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"Anne Will" "Ungeimpfte treiben gerade die Pandemie" – doch die Runde will trotzdem keine Impfpflicht

Moderatorin Anne Will (l.) hört Virologin Melanie Brinkmann zu
Moderatorin Anne Will (l.) hört Virologin Melanie Brinkmann zu
© NDR/Wolfgang Borrs
Bei "Anne Will" wird kräftig fürs Impfen geworben – für eine allgemeine Impfpflicht ist aber nicht einmal die Virologin in der Runde.
Von Jan Zier

Der Chef des Robert-Koch-Institutes hat eine "ernste Notlage" ausgerufen, aber ein genereller Lockdown, der auch so heißt, ist derzeit politisch tabu. Am Arbeitsplatz, in Bus und Bahn soll nun trotzdem 3G, in der Freizeit, für Kultur, Gastronomie und Sport flächendeckend 2G gelten, zudem fordern die Länder eine Impflicht für das Personal in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Reicht das? Das ist die Frage bei "Anne Will": "Die Corona-Notlage – Kann Deutschland die vierte Welle noch brechen?"

Wer hat diskutiert?

  • Hubertus Heil (SPD), Bundesminister für Arbeit und Soziales
  • Tobias Hans (CDU), Ministerpräsident im Saarland
  • Melanie Brinkmann, Virologin am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, Professorin der Technischen Universität Braunschweig
  • Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP), Mitglied des Bundestages und Mitglied im Bundesvorstand
  • Cornelia Betsch, Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt und Leiterin des "COVID-19 Snapshot Monitoring" (Cosmo)

Wie lief die Diskussion?

Wenn zwei Wissenschaftlerinnen den höchsten Redeanteil bei "Anne Will" haben, dann ist das erst einmal ein gutes Zeichen für die viel geschmähte Talkshowkultur. Sie sei "wahnsinnig frustriert" von der aktuellen Corona-Notlage, sagt die Virologin Melanie Brinkmann, Mitautorin eines offenen Briefes von WissenschaftlerInnen, der mittlerweile über 500 Mitunterzeichner hat. "Jeder Tag des Abwartens kostet Menschenleben", heißt es darin – der Brief ist ein dringender Appell an die politisch Verantwortlichen.

Einer von ihnen, Saarlands Ministerpräsident Tobias Hans von der CDU lässt in der Sendung durchblicken, dass er sich weniger von der Wissenschaft als vom Prinzip Hoffnung hat leiten lassen, als die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie noch im Herbst gelockert wurden. Ja, er habe die Wucht der vierten Welle "nicht vorausgesehen", ja, er habe gedacht, "das kann man schaffen". Und auch er war dafür, Ende Oktober die "epidemische Notlage von nationaler Tragweite" aufzuheben – was er nun als "falsches Signal" kritisiert. Jetzt fordert er, das auch Tier- und Zahnärzte und Apotheker die Menschen gegen Corona impfen sollen. "Es wurde davor gewarnt, welche Kraft die Delta-Variante des Corona-Virus hat", sagt Brinkmann, die nochmal liebevoll plastisch anhand eines Fußballstadions erklärt, was exponentielles Wachstum ist, und das dass im Grunde schon im Sommer begonnen hat.

Wo 2G und 3G nicht reichen werden

Die jetzt beschlossenen Maßnahmen – also etwa die 2G und 3G-Regeln – werden auch konsequent umgesetzt "dort nicht reichen, wo die Inzidenzen schon jetzt sehr hoch sind", analysiert Brinkmann, in Bayern etwa und in Sachsen. "Die Ungeimpften treiben gerade die Pandemie", sagt die Virologin. Eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen ist für sie aber auch "nur ein Tropfen auf den heißen Stein". Was nicht heißt, dass sie einer generellen Impfpflicht das Wort reden will: "Das Problem ist die Zeit, und die läuft uns gerade weg". Brinkmann fordert vor allem massive Kampagnen für das Impfen – es sei lange absehbar gewesen, dass die Impfquote nun "auf einem Plateau angekommen" sei. Und dass diese Quote nicht reicht, wenn man gegen die Delta-Variante kämpft.

Psychologin Cornelia Betsch bringt dabei eine Beratungspflicht für Ungeimpfte ins Spiel – Studien in den USA hätten gezeigt, dass das die Impfquoten erhöhen kann. "Die Präferenz der Menschen für eine Impfpflicht steigt", sagt Betsch, die sich mehr "öffentliche Politikberatung" wie die des RKI-Chefs Lothar Wieler wünscht. Auch sie kritisiert die "uneinheitliche Kommunikation" der Politik und ihr viel zu langsames Handeln. Gerade unterschiedliche und schwer zu verstehende Regeln brächten immer wieder Vertrauensverlust in die Politik, an deren Maßnahmen sich die Menschen aber orientierten – mehr als an den Empfehlungen der Wissenschaft. Zugleich könnten die meisten Menschen die Situation durchaus "gut einschätzen", so Betsch.

Heil lobt Italien für seine Corona-Politik

Hubertus Heil, Noch- und vielleicht auch Wieder-Arbeitsminister findet, dass er zum "Team Vorsicht" gehört, und will erst einmal die neuen Regeln der Ministerpräsidentenkonferenz erklären, und natürlich, wie alle anderen in der Runde auch, eindringlich für das Impfen werben. Zugleich gibt er sich ein wenig selbstkritisch und lobt Italien für seine Corona-Politik. Von einer allgemeinen Impfpflicht will aber auch er nicht reden, er sieht da aber auch große juristische Probleme – rechtssicher umzusetzen sei das erst einmal nur einrichtungsbezogen, glaubt Heil.

Der besondere Moment

Marie-Agnes Strack-Zimmermann von der FDP wird gerade als mögliche neue Verteidigungsministerin gehandelt – warum sie hier in der Runde eingeladen ist, bleibt unklar. Sie nutzt aber die Gelegenheit, um sich als soziales Gewissen zu profilieren und auf "unvorstellbar große soziale Probleme in der Gesellschaft" aufmerksam zu machen, und auf die "große soziale Verantwortung der Politik". Die Hälfte der bisher Ungeimpften sei noch für eine Impfung zu gewinnen, glaubt sie – um die andere Hälfte, die "irgendwo im Leben falsch abgebogen" sei, will sie sich erstmal nicht mehr kümmern. Bleiben wird von ihr an diesem Abend vor allem der Satz: "Eine Impfpflicht ist kein Impfzwang".

Die Erkenntnisse in Thesen

  • Die Inzidenzen sind derzeit vor allem dort hoch, wo die Impfquoten niedrig sind. "Unser Hauptproblem sind die Ungeimpften", sagt die Virologin Melanie Brinkmann.
  • In 9 von 10 Ansteckungen mit dem Corona-Virus sind derzeit Ungeimpfte involviert, sagt Cornelia Betsch.
  • Zuletzt gab es laut ARD über 50.000 Neuinfizierte am Tag – was rechnerisch, also: statistisch betrachtet zu etwa 400 Todesfällen führen wird.

Fazit

"Sendungen dieser Art reichen nicht", sagt Marie-Agnes Strack-Zimmermann, wiewohl an diesem Abend immer wieder die Bedeutung von "Anne Will" für die Aufklärung des Volkes betont wird. Gezeigt hat der Abend aber auch, wie sehr die Diskussionskultur profitieren kann, wenn Frauen die Mehrheit in so einer Runde stellen – und nicht vor allem Politiker, sondern Wissenschaftler das Wort haben.

tkr

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