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CHIROPRAKTIK: Reißen, bis die Schwarte kracht

An der Halswirbelsäule legen Chiropraktiker besonders gern Hand an. Doch Experten warnen: Schlaganfälle können die Folge sein.

Es begann mit einer Ohrfeige

Die Erfolgsgeschichte der Chiropraktik begann 1895 mit einer Ohrfeige. David Daniel Palmer, Kolonialwarenhändler und Heiler aus Iowa, so will es die Legende, befreite seinen Hauswirt mit einem Schlag ins Gesicht von dessen Taubheit - durch den Ruck sei ein blockierter, auf einen Nerv drückender Halswirbel gelockert worden. Die Watschen wirkt bis heute nach: Allein in Deutschland vertrauen Patienten jedes Jahr bei 40 Millionen Behandlungen ihre Wirbelknochen den Nachkommen Palmers an, um Krankheiten und Zipperlein von Akne bis Verstopfung loszuwerden.

Auch Anja Geldschläger hielt am 24. März 1997 solch einem Manualtherapeuten ihren Hals hin. Er sollte sie von ihrer Nackensteife erlösen. Der Mann, promovierter Physiotherapeut an einem Berliner Klinikum, griff zu, drehte ihren Kopf kraftvoll in beide Richtungen. »Es tat weh«, erinnert sich die Patientin. Ihr wurde schlecht, sie musste sich hinlegen.

Am nächsten Tag wüteten Kopfschmerz und Übelkeit. Ein erstes taubes Kribbeln kroch durch ihren Körper. In den Folgewochen nahmen die Qualen weiter zu. Die Berlinerin startete eine Odyssee durch Arztpraxen und Kliniken der Hauptstadt. Ohne Erfolg.

Schlaganfälle durch Chiropraktik

Am Abend des 13. April, 20 Tage nach dem chiropraktischen Eingriff, schleppte sich die damals 24-Jährige mit Brechreiz vom Bett ins Badezimmer. Zurück schaffte sie es nicht mehr allein. Ihre rechte Körperhälfte war gelähmt - das Gesicht, die Brust, der Bauch, das Bein. Ein Riss in der Halsarterie, verursacht durch den chirotherapeutischen Einsatz, so bestätigt später der gerichtlich bestellte Gutachter, habe zu dem Hirnstamminfarkt geführt.

Es ist nicht er einzige Missgriff dieser Art: Mittlerweile 50 Fälle hat Professor Andreas Hufnagel, stellvertretender Leiter der Neurologischen Universitätsklinik Essen, beobachtet, die nach seiner Ansicht den Zusammenhang zwischen Halseinrenken und Hirninfarkten belegen. Hufnagels Studien zufolge fallen jeden Werktag im Durchschnitt zwei Patienten einem Hirninfarkt zum Opfer, der von den Händen eines Chirotherapeuten oder Chiropraktikers ausgelöst wurde. Die Manipulation der Halswirbelsäule, so der Experte, sei prinzipiell lebensgefährlich.

Erfahrungen der Berliner Charité bestätigen diesen Befund. Nach mehreren Fällen im eigenen Haus startete Eva Schielke, Oberärztin an der Klinik für Neurologie, im vergangenen Jahr eine Umfrage an deutschen Unikliniken: 13 von ihnen meldeten insgesamt 40 Schlaganfälle, die ihrer Ansicht nach zweifellos von eingerissenen Halsarterien aufgrund einer chiropraktischen Behandlung herrührten. Ihren Patienten rät die Ärztin dringend davon ab, »sich an der Halswirbelsäule herumzurren zu lassen«.

Im schlimmsten Fall verstopft die Blutzufuhr zum Gehirn

Die Halswirbelsäulen-Manipulation ist die Königsdisziplin der Chiropraktiker. Die sieben Halswirbel gelten als mögliche Urheber weit verbreiteter Leiden, darun-ter Schlaflosigkeit und Schwindel, Tinnitus und Heuschnupfen, Tennisarm und Krupp-Husten. So greifen die Heilkünstler beherzt an die Schädel ihrer Patienten, um angeblich verschobene Halswirbel in Position zu bringen. Sie zerren an Köpfen, verdrehen Hälse, mal sanft, mal bis zur Schmerzgrenze, mal darüber hinaus. Vor allem wenn sie ruckartig agieren, halten Kritiker das für höchst bedenklich. Denn mit jedem Impuls wachse die Gefahr, dass eine der vier Arterien im Hals, die das Gehirn mit Blut versorgen, einreißt. Dann dringt Blut in die dreischichtige Arterienwand und gerinnt. Ein wandernder Blutpfropf entsteht. Im schlimmsten Fall verstopft er die Blutzufuhr zum Gehirn und löst einen Schlaganfall aus. Besonders anfällig sind die Vertebralarterien im Nacken, die sich durch die Wirbel winden.

