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Drosten im "Zeit"-Interview "Wir haben keine Pandemie der Ungeimpften, wir haben eine Pandemie"

Drosten Interview Zeit
In einem Interview betonte Christian Drosten, wie wichtig das Schließen der Impflücke ist
© Michael Kappeler / DPA
Der Berliner Virologe Christian Drosten hält es für falsch, von einer "Pandemie der Ungeimpften" zu sprechen, betonte er gegenüber der "Zeit". In dem Gespräch zeigte er zwei Wege für die Impfstrategie auf und erklärte, was seiner Ansicht nach nun kurzfristig wichtig wird.

Der Berliner Virologe Christian Drosten hat sich in einem "Zeit"-Interview zu der gegenwärtigen Situation und dem kommenden Corona-Winter geäußert. "Ich habe immer wieder dasselbe gesagt: Die Impfung ist der Weg aus der Pandemie, die Impflücken müssen geschlossen werden. Viel mehr gibt es jetzt nicht mehr zu sagen", erklärte Drosten gegenüber der Wochenzeitung.

Von einer Pandemie der Ungeimpften zu sprechen, halte er aber für falsch, wie er in dem Gespräch betonte. "Wir haben keine Pandemie der Ungeimpften, wir haben eine Pandemie", sagte der Leiter der Virologie in der Berliner Charité.  Die Delta-Variante habe leider die Eigenschaft, sich trotz der Impfung zu verbreiten. Nach zwei, drei Monaten beginne der Verbreitungsschutz der Impfung zu sinken. "Wir haben eine Pandemie, zu der alle beitragen – auch die Geimpften, wenn auch etwas weniger."

Drosten kritisierte in dem Gespräch abermals die Impflücke, insbesondere bei Älteren. Bei den Über-60-Jährigen liege die Quote vollständig Geimpfter in Deutschland bei nur 86 Prozent. Das sei "irrsinnig", so Drosten. Die Menschen seien "sehr gefährdet". Wer nicht geimpft sei, infiziere sich mit seinem jeweils alterstypischen Risikoprofil. "Viele werden dann auf der Intensivstation landen. Das überlastet die Intensivmedizin."

"Wir haben zwei Wege, die wir bei der Impfstrategie gehen können"

Was bedeuten der nachlassende Verbreitungsschutz der Impfungen und die Impflücken für den weiteren Infektionsverlauf? Bei der Impfstrategie sieht Drosten zwei Wege, die seiner Ansicht nach am besten kombiniert werden sollten: Der eine sei, die Impflücken "mit aller Macht" zu schließen. "Rein wissenschaftlich gesehen, würde eine flächendeckende Impfung der gesamten erwachsenen Bevölkerung die Belastung auf den Intensivstationen nachhaltig reduzieren", betonte der Experte. Bei geschlossenen Impflücken sei mit einer Letalität von unter 0,1 Prozent zu rechnen. Das entspreche dem Niveau einer schweren Influenza-Saison.

Omikron-Welle: Fast 460.000 Neuinfektionen pro Woche – diese Altersgruppen sind am stärksten betroffen

Drosten nannte auch eine "mit großem Elan" durchgeführte Kampagne für Drittimpfungen. Wichtig sei, mit den Booster-Impfungen bei den Alten zu beginnen. "Neben dem Schutz der Alten würde man wahrscheinlich den Übertragungsschutz wieder zurückerobern, dann wird die Inzidenz rapide sinken", betonte Drosten. Wahrscheinlich zumindest für die Dauer des Winters würde das den Herdenschutz gewährleisten. Er wolle aber nicht suggerieren, dass Boostern das Problem allein lösen könne. Die Zeit dafür sei wahrscheinlich "ohnehin zu knapp". 

Kurzfristig gehe es nun darum, die Zahl der Neuansteckungen zu verringern. "Mangels Alternativen wird man wegen der Ungeimpften wieder in kontakteinschränkende Maßnahmen gehen müssen", so Drosten. Ob das juristisch zu halten sei, wisse er aber nicht und wie genau diese aussehen werden, sei "Sache der Politik", ebenso wie das Vorgehen bei der Impfstrategie. Er hoffe in jedem Fall, dass Schulen nicht wieder geschlossen werden.

Auf Kontakteinschränkungen war der Virologe bereits in der aktuellen Folge des NDR-Podcast "Das Coronavirus-Update" von Dienstagabend zu sprechen gekommen. "Wir haben jetzt im Moment eine echte Notfallsituation", hatte er in der Folge betont. "Wir müssen jetzt sofort etwas machen."

Am Donnerstag erreichte die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz mit 249,1 einen Höchstwert seit Beginn der Pandemie. Die Zahl der Neuinfektionen kletterte mit 50.196 neuen Fällen binnen 24 Stunden ebenfalls auf ein Rekordhoch.

ikr

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