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Pandemie: Die Corona-Warn-App ist da - Virologin Melanie Brinkmann spricht über Vor- und Nachteile

Die offizielle Corona-Warn-App des Bundes steht seit heute zum Download bereit. Was nutzt die App in Zeiten niedriger Infektionszahlen? Eine erste Einschätzung der Helmholtz-Virologin Melanie Brinkmann.

Die Corona-App startet in Deutschland

Frau Prof. Brinkmann, am heutigen Dienstag ist die Corona-Warn-App an den Start gegangen. Sie soll dabei helfen, Kontaktpersonen zu ermitteln, die sich möglicherweise mit dem Coronavirus angesteckt haben könnten. Braucht Deutschland überhaupt eine solche App? Immerhin sind die Infektionszahlen niedrig, beim Einkaufen und in öffentlichen Verkehrsmitteln gilt nach wie vor eine Maskenpflicht.

Ich bin überzeugt davon, dass wir sie brauchen. Ich habe sie gerade installiert! Sie kann einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass wir im Herbst, wenn die Infektionsgefahr wieder größer wird, gut vorbereitet sind, und wir frühzeitig gegen eine zweite Welle ansteuern können. Aber man muss auch klar sagen: Sie ist kein Wunderwerkzeug, das uns alleine, ohne andere Werkzeuge wie Masken und Abstandsregeln, aus der Pandemie retten wird. Wir müssen sie im Konzert mit anderen Maßnahmen sehen. Und sie muss natürlich auch gut funktionieren - das werden wir sehen.

Wie kann die App dem Einzelnen ganz konkret nutzen?

Sie macht uns schneller – bislang rennen wir dem Infektionsgeschehen hinterher. Dies liegt daran, dass die einzelnen Schritte, die zur Erkenntnis führen, dass ich infiziert bin, recht lange dauern. Bis dahin kann ich bereits weitere Menschen angesteckt haben. Das ist ja gerade das Tückische an diesem Virus, dass ich schon in der Phase, in der ich keinerlei Symptome habe, andere anstecken kann. Also je früher ich weiß, dass ich eventuell dem Virus exponiert war, desto schneller kann ich mein eigenes Verhalten ändern und selbst zum Beispiel ein paar Tage zu Hause bleiben und mich testen lassen. In der Zeit hätte ich ohne App eventuell schon andere angesteckt. Und eine solche Warnung, dass ich mehr als einen flüchtigen Kontakt zu einer infizierten Person hatte, ist nun auch möglich für Begegnungen mit Unbekannten irgendwo im öffentlichen Raum, beispielsweise in öffentlichen Verkehrsmittel, im Kino oder im Restaurant.

Das wären allesamt Vorteile der App. Wie sieht es mit Nachteilen aus?

Sie hat ein paar Nachteile – sie kann zum Beispiel nicht zwischen drinnen und draußen unterscheiden, und kann nicht berücksichtigen, ob die Personen eine Maske getragen haben oder beispielsweise einen Plexiglasschutz zwischen sich hatten. Aber besser sie gibt ein paar Mal zu häufig einen Alarm als zu selten. Ein weiterer Nachteil meiner Meinung nach ist, dass sie aus Datenschutzgründen nicht erfasst, wo genau und zu welchem Zeitpunkt die infizierte Person anderen Menschen begegnet ist – dadurch haben wir einige wertvolle Information nicht. Wir hätten über das Virus und die Umstände, wie es übertragen wird, viel lernen können. Und man hätte zum Beispiel weitere Personen, die die App nicht benutzen, zusätzlich über ihr Infektionsrisiko informieren können.

Umfragen zufolge sind 42 Prozent der Menschen bereit, die App auch zu nutzen. Wird das reichen?

Ja, das würde tatsächlich schon einen großen Nutzen bringen. Ich wäre begeistert, wenn so viele Menschen sie benutzen würden. Aber es gilt: Je mehr, desto besser! Der Datenschutz wurde für die deutsche App so weit nach vorne gestellt, dass meines Erachtens nun wirklich keinerlei Bedenken gegen die Nutzung sprechen sollten. Das ist eine große Chance für die App! Hoffentlich überzeugt das nun auch Skeptiker, so dass auch diese die App installieren und nutzen werden.

Hätte die Corona-Warn-App einen größeren Nutzen gehabt, wenn sie früher erschienen wäre?

Es wäre natürlich hilfreich gewesen, ein solches Werkzeug bereits im Januar am Start gehabt zu haben. Aber Sie kennen ja das Präventionsparadox - hätte man wirklich Geld und Energie in die Entwicklung einer solchen App gesteckt, wenn die Bedrohung nur fern am Horizont gewesen wäre, noch nicht einmal sichtbar? So ist es ja häufig: Maßnahmen zur Vorsorge beziehungsweise zur Vermeidung sind immer sehr schwierig zu kommunizieren, das kennt man in vielen Bereichen der Medizin.

Und wäre es von Vorteil gewesen, wenn wir sie schneller entwickelt hätten im Laufe der Sars-CoV-2 Pandemie? Na klar! Aber jetzt muss man kurz überlegen, warum es so lange gedauert hat – man hätte ja einfach eine App aus den asiatischen Ländern einführen können. Aber dann hätten viele Deutsche, die berühmt für ihre Liebe zum Datenschutz sind, sie nie benutzt. Also musste man von vorne anfangen und ein Produkt entwickeln, das die Datenschutzbedenken voll berücksichtigt. Und das hat geklappt – auch wenn es etwas länger gedauert hat. Jetzt muss sie zeigen, was sie drauf hat.

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Mit der App sind hohe Erwartungen verknüpft. Ist sie ein wichtiger Schritt Richtung Normalzustand?

Diese Tracing-App kann dazu beitragen, dass unser Leben wieder in normaleren Bahnen verlaufen kann. Es müssen aber viele weitere Komponenten mit dazu beitragen - starke Gesundheitsämter, weiter entwickelte schnellere Tests, gute Masken. Großveranstaltungen in Innenräumen, bei denen stark gefeiert wird und keine Maske getragen werden, sind aus infektiologischer Sicht weiterhin ein Problem. Die App ist aber ein wichtiger Schritt, da wir erstmals ein Werkzeug an die Hand bekommen, das uns einen wertvollen Zeitvorteil bei der Nachverfolgung von Infektionsketten verschaffen kann. Außerdem kann sie Wirkung entfalten in Bereichen, wo wir bislang keine Chance zur Kontaktnachverfolgung hatten, nämlich bei der Begegnung mit unbekannten Personen. Deshalb denke ich, dass die Corona-Warn-App ein ganz wichtiger Schritt hin zu einem normaleren Leben ist, wie wir es vor der Pandemie hatten.

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