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Durch Unfall entstellt: Das Feuer fraß sein Gesicht

Raffi Berberian war 30 Jahre alt, als bei einer Gasexplosion seine Augen, Nase, Ohren und die Hälfte seiner Haut verbrannten. 50 Operationen später ist er noch immer entstellt. Ein Hamburger Chirurg will Berberian nun zu einem neuen Gesicht verhelfen - kostenlos.

Von Özlem Topcu

Es war ein Mittwoch vor fünf Jahren, als Raffi Berberian sein Gesicht verlor. Als ihm bei einer Gasexplosion in seiner Werkstatt in Aleppo (Syrien) Augen, Nase, Ohren und Haare verbrannten. Die Finger seiner beiden Hände regelrecht zusammen schmolzen. Mehr als die Hälfte seines Körpers, seiner Haut verbrannten.

Der heute 35-jährige Hydraulik-Fachmann überlebte den Unfall schwer verletzt. Wie es zu der schweren Explosion kommen konnte, weiß er nicht mehr. Er kann sich an fast nichts erinnern. "Meine Kollegen und ich waren gerade dabei, ein Gerät zu reparieren. Ich weiß gar nicht mehr, was für eins. Ich wollte Schrauben mit Hitze lösen. Keiner hatte mir gesagt, dass sich Gas in dem Gerät befand", sagt er. Seine beiden Kollegen überlebten die Explosion nicht.

Ein neues Gesicht, ein neues Leben

Heute, fünf Jahre später, ist er nach Deutschland gekommen, nach Hamburg. Hier soll er ein neues Gesicht bekommen. Ein neues Leben. George Khoury, leitender Arzt der Estetica Clinic in Hamburg, will Berberian helfen. In mehreren Operationen will er Haut gewinnen und transplantieren, neue Ohren aus Knorpel modellieren, Augenbrauen formen und in Berberians Gesicht verpflanzen. Kostenlos. "Sein Schicksal berührt mich", sagt der Arzt mit syrischen Wurzeln.

Heute ist Raffi Berberian in Hamburg, 4000 Kilometer von seiner Heimat entfernt. Es sind nicht die ersten 4000 Kilometer, die der Armenier zurückgelegt hat, um wieder so auszusehen wie früher. Oder wenigstens ein bisschen so.

Seine Frau ertrug seinen Anblick nicht

Der Weg begann, nachdem er aus dem Koma erwachte. 48 Tage nach der Explosion. "Ich war mittlerweile auf der Intensivstation eines Krankenhauses in Amman, in Jordanien. Als ich die Augen öffnete, konnte ich mich nicht bewegen, war stocksteif. Ich konnte mich nicht spüren, meinen Körper nicht spüren. Ich konnte nicht aufstehen, mich nicht bewegen, nicht auf die Toilette gehen. Ich konnte nichts", sagt er. Spiegel gab es in seinem Zimmer nicht. Seine Eltern hatten dafür gesorgt, dass sie abmontiert wurden. Sie hatten Angst, dass sich ihr Sohn umbringt. "Aber ich brauchte keinen Spiegel. Irgendwann wusste ich, wie ich aussehe. Ich konnte es fühlen." Fünf weitere Monate war der Ingenieur ans Bett gefesselt.

Nur fünf Monate vor der Explosion hatte Berberian geheiratet. Nach armenisch-orthodoxem Brauch. Ein Ehekranz, den die Brautleute auf dem Kopf trugen, segnete die Heirat. So will es die Tradition. Es war ein schönes Fest. Berberian und seine Frau schworen sich ewige Liebe und Treue. Sie hatten Pläne, wollten Kinder.

Marietta (Name geändert) ließ sich kurz nach Raffi Berberians Unfall scheiden. Sie ertrug seinen Anblick nicht, seinen Schmerz. Ihren Schmerz. "Da wurde mir eines klar. Ich musste mich entscheiden - entweder gegen oder für das Leben."

"Raffi ist ein Gelegenheit, Gutes zu tun"

Der Weg führte von Jordanien weiter nach Frankreich, dann in die Ukraine und nach Russland. Operationen folgten auf Operationen, mehr als 50 Stück. Berberians Eltern verkauften ihr Haus in Aleppo, um die Krankenhausaufenthalte und die Reisen bezahlen zu können. "Ich wünschte, ich hätte ihn von Anfang an betreuen können", sagt Schönheitschirurg Khoury. "Wenn ich Raffis narbenübersäten Körper betrachte, muss ich mich fragen: Warum ist das Resultat nicht besser?"

