch zugrunde. "Das passiert bei einem Fünftel der Kranken", sagt Simon. Euphorisch sprechen manche Kollegen von einem Riesensprung in der Brustkrebstherapie, andere werten es als weiteren Schritt auf dem Weg zur individuellen Behandlung.

"Lange haben wir im Trüben gefischt. Jetzt haben wir endlich etwas geangelt", kommentiert Michael Untch, Chefarzt der Frauenklinik und Leiter des Brustkrebszentrums am Helios-Klinikum Berlin-Buch, die Studie. In Zukunft könnten Mediziner vor Therapiebeginn besser testen, welche Behandlung bei einer Patientin besonders zu empfehlen ist.

Jede zehnte Frau erkrankt

Ärzte setzen große Hoffnung auf neue Strategien gegen die Krankheit. Ist doch Brustkrebs die häufigste Krebserkrankung der Frauen in Deutschland. Etwa 50.000 von ihnen erfahren hierzulande pro Jahr von ihrem Leiden, jede zehnte Frau erkrankt im Laufe ihres Lebens daran. Es trifft sie im Durchschnitt mit 65 Jahren, bei der erblichen Form sogar schon 20 Jahre früher.

Dank moderner Therapien überleben heute etwa zwei Drittel der Patientinnen den Brustkrebs. Meist bringen sie zunächst eine Operation hinter sich, bei der die Ärzte den Tumor und wenn nötig auch befallene Lymphknoten entfernen. Eine Chemotherapie, manchmal auch eine Bestrahlung sollen dann verhindern, dass der Krebs zurückkehrt. Denn bei einem Rückfall sinken die Überlebenschancen rapide. Die Patientinnen sterben im Durchschnitt nach 11 bis 24 Monaten, wenn Metastasen, also Absiedelungen des Tumors, in anderen Organen heranwachsen.

Breiter Angriff gegen den Krebs

Die Angst vor einem Rückfall lässt Britta Ralfs gar nicht erst aufkommen. Wenn die Sorgen zu groß werden, geht die Hamburgerin rasch in ihre Werkstatt. Sucht sich einen Topf, den sie mit Lavendel oder Efeublättern dekoriert, ein Windlicht, das sie mit Sand verziert, töpfert Mohnblumen oder Margariten. "Dann geht es mir gleich besser", sagt die 41-Jährige. Trübe Gedanken kann die lebenslustige Frau nicht gebrauchen. Fünf Jahre ist es her, dass sie beim Duschen einen Knoten in ihrer Brust entdeckte. Britta Ralfs' Tochter war gerade neun Monate alt, ihr Sohn drei Jahre. Schnell stand fest: Die Mediziner würden eine Brust amputieren müssen. "Ich war froh, den Tumor los zu sein", sagt die Patientin heute.

Ihre Ärzte begannen einen breiten Angriff gegen den Krebs. Sie verordneten ihr nach der Operation eine Chemotherapie und verschrieben ihr einen Hormonblocker. Die klassische Chemotherapie zerstört wahllos Körperzellen, die sich schnell teilen. Das können Krebszellen ebenso sein wie zum Beispiel Blutstammzellen im Knochenmark. Der Hormonblocker Tamoxifen hemmt einen in der Krebszelle schwimmenden Schalter. Der befiehlt der Zelle normalerweise, sich kräftig zu teilen, sobald das Hormon Östrogen bei ihm andockt. Gelangt dagegen zum Beispiel Tamoxifen in die Zelle, wird der Schalter taub für die Befehle des Hormons. Und der Tumor kann nicht mehr wachsen.

Neue Arzneien greifen gezielt an

Doch weder Chemotherapie noch Hormonblocker führen immer zum Erfolg. Auch wenn bis zu 80 Prozent der Frauen mit Brustkrebs zu viele Hormonschalter in ihren Tumorzellen tragen, profitieren manche mehr von Hormonblockern als andere. Was die einzelnen Patientinnen voneinander unterscheidet, beginnen Mediziner wie der Hamburger Pathologe Ronald Simon erst allmählich zu begreifen.

Doch geben sich Ärzte nicht damit zufrieden, bekannte Medikamente besonders effizient einzusetzen. Seit wenigen Jahren kommen neue Arzneien auf den Markt, die ganz gezielt Schwachstellen der Brustkrebszellen angreifen. Wunde Punkte, die von Tumor zu Tumor sehr unterschiedlich sein können. Bei der einen Patientin sitzt der entscheidende Schalter auf der Oberfläche der Krebszellen, bei einer anderen flottiert er - wie beim Östrogenschalter - im Innern der Zelle. So tragen 20 bis 30 Prozent der Brustkrebspatientinnen besonders viele Her-2-Schalter auf der Oberfläche ihrer Krebszellen. Sobald Her-2 aktiviert wird, beginnt die Zelle, sich zu teilen. Und ein Tumor wächst ungewöhnlich schnell heran.

Vor sieben Jahren wurde der synthetische Antikörper Herceptin in Deutschland zugelassen, zunächst nur für Patientinnen mit Metastasen. Seit dem Jahr 2006 auch für die Behandlung nach der erfolgreichen Entfernung des Tumors in der Brust, um Rückfälle zu vermeiden. Die Arme des Antikörpers umfassen den Her-2-Schalter und blockieren so das Wachstum der Zellen.

