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Von anderen EU-Ländern abgehängt Deutschlands Impfquote schwächelt. Was bedeutet das mit Blick auf Herbst und Winter?

Imfquote Deutschland: Eine Frau wird gegen das Coronavirus geimpft
Impfen gegen Corona: In der Europäischen Union sind bislang vier Impfstoffe gegen das Coronavirus zugelassen
© Dinendra Haria/ / Picture Alliance
Deutschlands offizielle Impfquote fällt im Vergleich zu anderen EU-Ländern ab, darunter Italien, Frankreich und Spanien. Möglicherweise liegt das allerdings auch an Impfungen, die nicht richtig erfasst wurden. Klar ist: Eine hohe Impfquote ist mit Blick auf Herbst und Winter wichtiger denn je.

Ausreichend Impfstoff, aber weniger Impfwillige: Die Zeiten von "Impfneid" oder "Impffrust" sind in Deutschland lange vorbei. Mit spontanen Aktionen oder kleinen Präsenten sollen auch die letzten Unentschlossenen erreicht werden. Kreativ gibt sich die Berliner S-Bahn: Sie funktioniert kurzerhand einen Sonderzug auf der Ringbahn zur Impf-Lok um. Und auch in Hamburg soll der Gang zur Spritze möglichst bequem sein – oder sogar ganz entfallen: Die Hansestadt bietet spontane Impfungen in Einkaufszentren, Kirchengemeinden oder dem Millerntor-Stadion an.

Doch trotz bundesweiter Aktionen steigt die Impfquote in Deutschland zuletzt nur noch langsam: 65 Prozent sind nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) mindestens einmal geimpft; rund 60 Prozent haben den kompletten Impfschutz. Das klingt zunächst viel, bedeutet aber auch, dass laut offizieller Daten von 100 Personen 40 noch keinen oder keinen vollständigen Impfschutz haben.

Hohe Impfquote in Spanien

Einige EU-Staaten sind weiter, wie aus Zahlen des Statistik-Portals "Our World in Data" hervorgeht, das sich aus den offiziellen Daten der einzelnen Länder speist. In Spanien sind rund 78 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal geimpft (vollständig: 69 Prozent). Auch Frankreich kommt bei der Zahl der mindestens Erstgeimpften auf einen höheren Wert. Er liegt bei 71 Prozent (vollständig: 58 Prozent). In Italien haben 70 Prozent der Bevölkerung mindestens die erste Dosis bekommen, davon 60 Prozent auch bereits die zweite. (Stand der Zahlen: 30. August)

Deutschland rangiert in der Statistik derzeit auf dem zehnten Platz, die USA auf Platz zwölf.

Untererfassung wahrscheinlich

Allerdings gibt es auch Zweifel an den deutschen Impfzahlen: So förderte eine Erhebung des RKI kürzlich vor allem in der Altersgruppe der 18- bis 59-Jährigen größere Unterschiede zutage. Deutlich mehr Menschen gaben demnach an, geimpft zu sein, als aufgrund der offiziellen Zahlen zu erwarten gewesen wäre.

Eine Rolle könnten Impfungen mit dem Vakzin von Johnson&Johnson spielen. Von dem Impfstoff wird lediglich eine einzelne Dosis benötigt. Vertragsärzte melde­ten diese Immunisierungen ausschließlich als zweite Impfdosen. Außerdem sei keine Zuordnung von Impf­stoff und Altersgruppe möglich, erläutert das RKI. Die Impfquoten der mindestens einmal Geimpften nach Altersgruppen würden daher "systematisch zu niedrig ausgewiesen".

Das RKI verweist auch darauf, dass bislang nur die Hälfte der registrierten Betriebsärzte Impfungen melden. Dies könnte ebenfalls ein Hinweis auf eine Untererfassung der Impfquoten sein. 

Sind die Impfzahlen in Deutschland damit höher als die offiziellen Zahlen nahelegen? Zumindest mit Blick auf den kommenden Herbst und Winter wäre das keine schlechte Nachricht: Impfungen schützen sehr sicher vor schweren Verläufen durch Covid-19. Eine hohe Impfquote gilt als essenziell, um eine Überlastung des Gesundheitswesens bei steigenden Fallzahlen zu verhindern und das Infektionsgeschehen insgesamt auszubremsen.

Immunologe mahnt: "Wir müssen handeln"

Fraglich ist aber, ob die Impfquote auch bei Berücksichtigung von möglicherweise nicht richtig erfassten Impfungen in einen Bereich kommt, der laut RKI benötigt wird, um das Infektionsgeschehen mit Delta einzudämmen. Das RKI hat vorgerechnet: Um die hochansteckende Variante unter Kontrolle zu bringen, müssten schätzungsweise 85 Prozent der 12- bis 59-Jährigen und 90 Prozent der Senioren ab 60 Jahren geimpft sein. Noch sind diese Werte vor allem unter Jüngeren längst nicht erreicht und die Fallzahlen ziehen derzeit stark an.

"Wenn wir eine absehbare Überlastung des Gesundheitssystems vermeiden wollen, müssen wir handeln", schreibt der Immunloge Carsten Watzl auf Twitter und verweist unter anderem auf steigende Inzidenzen unter Ungeimpften. Zwei Maßnahmen sind aus seiner Sicht dabei besonders wichtig: eine höhere Impfquote sowie 2G – also Zutritt zu Großveranstaltungen und Veranstaltungen in Innenräumen nur noch für Geimpfte und Genesene. Im Gegenzug entfallen unter 2G viele Corona-Beschränkungen.

Zwar könne und dürfe niemand zur Impfung gezwungen werden und jeder habe das Recht, sich für die Infektion zu entscheiden. Um allerdings zu verhindern, dass infizierte Ungeimpfte das Gesundheitssystem überlasten, müsse das Infektionsrisiko dieser Gruppe gesenkt werden, so Watzl. Gleichzeitig betonte er: "Die Impfung ist viel sicherer als die Infektion."

Mit der 2G-Regel, die in Hamburg bereits als Option gilt, werde "Druck aufgebaut, um es attraktiver zu machen, sich und andere zu schützen", erklärte Alena Buyx, Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, kürzlich im Gespräch mit NDR Info. Kritik, 2G sei eine Impfpflicht durch die Hintertür, wies Buyx zurück. "Eine Pflicht ist etwas, dem man sich nicht entziehen kann."

Bundesweit gilt in Deutschland nach wie vor 3G: Zutritt für bestimmte öffentliche Innenräume haben damit Geimpfte, Genesene und Geteste. Einzelne Bundesländer, aber auch Städte, kündigten aber bereits an, eine 2G-Regel bei steigenden Fallzahlen zumindest zu prüfen.

ikr

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