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Gouverneur lehnt Lockdown ab El Paso wird der Corona-Toten nicht Herr: "Ich habe überlebt, aber immer noch Angst um meine Mitmenschen"

Häftlinge versorgen Corona-Tote im texanischen El Paso
Häftlinge helfen im texanischen El Paso bei der Lagerung von Covid-19-Todesopern in Kühlwagen. Die Stadt an der Grenze zu Mexiko ist derzeit ein Hotspot der Pandemie.
© Mario Tama / Getty Images / AFP
Die Zahlen sind erschreckend, und doch hält der Gouverneur von Texas nichts von einem Lockdown. Jeder zehnte Einwohner der Stadt El Paso ist infiziert. Die Leichenschauhäuser reichen längst nicht mehr für die Toten.

Die Bilder erinnern stark an New York zu Beginn der Corona-Pandemie: In der texanischen Stadt El Paso ist die Corona-Lage derart außer Kontrolle geraten, dass die Leichen von Covid-19-Todesopfern in Kühlwagen gelagert werden müssen. Händeringend suchen die Gesundheitsbehörden nach Aushilfskräften, um der Lage wenigstens halbwegs noch gerecht zu werden. Für den Transport der Corona-Toten in die Kühlwagen sind bereits Häftlinge engagiert worden.

Sie tragen ihre gestreifte Kleidung, dazu Masken, Handschuhe und Schutzbrillen. Für zwei Dollar die Stunde bringen Strafgefangene Corona-Opfer aus der Gerichtsmedizin zu rund einem halben Dutzend Kühltransportern, weil die Leichenhalle überfüllt ist. Sie machten das freiwillig, betonte Bezirksrichter Ricardo Samaniego im Lokalfernsehen. "Wenn das Personal fehlt, wenn es keine Helfer gibt, dann haben wir keine andere Wahl", verteidigte er die Entscheidung.

El Paso: Jeder Zehnte ist infiziert

El Paso hat sich zu einem neuen Krisenzentrum der Corona-Pandemie in den USA entwickelt: Binnen zwei Monaten stieg die Zahl der Infektionsfälle in dem Bezirk um 242 Prozent, bis Mittwoch hatten sich 77.000 der rund 800.000 Einwohner mit dem Virus angesteckt. Über 800 starben an den Folgen.

Mehr als 19 Prozent der Corona-Tests fallen inzwischen positiv aus, acht Prozentpunkte mehr als der Durchschnitt in ganz Texas. Die von Gouverneur Greg Abbott festgelegte kritische Schwelle liegt bei zehn Prozent. Vergangene Woche überschritt Texas als erster Bundesstaat die Marke von einer Million positiver Tests seit Beginn der Pandemie. 

Corona: Viele sterben allein im Krankenhaus

Und wie zu Beginn der Corona-Krise in den USA im Frühjahr müssen Covid-Patienten wieder allein im Krankenhaus sterben. So wie Tomas Zavala in der vergangenen Woche: Obwohl der 82-Jährige und seine Frau Guadalupe seit Monaten ihre sozialen Kontakte gekappt hatten, auf den Besuch ihrer Enkel verzichteten und das Haus nur noch für Einkäufe oder Arztbesuche verließen, steckte er sich an, musste ins Krankenhaus und schon nach kurzer Zeit intubiert werden.

Niemand von der Familie durfte ihn besuchen. Seinem Sohn Tommy gelang es gerade noch, einen Priester zur letzten Ölung ins Krankenzimmer zu schicken - der Zeremonie konnten die Angehörigen dann nur per Zoom beiwohnen. Bis heute wissen sie nicht, wann sie den Leichnam holen und die Bestattung organisieren können. Tommy Zavala wurde bereits im Oktober positiv getestet, ebenso wie seine Frau Erica, die sich im Urlaub mit ein paar Freunden angesteckt hatte.

Restaurants und Bars sind weiter geöffnet

Erica Salas hat in den vergangenen Monaten eine tiefe Wandlung durchgemacht. Zu Beginn der Pandemie dachte die unternehmungslustige Versicherungsangestellte noch, das Virus sei nur für alte Menschen oder Menschen mit Vorerkrankungen gefährlich. Doch dann starb ein befreundeter Pfleger im Alter von 39 Jahren an Covid-19. Und dann erwischte das Virus auch sie.

Inzwischen sieht sich die 41-Jährige vor, folgt ihren eigenen strengen Vorkehrungen. Obwohl Restaurants und Bars in El Paso weiter geöffnet sind, geht sie nicht mehr hin. "Ich habe überlebt, aber ich habe immer noch Angst um meine Mitmenschen", sagt sie.

Gouverneur kassiert Lockdown wieder ein

Krankenschwester Lizette Torres vom Del Sol Medical Centre ist mit den geltenden Schutzmaßnahmen in El Paso unzufrieden. Sie fordert striktere Beschränkungen zum Schutz des überbeanspruchten Gesundheitssystems. Am Montag organisierte Torres' Gewerkschaft ein Hupkonzert im Zentrum, um die Einwohner dazu zu bringen, freiwillig zuhause zu bleiben. Eine Stunde lang zog der Konvoi durch die Stadt, Schilder an den Scheiben forderten: "Bleibt zu Hause" und "Unterstützt Krankenschwestern und Pfleger".

Richter Samaniego hatte Ende Oktober die Schließung aller nicht notwendiger Geschäfte angeordnet - doch wurde die Anordnung des Demokraten auf Initiative von Generalstaatsanwalt Ken Paxton von der ultrakonservativen Tea-Party-Bewegung und mehreren Restaurantbesitzern wieder gekippt. Und Gouverneur Greg Abbott, ein enger Verbündeter von Präsident Donald Trump, versicherte, dass es in Texas keinen Lockdown geben werde. Trump scheint sich spätestens nach seiner Wahlniederlage aus der Bekämpfung des Virus ausgeklinkt zu haben. Laut dem Immunologen Anthony Fauci wurde der Noch-Präsident seit Monaten nicht bei der Corona-Arbeitgruppe gesehen.

1050 Covid-Patienten in Kliniken der Stadt

In den Krankenhäuser von El Paso werden derzeit über 1050 Covid-19-Patienten behandelt, die Gesamtkapazität ist damit zu 49 Prozent ausgelastet. Auf den Intensivstationen des gesamten Bezirks gab es am Mittwoch nur noch 49 freie Betten. Die Zahl der Toten in Texas ist laut den Erhebungen der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore auf mehr als 20.500 angestiegen - das ist die zweithöchste Zahl aller Staaten. Fast 900.000 Texaner sind von einer Corona-Infektion genesen.

Die Vereinigten Staaten sind nach wie vor das am stärksten von der Pandemie betroffene Land. Laut Johns-Hopkins-Universität haben sich 11,7 Millionen US-Amerikaner bisher mit dem Erreger infiziert. Mehr als 250.000 Menschen kamen ums Leben.

dho / Julia Benarrous AFP

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