Immer mehr Fachärzte teilen die Ansicht, dass das Risiko solcher Eingriffe in einem eklatanten Missverhältnis zum möglichen Nutzen steht. »Es gibt keine einzige kontrollierte Studie, die irgendeine Wirksamkeit belegt«, sagt Hufnagel. »Das harte Einrenken der Halswirbel ist schlicht nicht zu verantworten.«

Bislang konnte die Kritik dem Nimbus der angeblich nebenwirkungsfreien Manualtherapie wenig anhaben. Das Geschäft ernährt mindestens 6000 deutsche Therapeuten - genau gezählt hat sie niemand. An die 1,5 Milliarden Euro nehmen die Ärzte, Krankengymnasten und Heilpraktiker mit chirotherapeutischer Zusatzausbildung ein, von Krankenkassen, Versicherungen und Chiro-Fans, die bis zu 60 Euro pro Eingriff selbst bezahlen.

»Die Halswirbel-Manipulation muss gestoppt werden«

Im Ausland, vor allem in Kanada, wird die Branche längst heftiger attackiert. Schon vor zwei Jahren schockierte der Neurologe John W. Norris, emeritierter Professor der Universität Toronto und Chef der Schlaganfallgesellschaft Canadian Stroke Consortium, die Fachwelt mit ersten Forschungsergebnissen über die Ursachen von Arterienrissen: 42 von 178 jungen Schlaganfallpatienten, die sein Team untersucht hatte, waren bei einer HWS-Manipulation zu Schaden gekommen - ein knappes Viertel.

Ende Februar dieses Jahres präsentierte das Konsortium neue Zahlen der Studie: Fast 40 Prozent aller untersuchten Schlaganfälle von Patienten unter 45 Jahren, die aus Schäden der Halsarterie herrührten, hätten Chiropraktiker zu verantworten. 60 kanadische Neurologen haben daraufhin eine Petition unterschrieben, die ein Verbot von HWS-Eingriffen fordert. Auch Betroffene wehren sich. Eine von ihnen ist Sharon Mathiason aus Saskatoon, Kanada. Ihre Tochter Laurie Jean starb im Februar 1998 im Alter von 20 Jahren an einem Schlaganfall infolge einer Nackenbehandlung. Mutter Sharon hält seitdem den Verein Laurie?s Advocacy for Victims of Chiropractic am Leben, ein Forum für Leidensgenossen. »Die Halswirbel-Manipulation muss gestoppt werden«, fordert sie im Internet, »damit es nicht weitere unschuldige Opfer gibt.«

Weder Ausbildung noch Methodik der Manualtherapie sind klar geregelt

Der Druck zeigt erste Erfolge. »Wir müssen endlich selbst versuchen, unseren Beruf kritisch zu betrachten«, fordert Jaroslaw Grod vom Canadian Memorial Chiropractic College in Toronto, einem führenden Ausbildungs- und Forschungszentrum der Branche. So weit sind die deutschen Lobbyisten noch nicht. Die Berufsverbände sind bemüht, die gefährlichen Nebenwirkungen der HWS-Behandlungen herunterzuspielen. »Äußerst selten« seien Zwischenfälle, betont etwa Karin Engel-Hüppe, Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Chirotherapie. Sie räumt allerdings ein, dass es »bei schlechter Technik in extremer Rotation der Halswirbelsäule« zu einer akuten Durchblutungsstörung oder gar einem Schlaganfall kommen könne.

Schlechte Technik und extreme Rotation sind hierzulande jedoch offenbar keine Seltenheit. Sogar Branchenmitglieder klagen offen über den Pfusch so mancher Kollegen. Weder Ausbildung noch Methodik der Manualtherapie sind klar geregelt. Die Lehrmeinungen driften weit auseinander. Manch ein Therapeut schwört auf kraftvolle Griffe, andere bevorzugen ganzheitliche Therapien für Körper und Seele. Heilpraktiker erwerben ihre Abschlüsse zum Chiropraktiker meist im Ausland, vor allem in den USA. In Deutschland werden diese Diplome weder von den Ärztekammern noch von den Krankenkassen anerkannt. Aber auch die Qualifikation von Ärzten zu Chirotherapeuten ist unter Fachleuten umstritten. Nicht selten lernen sie das Metier im Schnellgang auf Wochenendseminaren von zum Teil zweifelhafter Güte.

Die wenigsten werden über die Risiken informiert

Kaum ein Geplagter, der einen Chiropraktiker aufsucht, weiß, worauf er sich einlässt, denn nur die wenigsten werden über die Risiken informiert. Neun der ersten zehn Schlaganfallopfer etwa, die Neurologe Hufnagel untersucht hat, waren von ihrem Manualtherapeuten nicht über die möglichen Folgen aufgeklärt worden.

So wie Anja Geldschläger, die heute, mit 29, als Frührentnerin lebt und von ihrem Freund gepflegt wird. Im Juni beginnt ihr Prozess um Schadensersatz. Bis zu 500 000 Euro und mehr sind Opfern in ähnlichen Fällen bereits gezahlt worden. Und auch hier, sagt Geldschlägers Anwalt, seien die Aussichten gut, obwohl die Gegenseite versuche, einen vorausgegangenen Treppensturz für den Hirninfarkt verantwortlich zu machen.

Für Geschädigte, die von ihrem Chiropraktiker vorgewarnt worden seien, sieht Charité-Ärztin Schielke dagegen wenig Chancen vor Gericht: »Sie können als Arzt in Deutschland problemlos jemanden körperlich schwer schädigen, bis hin zum Tod. Sie müssen ihn nur vorher darüber aufklären.«

Rolf-Herbert Peters

Fotos: Eva Häberle; John Hryniuk

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