Endlich konnten die Mediziner Patientinnen mit dieser besonders aggressiven Tumorart eine neue Option anbieten, endlich Hoffnung wecken, die Erkrankung langfristig zu überstehen. "Die Prognose der Patientinnen verbesserte sich dramatisch", sagt der Hamburger Gynäkologe Müller. Bei Frauen, die viele Her-2-Schalter auf ihren Zellen tragen, erhöhten sich die Heilungschancen durch Herceptin um 50 Prozent.

"Viel merke ich nicht davon"

Darum war Sabine Dietzel vor drei Jahren so erpicht darauf, das Medikament zu bekommen. Auch ihr Tumor trug zahlreiche Her-2-Schalter auf seinen Zellen, gehörte also auch zu einer besonders gefährlichen Variante. Sie gab keine Ruhe. "Wenn Herceptin für mich nicht infrage kommt, dann wird es sicher bald eine neue Arznei geben, die mir helfen kann", dachte sie.

Vor wenigen Wochen bekam Sabine Dietzel im Brustzentrum des Helios-Klinikums in Berlin-Buch die erhoffte Chance: eine Dose voller orangefarbener Pillen. Sie nimmt nun an einer Studie mit einem neuen Medikament teil, schluckt seit dem 24. März täglich sechs Tabletten des Wirkstoffs Lapatinib. "Viel merke ich nicht davon", sagt sie.

Lapatinib greift nicht nur den Her-2-Schalter der Tumorzellen an, er blockiert sogar noch einen nahen Verwandten. Und er kann im Gegensatz zu Herceptin bis ins Gehirn vordringen und womöglich Hirnmetastasen verhindern. Im vergangenen Monat bekam die Therapie bei Metastasen in den USA grünes Licht, in Europa soll es in einem halben Jahr so weit sein. Allerdings müssen Studien wie die mit Sabine Dietzel noch prüfen, ob das Medikament auch bei Patientinnen nach erfolgreicher Tumoroperation einen Rückfall zu vermeiden hilft.

Schneller Blick ins Erbgut

Ein Jahr lang wird Sabine Dietzel das Medikament einnehmen. Die Therapie beruhigt sie zwar. "Sie zwingt mich aber auch, darüber nachzudenken, was wäre, wenn der Tumor zurückkäme", sagt sie. Wenn sie noch einmal therapiert werden müsste. Trösten wird sie, dass neue Medikamente sogar Patientinnen mit Metastasen ein Leben mit ihrer Krankheit ermöglichen sollen: Aus dem lebensbedrohlichen Leiden könnte eine chronische Krankheit werden. In einer aktuellen Studie etwa fanden Forscher vom Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York vier Gene, die bei der Bildung von Lungenmetastasen zusammenspielen.

Genanalysen können also helfen, den Eigenschaften der verschiedenen Tumorarten auf die Schliche zu kommen. Je nachdem, welche Gene in den Krebszellen auf Hochtouren arbeiten und welche ein Nickerchen machen, ergeben sich charakteristische Muster der Genaktivität. Und Patientinnen werden die zu ihrem Genmuster exakt passende Therapie erhalten. Schon heute bieten zwei Hersteller Gentests an. Der eine prüft 21, der andere 70 Gene auf ihre Aktivität.

Ob die Frauen eine Chemotherapie brauchen oder darauf verzichten dürfen, soll der schnelle Blick ins Erbgut verraten. "Wir können diese Tests bislang nicht empfehlen", dämpft jedoch Walter Jonat, Leiter der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe der Universität Kiel, die Erwartungen. Noch wüssten die Forscher nicht, ob die Einteilung in "gute" und "böse" Tumoren mit Hilfe der Genaktivitätsanalysen verlässlich ist. Die internationale Mindact-Studie etwa soll nun herausfinden, ob einer der beiden Tests tatsächlich hilft, die beste Auswahl für das Überleben zu treffen.

Schlüssel zur maßgeschneiderten Therapie

Dennoch sind sich die Experten weitgehend einig, dass hier die Zukunft der Brustkrebstherapie liegt: Die Suche nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der Genaktivität von Tumoren liefert den Schlüssel zur maßgeschneiderten Therapie. Einen Schritt in diese Richtung haben zum Beispiel Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums und der Universitätsklinik Heidelberg getan. Frederik Marmé und sein Kollege Meinhard Hahn erkannten, dass Tumoren mit einem bestimmten Aktivitätsmuster besonders gut auf eine gängige Kombination von Chemotherapeutika ansprechen.

In einer noch laufenden Studie testen sie darüber hinaus, wie zuverlässig Genaktivitätsprofile die Wirksamkeit von Medikamentenkombinationen vorhersagen können. "Bislang haben Patientinnen oft wertvolle Zeit mit für sie unwirksamen Chemotherapien verloren", sagt Marmé. "Wir hoffen, dass uns die Genaktivitäten in Zukunft bei der Auswahl der effektivsten Medikamente unterstützen können."

Vielleicht können die Genanalysen auch Sabine Dietzel mehr über ihren Tumor verraten. Vielleicht kann sie eines Tages auch von maßgeschneiderten Medikamenten profitieren. "Ich informiere mich ständig", sagt sie. Vor allem aber hofft sie, dass sie den Brustkrebs für immer überstanden hat.

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