Teil 2: Raffis Hoffnungen und Khourys Visionen

Arzt und Patient lernten sich kennen, als Khoury vergangenes Jahr bei einem Kongress für Ästhetische Chirurgie in Aleppo war. Kollegen erzählten ihm von dem Fall. "Raffi war am ganzen Körper Haut entnommen worden. Es ist praktisch nichts mehr übrig", sagt Khoury.

Der Arzt sitzt in seinem Büro im Spitaler Hof. Die Möbel hat er aus seiner Heimatstadt Lathakiya mitgebracht. Dunkles Holz, mit Perlmutt-Steinen besetzt, auf dem Couchtisch liegen Hochglanzmagazine. Auf einem Cover ist Pierce Brosnan zu sehen. Neben den Zeitschriften Silikon-Einsätze für Brüste. Etwa 120 Brustpaare vergrößert Khoury durchschnittlich in einem Jahr, korrigiert 200 Nasen, strafft 400 Lidpaare und entfernt genauso viele Tränensäcke. "Aber Raffi", sagt der 41-Jährige, "Raffi ist eine operative Vision. Ein Geschenk. Eine Gelegenheit, Gutes zu tun."

Doch das ist nicht einfach. "Wir brauchen mehr Haut, die wir verpflanzen können", sagt Khoury. Deshalb hat er Berberian eine Art Ballon unter die Haut eingesetzt, der sie dehnen soll. "Damit gewinnen wir etwa 15 Quadratzentimeter Haut, die ich ihm in drei Monaten ins Gesicht transplantieren werde."

"Er ist ein sehr bescheidener Mensch", sagt Khoury über seinen Patienten und lächelt ihm wohlwollend zu, so, wie ein älterer Bruder seinem jüngeren zulächeln würde. Berberian hat Khourys Handynummer und darf ihn jederzeit anrufen, wenn etwas ist. So wie kürzlich am Wochenende, als der Arzt zu einem Golfturnier mit Kollegen nach Sylt gefahren war. Er hatte leichtes Fieber, der Ballon in seinem Rücken drückte und verursachte Schmerzen. Noch am Abend trafen sie sich in Khourys Praxis.

So aussehen wie früher? Das verlangt er nicht

Berberian hat zwei Fotos seines früheren Gesichts mitgebracht. Er hält die Bilder mit der Rückseite nach oben. Ganz vorsichtig, damit keine Fingerabdrücke darauf kommen. Er legt sie so, mit der weißen Seite nach oben, auf den Tisch. Wie bei Verhandlungsangeboten, nur dass auf der abgedeckten Vorderseite kein Preis steht, sondern der alte Raffi Berberian zu sehen ist. Ein lächelnder Raffi in einem roten Pulli, großen braunen Augen und buschigen schwarzen Augenbrauen. Und ein Raffi bei seiner Hochzeit, in einem dunklen Anzug. Mit dem Ehekranz auf dem Kopf.

"Bei den meisten Menschen, die so schwere Unfälle erleiden, läuft es ähnlich ab: Nach dem Schock und dem Trotz gegen das Schicksal setzt Akzeptanz ein. Dann kommt die stille Hoffnung, irgendwann wieder so auszusehen wie früher", sagt Khoury.

Doch daran glaubt Berberian nicht. Er verlangt es auch nicht. Die Operationen sind Routine geworden. Angst hat er keine. Bis zur nächsten Operation wartet er in der Wohnung in der Süderstraße in Hamburg, die Bekannte für ihn gemietet haben. Schaut fern, Landsleute besuchen ihn. Auf die Straße geht er nicht gern.

Dennoch, sagt er, habe er sein Schicksal akzeptiert, seinen Platz darin gefunden. Heute, nach mehr als 50 Operationen, tausenden Kilometern. Auf der Suche nach einem neuen Gesicht. Warum er das alles mache? Woher er die Kraft nehme? "Ich will leben", sagt Raffi Berberian.

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